# Synodical Conference Convention Proceedings_St. Louis Missouri_1886_S20 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 20 Verhandlungen der elften Verſammlung bei voraus, daß die heiligen Schreiber nicht unpartheiiſch in ihren Berich⸗ ten ſein konnten, namentlich bei dem Kreuzestod ihres Meiſters. Dieſe Auffaſſung führt conſequentermaßen zu dem Schluß, daß ein Bericht von Pilatus von größerem Gewicht geweſen wäre, weil er nicht ſo von Leiden⸗ ſchaft entzündet geweſen ſei. Wenn man nun hört, wie unbefangen dieſe Theologen ſich ſtellen und uns für ſehr befangen halten, ſo wird es ſich empfehlen, doch dieſe wiſſen⸗ ſchaftliche Unbefangenheit etwas näher in Augenſchein zu nehmen. Da wird man denn finden, daß es mit der gerühmten Unbefangenheit durch⸗ aus nicht weit her iſt. Die wiſſenſchaftliche Unbefangenheit ließ Schenkel zur Annahme kommen, daß die Evangelien entſtanden ſeien aus einem Urevangelium, das alle Verfaſſer der drei ſynoptiſchen Evangelien benutzt hätten. Dieſe Anſicht, die man das „Kindergeſchrei der zahnenden Kritik“ genannt hat, haben andere wiſſenſchaftlich Unbefangene als un⸗ haltbar verworfen und hingegen behauptet, die Evangeliſten hätten nach einander geſchrieben und der ſpätere immer den früheren gekannt und zu corrigiren verſucht. Aber wohin hier die wiſſenſchaftliche Unbefangenheit geführt hat, iſt merkwürdig. Bei der Beantwortung der Frage, welcher nun der erſte, welcher der zweite und welcher der dritte geweſen ſei, waren ſechs verſchiedene Gruppirungen der drei Synoptiker möglich. Und wie viele dieſer Gruppirungen finden wir vertreten? Alle. Hier ſind ſie: 1. Matthäus der erſte, Marcus der zweite, Lucas der dritte. 2. Matthäus der erſte, Lucas der zweite, Marcus der dritte. 3. Marcus der erſte, Matthäus der zweite, Lucas der dritte. 4. Marcus der erſte, Lucas der zweite, Matthäus der dritte. 5. Lucas der erſte, Matthäus der zweite, Marcus der dritte. 6. Lucas der erſte, Marcus der zweite, Matthäus der dritte. Hiernach werden wir wohl zunächſt zufriedener ſein mit unſerer eigenen Befangenheit. Leider ſteht es aber bei den poſitiven Theologen nicht weſentlich an⸗ ders als bei den liberalen. Sie ſind alle, wenn man genau zuſieht, in die⸗ ſem Stück befangen im Unglauben. Das liegt ſehr deutlich bei Rothe zu Tage, wenn er ſchreibt: „Davon weiß meine Seele nichts, daß ich die⸗ jenigen, welche geſchichtlich bereits im Beſitz der Offenbarung ſtehen, drän⸗ gen wollte, ihren wunderbaren Urſprung anzunehmen, und daß ich von dieſer Annahme mein Vertrauen zu ihrer Gläubigkeit abhängig machen ſollte. Es iſt ſchon etwas Großes, wenn Solchen nur das Licht der Offen⸗ barung ſcheint, wenn die chriſtlichen Ideen ihnen aufgegangen ſind, und die Hauptſache iſt, daß ſie im Scheine dieſer Sonne ihren Weg im Leben gehen. Stoßen ſie ſich dabei an die Wunder, ſo ſage ich ihnen: Freunde, aufdringen will ich euch den Wunderglauben nicht, beneficia non obtru- duntur. Könnt ihr euch in die Wunder nicht finden, nun wohl, ſo ſtellt ſie bei Seite. Ihr mögt dann ſelbſt zuſehen, wie ihr ohne ſie mit der Ge⸗