# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1847 06 01_S108 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) wieder leihen, was iſt das für eine Wohlthat? Leihen doch die böſen Sünder einer dem andern, daß ſie gleich deſſelben mögen wieder haben. Ihr ſollet leihen und nichts dafür gewarten. — Lei— hen iſt von Art und Natur nichts anders, denn für einen andern darſtrecken umſonſt, mit Bedin⸗ gen, daſſelbe oder des Gleichmäßigen und nicht mehr über eine Weile wieder zu nehmen.“ p. 996. — „Luc. 6, 35. Ihr ſollt leihen, und nichts davon gewarten, d. i. ihr ſollt leihen denen, die euch nicht wieder leihen mögen oder wol— len. So wir dem Wort Chriſti recht unter die Augen ſehen, ſo lehret es nicht leihen ohne Aufſatz; denn das iſt nicht noth zu lehren, ſin⸗ temal kein ander Leihen iſt, denn ohne Aufſatz; oder iſt's mit Aufſatz, ſo iſt's nicht leihen. — Wer alſo leihet, daß er aufſetzt, der leihet nicht, ſo verkauft er auch nicht; darum muß es ein Wucher ſein. — Daraus folgt, daß alle— ſammt Wucherer ſind, die Wein, Korn, Geld und was des iſt, ihrem Nääch⸗ ſten alſo leihen, daß ſie übers Jahr oder benannte Zeit dieſelben zu Zinſen ver⸗ pflichten oder doch beſchweren und überladen, daß ſie mehr oder eiu anders wiedergeben müſſen, das beſſer iſt, denn ſie geborgt haben. Und daß dieſe Menſchen ſelbſt greifen mögen, wie unrecht ſie thun, wie wohl es leider! gemein worden iſt, ſetzen wir vor ihre Augen dreierlei Geſetz. 1. Dies gegenwärtige Evan— gelium. Das gebeut, wir ſollen leihen. Nun iſt leihen nicht leihen, es geſchehe denn ohne allen Aufſatz und einigen Vortheil; wie geſagt iſt. Und wiewohl der tückiſche Geiz unterweilen ihm ſelbſt eine Farbe anſtreicht, als nehme er das Uebrige für ein Geſchenk, ſo hilft's doch nicht, ſo das Geſchenk eine Urſache iſt des Leihens, oder ſo der Borger lieber nicht ſchenkt, wo er möchte frei borgen; und beſonders iſt das Geſchenk verdächtig, ſo der Borger dem Leiher, oder der Dürftige dem Habenden ſchenkt. Denn es natürlich nicht zu vermuthen iſt, daß der Dürftige aus freiem Willen dem Habenden ſchenkt, ſondern die Noth dringet ihn. Zum andern iſt das wider das natürliche Geſetz, welches auch der HErr anzeucht Luc. 6, 31. Matth. 7, 12. Was ihr wollt ꝛc. Nun iſt ohne allen Zweifel niemand, der da wollte, daß ihm Roggen auf Korn, böſe Münze auf gute, böſe— Waar auf gute Waar geliehen würde; ja viel eher wollte ein jeder, daß ihm gute Waare auf böſe, oder je gleichgute ohne Aufſatz geliehen würde. Darum iſt's klar, daß ſolche Leiher wider die Natur handeln, tödtlich ſündigen, Wucherer ſind, und ihres Nächſten Schaden ſuchen zu ihrem Gewinnſt, das ſie doch nicht wiederum leihen wollten von andern, und alſo ungleich handeln mit ihrem Nächſten. Zum 3. iſts auch wider das alte und neue Geſetz, das da gebeut, du ſollſt deinen Nächſten lieben, als dich ſelbſt. Aber ſolche Leiher lieben ſich allein, ſuchen das Ihre allein, oder lieben und ſuchen noch meinen nicht mit ſolchen Treuen ihren Nächſten, als ſich ſelbſt. Hie bewegen Etliche zween Widerſprüche. Der erſte iſt: Wenn es alſo gethau iſt um das Leihen, ſo