# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1846 12 22_S104 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) Juden verbindet uns nicht mehr, da nun der Zaun, der zwiſchen Juden und Heiden gezogen war, im N. T. abgebrochen, Japhet in die Hütten Sems, die Heiden in die Bürgerſchaft Israels aufgenommen und Juden und Heiden zu einer Heerde unter einem Hirten durch das Evangelium verſammelt worden ſind. Chriſtus hat das drückende Joch unzähliger äußerlichen Satzungen durch ſeine Zukunft ins Fleiſch uns abgenommen; die Zeit der Vorbereitung iſt zu Ende und mit Chriſto Freiheit von allem knech⸗ tiſchen Dienſte uns geſchenkt worden. Kein beſtimmter Ort, kein beſtimmtes Haus, keine beſtimmte Ceremonie, keine beſtimmte Zeit des Alten Teſtamentes bindet uns jetzt; alle Schat— ten Chriſti ſind abgethan, nachdem Chriſtus, als der Körper ſelbſt, gekommen iſt; alle Vor⸗ bilder Chriſti ſind nun aufgehoben, nachdem Chriſtus als das Wahre, als das Weſen er— ſchienen iſt. Daß der alte Bund mit allem ſeinem Schat⸗ tenwerk nicht ewig dauern werde, iſt ſchon im A. T. geoffenbart worden. Schon Moſes ver⸗— kündigt im 18. Cap. ſeines 5. Buches, daß erſt nach ihm der rechte Prophet von Gott werde erweckt werden, dem ſolle Israel gehorchen. Ferner weiſſaget der Prophet Jeremias im 3. Kapitel ſeines Buches, wenn alle Heiden ſich um des HErrn Namens willen würden zu Jeru⸗ ſalem verſammeln, ſo werde es keine Bundes⸗ lade mehr geben und kein Opfer; und im 31. Kapitel ſpricht er: Siehe, es kommt die Zeit, ſpricht der HErr, da will ich mit dem Hauſe Israel und mit dem Hauſe Juda einen neuen Bund machen, nicht wie der Bund ge⸗ weſen iſt, den ich mit ihren Vätern machte, da ich ſie bei der Hand nahm, daß ich ſie aus Egyptenland führte; welchen Bund ſie nicht gehalten haben und Ich ſie zwingen mußte, ſpricht der HErr. Sondern das ſoll der Bund ſein nach dieſer Zeit: Ich will mein Geſetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn ſchrei⸗ ben.“ Deutlich ſagt es hiermit Jeremias, daß die äußern Gebote des alten Bundes keine ewige Geltung haben, ſondern durch einen neuen Bund aufgehoben werden würden. Ja, Jeſaias ſetzt hinzu in dem letzten Kapitel ſeiner Weiſſagungen, daß im N. Teſtamente kein be⸗ ſtimmter Sabbath mehr ſein werde, ſondern, „ein Sabbath nach dem andern,“ die Kinder des neuen Bundes würden alſo alle Tage Sab— bath halten. Dies finden wir auch reichlich im ganzen N. T. beſtätigt. Sobald Chriſtus ſein Lehramt antrat, ſo fing er ſchon an, die Strenge des moſaiſchen Geſetzes etwas zu mildern, er heilt nicht nur Kranke am Sabbath, wie in unſerm Evangelio, ſondern läßt auch ſeine Jünger Aehren ausraufen am Sabbath, obwohl noch nicht die höchſte Noth vorhanden war, und zeigt damit, daß das Ende des moſaiſchen Sabbaths herbeigekommen ſei. Nachdem aber bei Chriſti Tod der Vorhang im Tempel vor dem Aller⸗ heiligſten zerriſſen und damit ein Zeichen ge⸗ geben war von der völligen Aufhebung des le⸗ vitiſchen Gottesdienſtes, ſo wurde es nun von den heil. Apoſteln hell und klar gelehrt, daß kein Chriſt mehr an den jüdiſchen Sabbath ge⸗ 104 bunden ſei. So ſpricht St. Paulus im 2. Kap. ſeines Briefs an die Col.: „So laſſet nun nie⸗ mand euch Gewiſſen machen über Speiſe oder über Trank, oder über beſtimmte Feiertage, oder Neumonden, oder Sabbather, welches iſt der Schatten von dem, das zukünftig war, aber der Körper ſelbſt iſt in Chriſto.