# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_September 1858_S288 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 288 Kirchlich⸗Zeitgeschichtliches. Die Summa ist die, daß die jetzige lutherische Kirchenleitung und das Lutherthum den trau⸗ rigen Zustand nicht geschaffen, sondern vorgefunden, aber hin und wider auch schon beseitigt oder gemildert hat. Vor anderm waren es der schlechte Kirchenbesuch, die Sonntagsenthei⸗ ligung, die unehelichen Geburten, der geringe Stand der Volksbildung, womit man auf Kirchentagen und in Zeitungen des Lutherthum todtzuschlagen suchte. Der Artikel der Ev.⸗ K.⸗Z. beweist nun, daß theils die politischen, namentlich die gutsherrlichen Verhältnisse, theils auch der Rationalismus die Schuld davon tragen; daß aber die Zustände lange nicht so schwarz sind, als man sie gemacht hat. Die gegen das Lutherthum unermüdlich eifernde protest. K.⸗Z. sieht sich genöthigt, in Folge dessen zu bekennen: „In der Ev.⸗K.⸗Z. ist ein Artikel aus Meklenburg zu lesen, der uns durch seine verständige Haltung überrascht hat. Wir nehmen um so lieber Rücksicht auf seine Auseinandersetzung, als es uns selbst verschie⸗ dentlich verdrossen hat, daß die Sache in den liberalen Zeitungen und auch in unserer P. K.⸗ Z. eine solche Darstellung gefunden hat, wornach man meinen könnte, als ob das neue Lu⸗ therthum diese sittliche und kirchliche Verwarlosung verursacht habe. Um der Gerechtig⸗ keit willen erklären wir, daß wir mit dem Verfasser darin einverstanden sind, daß diese Zu⸗ stände ganz wo anders ihre Ursache haben, schon darum, weil sie erweislichermaßen lange vor dem neuen Lutherthum bestanden. Aber freilich dem Vorgänger des neuen Lutherthums, dem Rationalismus, vermögen wir sie auch nicht in die Schuhe zu schieben, wie der Verfas⸗ ser, um derselben Gerechtigkeit willen; wiewohl wir auf Grund eigener Anschauung das bestätigen können, daß derselbe zur Entleerung der Kirchen sein gut Theil beigetragen hat. Die Heillosigkeit der sittlichen und kirchlichen Zustände im meklenburger Lande hat einen viel tieferen und älteren Grund: Die Verwüstung des Landes durch ein unvergleichli⸗ ches Junkerthum, die Vernichtung des freien Bauernstandes und die Verwandelung der Be⸗ völkerung in fast leibeigenes Proletariat, wie sie seit der Zeit des 30jährigen Krieges mehr als in irgend einem anderen deutschen Lande stattgefunden hat.“ Wenn der Verfasser bis dahin im Rückzuge begriffen ist, so nimmt er alsbald wieder die Miene an, seine alte Stellung zu behaupten. Er hält jene heillosen Zustände dennoch dem neuen Lutherthum vor, damit es beweise, ob es das Universalheilmittel sei, als welches es sich „unablässig mit vollen Backen anpreise.“ Es sei jedenfalls abzuwarten, ob es die Uebel nicht verschlimmere. Nach genauen statistischen Angaben aus einer größeren Landgemeinde sieht man in der Zeit des Rationalismus ein von Jahr zu Jahr zunehmendes Sinken des Kirchenbesuches und der Communicantenzahl, sowie ein Steigen der unehelichen Geburten. Erst in der neuern Zeit, seit das Wort Gottes wieder rein und lebendig verkündigt ist, haben sich die Zustände gebessert. Jedenfalls hat also das Lutherthum die Uebel nicht verschlim⸗ mert. Für das Universalheilmittel, das alle Junker zur Besinnung bringen, alle Pastoren in Männer Gottes verwandeln, alles Proletariat abstellen und das tausendjährige Reich aufrichten kann, hat sich das Lutherthum noch nie ausgegeben, hat daher auch noch nie von Wiedergeburt ganzer Völker geredet, wie diejenigen, welche das meklenburgische Kirchenre⸗ giment mit Schmach bedeckt haben. [Münkels Zeitblatt.]