# Synodical Conference Convention Proceedings_St. Louis Missouri_1884_S56 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 54 Verhandlungen der zehnten Verſammlung dern: „Ihr habt gehört.“ Chriſtus redet alſo von den ſogenannten mündlichen Ueberlieferungen der Alten. Darum, wenn Chriſtus ſpricht: „Du ſollſt nicht tödten“, führt er damit nicht die Worte Moſis als ſolche an, wenn ſie auch geradeſo klingen. Chriſtus führt dieſe Worte vielmehr deswegen ſo nackt an, anzuzeigen, daß die Alten dieſelben nur in ihrem groben Verſtand genommen und ausgelegt hätten. Sie ſagten nämlich: „Wenn du nicht mit der Hand einen Menſchen todtſchlägſt, ſo haſt du das fünfte Gebot gehalten. Wenn du nicht in Schande mit einem fremden Weibe lebſt, ſo haſt du das ſechste Gebot gehalten. Wenn du nicht ge⸗ radezu falſch ſchwörſt d. i. eine Lüge beſchwörſt, ſo haſt du das achte Gebot gehalten; mehr iſt nicht darin verboten.“ Kurz, der HErr handelt von den überlieferten Verdrehungen der zehn Gebote, um ſo zunächſt die Lehre des Geſetzes von denſelben zu reinigen. Darauf macht auch Chemnitz aufmerkſam, wenn er ſchreibt: „Dieſe ganze Stelle: ‚Ihr habt gehört, daß zu den Alten geſagt iſt‘ ꝛc., iſt von denjenigen verdunkelt, ja, greulich verkehrt worden, welche dafür gehalten haben, daß Chriſtus dieſe ſeine Erklärung dem Geſetze ſelbſt entgegenſtelle. .. Aber die Worte, von welchen Chriſtus ſagt, daß ſie zu den Alten geſagt ſeien, ſind nicht ſo anzuſehen, als ſeien ſie aus Moſes genommen; es ſind vielmehr diejenigen, mit welchen die auslegenden Schriftgelehrten ihre Traditionen in Betreff des Geſetzes dem Volke oder ihren Zuhörern vorzutragen pflegten, daher ſpricht er: ‚Ihr habt gehört‘. Die Phariſäer nämlich, um zur Beſtäti⸗ gung der Gerechtigkeit der Werke die Erfüllung des Geſetzes nicht nur als möglich, ſondern als ſo leicht vorzuſtellen, daß ſie nach ihren Traditionen noch viel mehr thun könnten, Luc. 18, 11. 12., verkehrten die Erkenntniß der Sünde aus dem Geſetz auf verſchiedene Art und Weiſe. Dieſe Ver⸗ kehrungen thut Chriſtus ab und ſtellt der wahren Auslegung des Geſetzes das Licht wieder her.“ (Harmon. ev. ad l. c.) Die Papiſten ſind nämlich diejenigen, welche ſagen, hier rede Chriſtus von dem Geſetz Moſis, und wenn er nun fortfahre: „Ich aber ſage euch“ ꝛc., ſo habe er damit eben ein ſchärferes Geſetz gegeben, als Moſes; im Alten Teſtament ſei Gott zufrieden geweſen, wenn man die zehn Gebote nur nicht grob übertrat; im Neuen Teſtament aber werde nun ein ſchärfe⸗ res Geſetz geſtellt, ja ein ſo ſcharfes, daß es einem gewöhnlichen Menſchen gar nicht möglich ſei, es zu halten; jene ſchweren Forderungen ſeien im Grunde nur Rathſchläge, die nur der zu halten brauche, welcher vollkommen ſein wolle. Denn z. B. ſeine Feinde lieben, völlig keuſch leben, das könne nur ein Mönch oder ein ſonſt beſonders Begnadigter, welcher mehr thue, als die zehn Gebote von ihm fordern. Leider iſt auch in unſerer Kirche das Geſetz nicht immer in ſeiner Schärfe ausgelegt, ſondern namentlich in Einem Punkte ſehr abgeſchwächt worden. Wenn z. B. der Grundſatz aufgeſtellt wurde: „Die Liebe fängt bei ſich ſelbſt an“, ſo iſt das ein Satz, der ſchließlich das ganze