“ Son⸗ nenhell iſt hier allen Chriſten die Freiheit vom jüdiſchen Sabbath verkündiget und ihnen zur Pflicht gemacht, ſich die Feier keines beſtimm— ten Tages als ein Gebot Gottes auf ihr Ge— wiſſen legen zu laſſen. Als unter die Galater falſche Apoſtel eindrangen, welche die Galater bewogen, beſtimmte Tage zu halten, weil es Gott ſo geboten hätte und als wäre es geradezu Sünde es zu unterlaſſen, da rief der Apoſtel ihnen zu: „Ihr haltet Tage, und Monate, und Feſte, und Jahreszeiten. Ich fürchte euer, daß ich nicht vielleicht umſonſt an euch gearbeitet habe.“ Erkennet hieraus, das Chriſtenthum iſt nicht eine Religion, in welcher den Chriſten von Chriſto neue Geſetze über beſtimmte Zeiten, Orte und andere Aeußerlichkeiten gegeben wor— den ſeien; nein, davon haben alle Chriſten eine vollkommene Freiheit durch Chriſtum er— langt und ſie haben nun weiter kein Gebot, als die Liebe. Wohl ſagt St. Paulus im Brief an die Römer, daß man Schwachgläubige nicht ärgern, noch richten, ſondern tragen und dul⸗ den ſolle, ſo ſie noch auf Tage hielten, aber er ſagt auch: „Der andere hält alle Tage gleich, und welcher nichts darauf hält, der thut es auch dem HErrn.“ Röm. 14, 5. 6. Wie? werden aber hierbei vielleicht manche unter uus ſprechen, iſt aber nicht im N. Teſta⸗ ment anſtatt des Sonnabends der Sonntag zu halten geboten? Wohl glauben dies viele, aber wo ſteht dies geſchrieben? Wohl ſpricht Chri⸗ ſtus bei der Einſetzung des heil. Abendmahles: „Solches thut;“ wohl ſpricht er bei der Ein— ſetzung der heil. Taufe: „Taufet ſie im Namen des Vaters und des Sohnes und des heil. Geiſtes.“ Wohl ſpricht Chriſtus bei Einſetzung des heil. Predigtamtes: „Gleich wie mich der Vater geſandt hat, ſo ſende ich euch.“ Aber wo ſpricht Chriſtus: „Haltet meinen Tag“? Wohl hat Gott den Sabbath ſchon im Paradieſe ge— heiliget und geſegnet, aber ſpricht er damals ſchon, daß der Menſch ihn halten müſſe? — Nein, meine Brüder, wie das Evangelium uns nicht mehr gebietet, anzubeten in dem Tempel zu Jeruſalem, ſondern im Geiſte und in der Wahrheit; ſo gebietet es uns auch keine be— ſtimmte Zeit mehr. Wer da meint, daß der Sonn⸗ tag in alle Rechte des Sabbaths getreten und daß nur der Tag geändert ſei, der iſt damit auch an die ganze Strenge des A. T. gebunden und dürfte nicht wagen, am neuen Tage des HErrn auch nur ein Feuer anzuzünden. Aber das ſei ferne! Die erſten Chriſten glaubten, daß ſie in der Zeit des N. Teſtamentestäglich Sabbath feiern und täglich Gott dienen undtäglich Oſtern halten müßten, ſie kamen daher auch oft täg— lich zuſammen, zu beten und das Brod zu brechen, aber um der Ordnung willen beſtimm⸗ ten die heil. Apoſtel den erſten Tag der Woche zum Tage der chriſtlichen Verſammlungen. Chriſtus iſt gekommen und mit ihm ſind alle äußerlichen Geſetze gefallen; „denn in Chriſto,“ ſagt St. Paulus, „gilt weder Beſchneidung noch Vorhaut etwas, ſondern der Glaube, der durch die Liebe thätig iſt.