# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1846 12 22_S105 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) Blut erkauft hat, geſchändet und verunehret, gleich als hätte uns Chriſtus durch ſein Leiden und Sterben Leichtfertigkeit, Unordnung und Freiheit des Fleiſches erworben. Nein, vorerſt das dritte Gebot, nach ſeinem geiſtlichen Verſtande iſt nicht nur den Juden, ſondern allen Menſchen gegeben und es bleibt in ſeiner Kraft, bis an den jüngſten Tag. Die beſtimmte äußerliche Form, wie dies Ge— bot zu erfüllen ſei, der beſtimmte Tag, die be— ſtimmten Ceremonien der Zeit und des Orts, die in dieſem Gebote liegen, ſind allerdings nur den Juden gegeben, aber das dritte Gebot hat einen Kern, der geht auch die Chriſten noch an. Ganz dem Evangelium gemäß hat es daher Luther alſo erklärt: „Wir ſollen Gott fürchten und lieben, daß wir die Predigt und ſein Wort nicht verachten, ſondern heilig hal⸗ ten, gerne hören und lernen.“ Davon iſt kein Menſch, der ſelig werden will, entbunden. Die chriſtliche Kirche iſt nicht frei von dem Gebrauch des göttlichen Wortes; ſie muß da— für ſorgen, daß es in ihr gepredigt, heilig gehal— ten, gerne gehört und gelernt werde. Die Chri ſten ſollen, wenn ſie eine chriſtliche Kirche blei— ben wollen, zuſammenkommen, Gottes Wort zu treiben, gemeinſchaftlich zu beten, Gott zu loben und zu danken, die heil. Sacramente ge— meinſchaftlich zu gebrauchen. Thäten dies die Chriſten nicht, ſo verachteten ſie Wort und Sacrament, das allein ſie heiliget, ſo können ſie die Verheißung Chriſti nicht erlangen: „Wo zwei oder drei in meinem Namen verſammelt ſind, da bin ich mitten unter ihnen.“ Denſel— ben Coloſſern, welche der Apoſtel ermahnt, ſich über beſtimmte Tage kein Gewiſſen machen zu laſſen, gebietet aber derſelbe Apoſtel: „Laſſet das Wort Chriſti unter euch reichlich wohnen in aller Weisheit; lehret und ermahnt euch ſelbſt mit Pſalmen und Lobgeſängen, und geiſt— lichen lieblichen Liedern, und ſinget dem HErrn in eurem Herzen.“ Davon ſind alſo die Chri-— ſten nicht frei geworden. Ja, ſprechet Ihr, dies iſt wahr, aber hat nicht der Apoſtel ſelbſt geſagt, daß man ſich über beſtimmte Feiertage kein Gewiſſen machen laſ— ſen ſolle? Ohne Zweifel; niemand ſoll glau— ben, daß Gott uns an irgend einen Tag durch Geſetze und Gebote binde. Aber Gott gebietet nicht nur der Chriſtenheit, ſein heil. Wort zu hören, ſondern er ruft ihr auch durch den heil. Apoſtel zu: „Ich bin nicht ein Gott der Un— ordnung, ſondern des Friedens; laſſet alles ehrlich und ordentlich zugehen!“ Wie wäre es aber möglich, daß es in der Kirche Gottes ehrlich und ordentlich zuginge, wenn die Chri⸗ ſten nicht einen beſtimmten Tag oder Tage feſt— ſetzten, an welchen ſie die Werke ihres irdiſchen Berufs bei Seite legen, und zuſammenkommen wollen, Gottes Wort und Gebet gemeinſchaft— lich zu üben? Was würde aus einer Kirche werden, wenn man keinen Tag beſtimmte und der eine heute, der andere morgen die chriſtliche Verſammlung, Sacrament und Predigt anſtel⸗ len wollte? Die Kirche würde verwüſtet und zerrüttet werden; anſtatt