# Synodical Conference Convention Proceedings_St. Louis Missouri_1896_S6 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 6 Verhandlungen der ſechzehnten Verſammlung Kanzeln, in den Schulen, und allenfalls in den kirchlichen Blättern bleibt, läßt ſich ſo mancher dieſelbe gefallen, wenn man es nur mit der Praxis nicht ſo genau nimmt, daß es ihm unbequem wird. Man kann wohl zeugen gegen die ungöttlichen geheimen Geſellſchaften, gegen allerlei Weltweſen, das auch in die Gemeinden hereinzufluthen angefangen hat, ſo lange man die Ein⸗ zelnen nach Belieben machen läßt. Sie wollen's, wie ſie ſagen, ſchon ver⸗ antworten. Wir ſollen ja nicht die Augen dagegen verſchließen, daß die ſchwerſte Gefahr, die uns jetzt droht, wohl nicht die eines bevorſtehenden Lehrkampfes ſein dürfte. Die Lehre iſt, Gott Lob! unter uns ſo laut, ſo klar, ſo reich und voll dargelegt und anerkannt, daß es ſchon ſchwer halten dürfte, daran zu rütteln, ohne daß der, der zu rütteln wagte, ſich damit das Zeugniß ausſtellte, daß er in Irrthum gerathen ſei. Aber es iſt die Signa⸗ tur der letzten Zeit, daß ſie verſeſſen iſt auf die Dinge dieſer Welt und Zeit, auf Eſſen und Trinken, auf Freien und ſich freien laſſen, hier auf Erden ſich das Paradies einzurichten und das Paradies droben, wie es einer ihrer Sänger ausgedrückt hat, „den Engeln und den Spatzen zu überlaſſen“. Und wenn wir nicht bei Zeiten wachen, warnen, rührig und rüſtig ſind, dieſer Gefahr zu begegnen, dann kann es dahin kommen, daß die göttliche Lehre, die reine, lautere Wahrheit eine Zeit lang, bis der Unflath durch⸗ bricht, ein Deckmantel für allerlei Bosheit wird. Zum andern iſt auch deshalb eine eingehende Behandlung dieſes Gegen⸗ ſtandes nütze und noth, weil die Praxis mit der Lehre auf das innigſte zu⸗ ſammenhängt. Eine falſche Lehre hat eine falſche Praxis zur Folge. Eine falſche Lehre von Kirche und Amt hat zur Folge entweder eine Pöbelherr⸗ ſchaft oder eine Prieſterherrſchaft in der Kirche oder über die Kirche, und eins wie das andere iſt vom Teufel. Wir haben in unſerer americaniſch⸗ lutheriſchen Kirche ja die Belege dafür aus ihrer kurzen Geſchichte, wohin eine falſche Lehre von Kirche und Amt führen kann, und es ſind vielleicht ſolche unter uns, die es an ſich ſelbſt erfahren haben. Und wiederum, eine falſche, ſchriftwidrige Praxis wird mit der Zeit falſche Lehre zur Welt ge⸗ bären, wie aus dem gottloſen Leben das Verlangen nach gottloſer Lehre ganz von ſelbſt folgt. Nicht umgekehrt iſt zuerſt die falſche Lehre in der Welt und hernach das auf die falſche Lehre ſich gründende und auf ihr be⸗ ruhende gottloſe Leben; ſondern die Menſchen lieben die Finſterniß mehr denn das Licht, die Lüge mehr denn die Wahrheit, weil ihre Werke böſe ſind, wie auch der Apoſtel die Heiden beſchreibt, daß ſie durch Lüſte im Irrthum ſich verderben. Dem practiſchen Materialismus unſerer Tage folgt der theoretiſche Materialismus, das Evangelium der Religion des Fleiſches. Weil die Menſchen gottlos ſind, freuen ſie ſich, daß jemand kommt, der ihnen demonſtrirt, oder zu demonſtriren vorgibt, daß ihre Gott⸗ loſigkeit ganz in der Ordnung ſei. So würden wir, wenn bei uns allge⸗ mein eine verkehrte Praxis einriſſe, ſicherlich das Kleinod der reinen Lehre verlieren.