“ Die theuren ſymboliſchen Bücher unſerer evangeliſch-lutheriſchen Kirche legen ſo lauter und rein den Artikel von der Rechtfertigung des Sünders allein durch den Glauben aus. Wie reden daher unſere Bekenntniſſe von dem Sabbath? Auf das beſtimmteſte wird in dem letzten Artikel der ungeänderten Augsb. Con— feſſion die Meinung verworfen, daß es eine Todſünde ſein ſolle, wenn man an Feiertagen eine Handarbeit thue, „auch ohne Aergerniß der andern.“ In demſelben 28. Artikel der A. Confeſſion wird der Sonntag unter die Ord— nungen und Ceremonien, welche von den Apo⸗ ſteln nach freier Wahl nur um Ordnung, Einig⸗ keit und Friedens willen eingeſetzt worden ſeien, gerechnet. Darin heißt es: „Die es dafür achten, daß die Ordnung vom Sonntag für den Sabbath als nöthig aufgerichtet ſei, die irren ſehr, denn die heil. Schrift hat den Sab— bath abgethan. Die chriſtliche Kirche hat den Sonntag verordnet, damit die Leute ein Exem⸗ pel hätten der chriſtlichen Freiheit, daß man wüßte, daß weder die Haltung des Sabbaths, noch eines andern Tages von nöthen ſei.“ So iſt es alſo außer allem Zweifel, der Sonntag iſt kein Gebot Gottes, ſondern eine freie Einrichtung der chriſtlichen Kirche zum Gedächtniß der Auferſtehung IEſu Chriſti und Einſetzung des heil. Predigtamtes, beſtimmt zu den heil. Verſammlungen der Chriſten. Wohl wird der Sonntag in der heil. Schrift er— wähnt, aber nirgends geboten; er iſt ein Stück der chriſtlichen Freiheit. Doch, meine Lieben, ſo habt ihr nun gehört, wovon die Chriſten durch das Evangelium frei geworden ſind, laßt uns nun zweitens hören, wovon die Chriſten nicht frei geworden ſind. 2. Es entſteht nämlich nun die Frage: Hat alſo der Chriſt nur neun Gebote? iſt das dritte Gebot, „du ſollſt den Feiertag heiligen,“ durch das Evangelium völlig abgeſchafft? iſt das nun der rechte Gebrauch der chriſtlichen Frei— heit, wenn wir gar keinen Tag dem öffentlichen und Privat-Gottesdienſt beſonders widmen? iſt die evaͤngeliſche Freiheit der chriſtlichen Kirche alſo zu verſtehen, daß es darinn ohne alle Zucht und Ordnung, nach jedes Herzens freier Willkür und Gelüſten hergehe? Sind die Chriſten ein Haufen Leute, da jeder thut, was er will, da kein Zuſammenhalt, keine Ein⸗ tracht, keine geordnete Gemeinſchaft des Got— tesdienſtes iſt? Zeigen ſich alſo diejenigen etwa als die rechten Chriſten, die die chriſtliche Frei⸗ heit recht verſtünden, welche keinen Sonntag feiern, am Sonntag nicht nach Kirche und Got⸗ tesdienſt fragen, ihrer Nahrung nachgehen, oder den Tag lieber einem Spaziergang wid⸗ men oder in Tabernen liegen? Das ſei ferue! Das iſt nicht Gebrauch der chriſtlichen Freiheit, ſondern ihr Mißbrauch; dadurch wird Chriſtus und die Freiheit, die er uns durch ſein theures