jedes Tages, würde kein Tag ein chriſtlicher Sabbath werden. Von einer chriſtlichen Ordnung in ihren Zuſammen⸗ 10⁵5 künften iſt alſo die Kirche ebenfalls nicht frei geworden. Endlich aber ſpricht ein anderer, ich habe ſo viel Erkenntniß, ſo viel Glauben und ſo viel Eifer durch Gottes Gnade, daß ich eines be— ſtimmten Tages nicht bedarf; jeden Tag halte ich Sabbath; warum ſoll ich mir das Joch eines beſondern Tages auflegen laſſen? —Biſt du, o Chriſt, ſo ſtark, als du meinſt, wohl dir!— ſo danke Gott für ſeine große Gnade. Aber bedenke, du haſt noch Fleiſch und Blut, du haſt noch etwas an dir, das will getrieben, erweckt und ermuntert ſein, darum ſollſt du nicht ſicher ſein, und ſchon um deinetwillen ein ſo herrli— ches Mittel, wie die öffentliche Sonntagsfeier iſt, nicht verachten. Aber geſetzt auch, du be— dürfteſt ſelbſt dieſes Mittels wirklich nicht, ſo bedürfen dieſes Mittels viele andere in der chriſtlichen Gemeinde; da gibt es Kinder, da gibt es Einfältige und Schwache, da gibt es Träge, ja da gibt es Gefallene, die gar wohl bedürfen, daß man einen beſondern Tag er— wähle, an welchem man ſein irdiſches Tagewerk läßt, um Gottes Wort fleißig und ungehindert zu hören und zu leſen, zu beten und zu ſingen, ſich zu ermahnen, zu ſtrafen, zu tröſten und zu ermuntern. Darfſt du dich da nun ausſchlie— ßen? Darfſt du da durch dein Beiſpiel auch die andern, die es nöthig haben, verleiten, jenes Mittel der Erbauung zu verachten? Darfſt du auch den Geringſten von denen, die an Chriſtum glauben, ärgern? Mußt du nicht alles thun, damit nicht nur du ſtark ſeieſt im Glauben, ſondern daß auch immer mehr herzu— gebracht werden durch die öffentliche Predigt und das allſonntägliche öffentliche Bekenntniß? Bedenke, o Chriſt, was dir der Apoſtel hier ans Herz legt, er ſpricht: „Du haſt es wohl alles Macht, aber es frommt nicht alles.“ Höre alſo, du ſtarker Chriſt, ich gebe dir's nach Got— tes Wort zu, daß du es Macht haſt, alle Tage Sabbath zu halten und keinen gewiſſen Tag dazu anszuſondern, aber dies würde nicht frommen, du würdeſt damit die chriſtliche Liebe, Eintracht und Gemeinſchaft zerreißen, du wür⸗ deſt dadurch die Erbanung der Kirche hindern, du würdeſt dadurch Urſache werden, daß viele gar nicht zur Erkenntniß kommen oder wieder abfallen und Gottes Gnade verlieren. Von dieſem Liebesdienſt gegen ſeinen Nächſten iſt alſo der Chriſt endlich auch nicht frei. Gewiß iſt es, meine Brüder und Schweſtern in Chriſto IEſu, meine Pflicht, euch nichts von allem dem zu verſchweigen, auch was zu dem Kleinode der chriſtlichen Freiheit gehört; aber ich muß auch einen jeden warnen, dieſe theure Freiheit nicht mißzuverſtehen. Der gläubige Chriſt iſt frei von allen Geſetzen, das iſt wahr. „Dem Gerechten iſt kein Geſetz gegeben,“ ſpricht St. Paulus; das heißt: auf den Ge— rechtfertigten liegt kein Fluch und kein Zwang des Geſetzes mehr. Hören dies nun falſche Chriſten, ſo glauben ſie, daß daher durch das Evangelium der Chriſt eine größere Freiheit, etwas Sündliches zu thun oder etwas Gutes zu uuterlaſſen, erlangt habe. Aber nimmer— mehr! Chriſtus