# Synodical Conference Convention Proceedings_St. Louis Missouri_1894_S42 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 42 Verhandlungen der fünfzehnten Verſammlung das Chriſtenthum ganz als Religion. Er ſucht es ganz in die Tiefe des menſchlichen Gemüths⸗ und Geiſteslebens hineinzuziehen. . . . Daraus ergibt ſich ein dynamiſches Chriſtenthum" (das heißt, ein Chriſtenthum, welches Kraft iſt). . . . „Die Pflege dieſes Dynamiſchen halten wir für den Kern der Schleiermacherſchen Theologie." Gaß ſetzt noch hinzu, daß damit die Schleiermacherſche Theologie von unvergänglichem Einfluſſe bleiben werde. — Man könnte kaum anders reden von Schleiermacher, als wenn derſelbe der Stifter, wenigſtens Vollender des Chriſtenthums wäre. Als hätte er im Geiſte zuerſt geſagt: Das Reich Gottes ſteht nicht in Worten, ſondern in der Kraft (1 Cor. 4, 20.). Meine lieben Kindlein, welche ich abermals gebäre, auf daß Chriſtus in euch eine Geſtalt gewinne (Gal. 4, 19.). Als wäre er der Erfinder des dynamiſchen Chriſtenthums. — Jedenfalls wird von Schleiermacher geredet, als hätte es je keinen Luther gegeben. Hat einer ein dynamiſches Chriſtenthum gepredigt und auch thatſächlich be⸗ wieſen, und anders wahrlich als der Schöngeiſt Schleiermacher, ſo war es Luther. Und malt einer ein inniges, gottſeliges Glaubensleben in Chriſto und zieht einer das Chriſtenthum in die Tiefen des Gemüths, und zwar mit echter Sprache des Gemüths, nicht mit ſentimentalen, einer beſtändigen kühlen Reflexion abgezapften Phraſen, ſo iſt es Luther. Bei den Myſtikern vor ihm findet ſich wohl auch eine Fülle innigen Gotteslebens, aber wäh⸗ rend ſie, abgeſehen von ihrem böſen pantheiſtiſchen Untergrunde, überwuchert wird von ungeſunder, thatſcheuer Sentimentalität, ſteht ſie bei Luther da in der Fülle gotteskräftiger Freudigkeit. Und will man billig ſein, ſo haben die lutheriſchen Dogmatiker, die von der neueren Theologie ſo viel als todte Formaliſten verſchrieen werden, das Erbe von Luther her in ihrem Lehrſtück „von der myſtiſchen Vereinigung der Gläubigen mit Gott" bewahrt. Doch — Luthern kennt man in der Neueren Theologie nicht. Man kennt Calvin, wohl auch Melanchthon, aber nicht Luther. Es iſt erklärlich: Die erſten beiden ſind der einerſeits ſpeculativen und andrerſeits beſtändig ſchwanken⸗ den neuen Theologie angenehm — der ganz im Wort nur unbeweg⸗ lich ſtehende Luther nicht. Wem fällt es ein, aus Luthers tiefen Blicken in die Schrift zu ſchöpfen; aus der Kraft ſeines feſten Schriftglaubens ſich zu ſtärken; an der ſprudelnden Kraft ſeiner lebensvollen Schriftauslegungen ſich zu verjüngen?! Man weiß nur davon: Aus Schleiermacher den rechten Geiſt ſich holen; von Schleiermacher die fruchtbare Anregung empfangen; auf Schleiermachers ſechs tiefen, Leben erzeugenden Grundgedanken weiter bauen. — Nun iſt übrigens keine Frage, daß ein wirklicher Einfluß Schleier⸗ machers auf die Theologie längſt aufgehört hat. Ein böſes Erbe iſt freilich geblieben, das iſt der Subjectivismus. Und dies iſt nicht etwa dasſelbe wie dies, daß man Chriſtenthum als practiſche Gemüthsſache faßt, ſondern dies, daß man die Theologie aus dem eigenen Geiſt, aus dem chriſtlichen Bewußtſein, nicht aus der Schrift, nimmt, mit andern Worten: die Schwarmgeiſterei. — Aber daß Schleiermacher trotz ſeiner Erklärung