verlöre ſich das Intereſſe, d. i. der Nutz, den ſie dieweil möchten ſchaffen mit der verliehenen Waare. geſucht wird; anders wären jetzt gar wenig 108 Der andere iſt das große Exempel, das Went⸗ halben in der Welt Sitte worden iſt, auf Ge— winnſt zu leihen und ſonderlich, weil die Ge— lehrten, Prieſter, Geiſtlichen und Kirchen alſo thun, angeſehen, daß der Kirchen, geiſtlicher Güter und Gottesdienſt Beſſerung darinnen Chriſten in der Welt, und würde jedermann ſchwer ſein zu leihen. Antwort: Dies alles iſt nichts geredt. Aufs erſte mußt du doch das Intereſſe und die Nutzung verlieren, wenn dir's genommen wird oder du jemand gibſt um⸗ ſonſt; warum willſt du denn in dem Leihen das ſuchen und behalten? Denn wer ſich Gebens und Leihens erwägt, der muß ſich des Intereſſe zuvor erwägen oder wird weder geben noch leihen heißen. Aufs andre, es ſei Sitte, oder Unſitte, ſo iſt es nicht chriſtlich, noch göttlich, noch natürlich und hilft kein Exempel dawider. Denn es ſteht geſchrieben, 2 Moſ. 23, 2.: Du ſollſt nicht folgen dem Haufen, Böſes zu thun, ſondern Gott und ſeine Gebote über alle Dinge ehren. Daß aber die Geiſtlichen und Kirchen das thun, iſt ſo viel ärger — wird auch Gottesdienſt dadurch nicht gebeſſert, ſondern verderbet. So aber jemand aus dieſem allem ſich beſchweret, zu leihen ſeinem Nächſten, iſts ein Zeichen ſeines großen Unglaubens, daß er verachtet die tröſtliche Zuſagung Chriſti, da er ſagt Luc. 6, 35.: Wenn wir leihen und geben, ſo ſind wir Kinder des Allerhöchſten und unſer Lohn groß. Und ſolcher tröſtlicher Verheißung iſt nicht würdig, der ſie nicht gläubet, und dar⸗ nach ſich mit den Werken richtet.“ p. 996-1001. „In dem Zinskauf iſt ein hübſcher Schein und Gleißen, wie man ohne Sünde andere Leute beſchweren und ohne Sorge und Mühe reich werden möge. Denn in den andern Hän⸗ deln iſts jedermann ſelbſt offenbar, wo er zu theuer, falſche Waare, falſch Erb, falſch Gut gibt oder beſitzt; aber dies behende und neuer— fundene Geſchäfte macht ſie gar oft einen from— men und getreuen Schutzherrn des verdammten Geizes und Wuchers. Wiewohl derſelbe Zins— kauf nun iſt beſtätiget als ein ziemlicher Kauf und zugelaſſener Handel, ſo iſt er doch häſſig und feindſelig aus vielen Urſachen: 1. daß er ein neues, behendes erfunden Ding iſt, ſon? derlich in dieſer letzten gefährlichen Zeit, da kein Gutes mehr erfunden wird, und aller Menſchen Sinn und Gedanken zaumlos nur auf Gut, Ehre und Wolluſt trachten, und wir bei den Alten dieſes Kaufs kein Exempel leſen — 2. daß, wie ſie ſelbſt müſſen bekennen, wie billig er ſei, ſo habe er doch ein böſes An ſe— hen und ärgerliche Geſtalt, und St. Paulus gebeut, man ſoll meiden alle böſe, ärgerliche Geſtalt, ob ſie auch ſonſt an ihnen ſelbſt billig und ziemlich wäre. 1 Theſſ. 5, 22. Meidet allen böſen Schein. 3. Daß es ſchwerlich mag ſein, daß derſelbe Kauf, ob er auch ohne Wu— cher geſchähe, nicht wider das natürliche und chriſtlichen Liebe Geſetze geſchehe. 4. muß das jedermann bekennen, daß dieſer Kauf, er ſei Wucher oder nicht, ſo thät er doch eben daſſelbe Werk, das der Wucher thut, d. i. daß er alle Lande, Städte, Herren, Volk beſchweret, aus— ſauget, und ins Verderben bringet. Nun hat der HErr gelehret, Matth. 