hat zwar ſeine Chriſten durch das Evangelium von dem Fluche und Zwang aller Geſetze frei gemacht, aber nicht daß man frei thun könne, was man wolle, ſondern im Gegentheil durch das Evangelium verändert Chriſtus die Herzen der Menſchen, daß ſie ohne den Zwang des Geſetzes viel mehr Gutes thun, mit willigem, luſtigem und fröhlichem Herzen Gott zu Lieb, Dank und Lob für ſeine Gnade. Die wahren Chriſten ſind durch den Glauben andere Menſchen, ein ſolches Volk, das nicht fragt nach dem Geſetz, das ſich nicht erſt dadurch zwingen läßt, weil geſchrieben ſteht: „Du ſollſt, du ſollſt!“ Nein, aus freiwilligem Triebe der Liebe, die in ihrem Herzen ausge— goſſen iſt, thun ſie allerlei Gutes, wo ſie nur können. Und ſo iſt es auch mit der Ordnung der Sonntagsfeier; ein Chriſt weiß es wohl, daß ſie frei iſt, aber eben darum hält er ſie deſto williger und fröhlicher, läßt ſich durch niemand dazu zwingen und treiben, er hält ſie aus Liebe zum Worte Gottes, aus Liebe zur Ordnung, aus Liebe zu ſeinem ſchwachen Näch⸗ ſten. In der Gnade des Neuen Teſtaments hält er den Sonntag ungezwungen ſo heilig, wie irgend ein Gläubiger des Alten Bundes ſeinen Sabbath. So müſſen wir denn endlich hier noch den Schluß machen: Wer die Feier des Tages des HErrn verachtet und vernachläſſiget, der han⸗ delt daher nicht als ein Chriſt, nicht als ein Gläubiger; denn bei einem ſolchen heißt es: „Was wahrhaftig iſt, was ehrbar, was gerecht, was keuſch, was lieblich, was wohl lautet, iſt etwa eine Tugend, iſt etwa ein Lob, dem denk' ich nach.“ Die alte Strenge des Sabbaths ſoll zwar nicht am Sonntag der Chriſten herr— ſchen, noch weniger ſollen unter Chriſten in phariſäiſcher Heiligkeit Noth- und Liebeswerke verboten ſein; wer aber den Sonntag, den dit chriſtliche Kirche zu den Werken des Gottes— rienſtes eingeſetzt hat zur Ehre JIEſu Chriſti und ſeiner glorreichen Auferſtehung, zur Ehre der Predigt desEvangeliums, zum Heile derSeelen, wer an dem Sonntage ohne Noth etwa aus Geiz oder Menſchengefälligkeit den Werken ſeines Berufes obliegt und ohne Noth die Pre— digt und den öffentlichen Gottesdienſt verab⸗ ſäumt; wer an dieſem Tage der Weltluſt nach⸗ geht, anſtatt des Geſprächs über göttliche Dinge weltliche Unterhaltung ſucht: der offen⸗ bart damit Verachtung des Wortes Gottes, Verachtung der chriſtlichen Zucht und Ord— nung und Verachtung ſeines ſchwachen Näch— ſten, den er ärgert; er ſündigt wider Gott, wi— der ſeinen Nächſten, wider ſich ſelbſt und wider die ganze chriſtliche Gemeine. Bedenket, was that Chriſtus, der HErr des Sabbaths? Er predigte unter freiem Him— mel oder in den Synagogen dem Volk, das ihm zuhörte; darnach kamen ſeine heilsbegieri— gen Jünger und denen legte er dann ſeine Predigt geſprächsweiſe weiter aus und wider⸗ holte ſie, oder er machte auf erhaltene Einla⸗ dung bei Freund und Feind einen Beſuch und lehrte da, ermahnte, tröſtete und ſtrafte. Wol⸗— len wir Chriſten ſein, ſo laßt uns auch hier Chriſto nachfolgen. Laſſet uns an den Tagen des HErrn Gottes Wort hören mit demüthi⸗ gem, hungrigem und durſtigem Herzen, und zu