7, 16. 20., nicht die Früchte aus den Bäumen, ſondern die Bäume aus den Früchten zu erkennen.“ p. 1002—4. „Darum iſt's nicht genug, daß dieſer Kauf durch geiſtlich Recht errettet ſei vom Wucher. Das Geld auf dem Spiel gewonnen, iſt auch nicht Wucher, dennoch iſt's nicht ohne eigen⸗ nützige ſeines ſelbſt Liebe und ohne Sünde ge⸗ wonnen; und der gemeinen Frauen Lohn iſt auch nicht Wucher, aber mit Sünden verdienet; und das Gut mit Fluchen, Schwören oder Fei⸗ erbrechen erworben, iſt auch nicht Wucher, aber mit Sünden erworben. Deshalben ich nicht mag ſchließen, daß die Zinskäufer recht und billig handeln, die es nicht bedürfen. Ja ich ſage frei und warne, daß die Reichen, die dieſes Kaufs nicht anders brauchen, denn nur zu mehren ihre Zinſt und Güter (unangeſehn, daß andere dadurch beſchweret werden), in gro⸗ ßer Gefahr ſtehen; und achte es auch nicht, daß er denſelben ſei zugelaſſen, wie etliche gei— zige Blaſen thun, die auf benannte Tage Zinſe aufheben und friſch wiederum daſſelbe auch auf Zinſe treiben, daß immer ein Zins den andern treibe, wie das Waſſer die Mühlräder. Wel⸗ ches ſo ein offener und unverſchämter Geiz iſt, daß kein Menſch, wie grob er ſei, nicht läug— nen kann: dennoch hält man das alles für billig. — Was aus Gott iſt, das wehret den Sünden und allem Böſen, aber dieſer Handel gibt frei dem Geiz ſeinen Willen, darum muß er aus Gott nicht ſein, wie er jetzt im Brauch gehet.“ p. 1004—5. „Nun wollen wir ſehen den Grund, durch welchen dieſer zarte Handel wird gebilliget. Es iſt ein Wörtlein, das heißet auf Latein In⸗ tereſſe. Das edle, theure, zarte Wörtlein lautet auf deutſch ſo viel: Wenn ich hundert Gülden habe, damit ich möchte im Handel durch meine Mühe und Sorge ein Jahr lang fünf, ſechs oder mehr Gülden erwerben, die thue ich von mir zu einem andern auf ein fruchtbar Gut, daß nicht ich, ſondern er mag handeln auf denſelben; darum nehme ich von ihm fünf Gülden, die ich hätte möcht erwerben, und alſo verkauft er mir die Zinſe, 5 Gulden für 100, und ich bin Käufer und er Verkäufer. Hier ſpricht man nun: der Zinskauf ſei billig, die⸗ weil ich hätte vielleicht mehr möcht gewinnen jährlich mit denſelben Gulden, und das Inte⸗ reſſe ſei recht und genugſam. Das alles hat einen ſo hübſchen Schein, daß es auf keinen Ort Jemand tadeln mag. Aber das iſt auch wahr, daß ein ſolch Intereſſe nicht möglich iſt auf Erden zu haben, darum daß ein ander Intereſſe iſt gegen das; welches iſt alſo gethan: wenn ich 100 Gülden habe und damit gewerben ſoll, mag mir hunderterlei Gefahr begegnen, daß ich nichts gewinne, ja noch vier Mal ſo viel verliere dazu eben um deſſelben Gelds willen; oder vor Krankheit nicht werben mag, oder kein Waar noch Gut vorhanden iſt, und der Fälle unzählig viel, wie wir ſehen, daß des Verderbens, Verluſts, Schadens mehr iſt, denn des Gewinnes; alſo iſt das Intereſſe des Verlierens wohl ſo groß oder größer, denn das Intereſſe des Gewinns. Wo nun der Zins würde kauft auf das erſte Intereſſe allein, damit