# Synodical Conference Convention Proceedings_St. Louis Missouri_1884_S8 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 8 Verhandlungen der zehnten Verſammlung heilige Schrift auszulegen, wohl ihm! Denn das iſt die größte Gabe. Aber er bedenke wohl, daß er ſich nicht fleiſchlich auf dieſe ſeine Gabe ver⸗ laſſen dürfe, als ſei alles, was er ſagt, aus dem Heiligen Geiſt. Nein, nun muß er vergleichen, ob ſeine Auslegung auch mit den Artikeln des chriſtlichen Glaubens ſtimmt. Was damit nicht ſtimmt, muß er verwerfen. Man bedenke nun wohl die Tragweite von 1 Theſſ. 5, 20. Damit wird erſtlich geſagt: Sprecht nicht, in die Kirche gehe ich nicht, ich habe den lauteren Born, meine Bibel, zu Hauſe; wer weiß, was mir der Prediger bringt? Nein, will Paulus ſagen, geht ja in die Kirche und verachtet den Menſchen nicht. Gott hat die Einrichtung getroffen, daß Menſchen uns Gottes Wort auslegen ſollen. Verachtet darum auch zum anderen die Bücher gottſeliger Lehrer nicht, in denen die Schrift ausgelegt iſt. Ihr ſeid ſonſt ſchändliche Verächter der allertheuerſten Gabe. Ja, je mächtiger und gewaltiger ein Ausleger iſt, um ſo werther ſchätzt ihn. Wohl ſetzt dann der Apoſtel hinzu: „Prüfet aber alles.“ Aber dies Letztere ſchließt das Erſtere nicht aus, ſondern ein. Iſt es ein rechter Ausleger, ſo bewirkt der ja nicht, daß ich von der Schrift abkomme; er führt mich nicht aus der Schrift heraus, ſondern in dieſelbe hinein. Denn nun ſoll ich an der Hand der Schrift zuſehen: hat er recht oder ſind ſeine Auslegungen Menſchengedanken? Darum verachtet auch nicht die Schriften der alten gläubigen Kirchenväter, die Schriften eines Luther, Chemnitz, Quenſtedt, Gerhard, H. Müller u. a. Sonſt ſeid ihr dem Heiligen Geiſte ungehor⸗ ſam, der euch gebietet: „Die Weiſſagung verachtet nicht.“ Dies betrifft nun ſonderlich die Schriften unſeres lieben Vaters Luther. Wer Luthern fleißig ſtudirt, der wird das für keine Partheilichkeit oder Engherzigkeit anſehen, wenn wir ſagen: Die herrlichſten Bücher nach der heiligen Schrift ſind die Schriften Luthers. Keiner in der Kirche hat ſo herrlich und ſo gewaltig die Schrift ausgelegt, als Luther, und zwar nicht bloß in den Schriften, wo er ſich vorgenommen, über dieſe oder jene Kapitel der Bibel zu ſchreiben; ſondern überall in ſeinen Schriften findet ſich eine unübertroffene Schriftauslegung; auch in den Streitſchriften. Ja, gerade da galt es ſonderlich ſeine Lehre ſo zu beweiſen, daß auch der allerſcharfſinnigſte und giftigſte Gegner zugeben mußte: der hat recht. Und das iſt eben eigentlich ein Auslegen nach der Schrift; nicht Jeder, deſſen Auslegung richtig iſt, hat darum dieſe größte aller Gaben, ſondern nur der⸗ jenige, der es verſteht, ſeinen Zuhörern ſo klar zu machen, das und kein anderes kann der Sinn dieſer Stelle ſein, daß ſie ſagen müſſen: ja, ich kann gar nicht anders, ich muß ihm recht geben. Ein guter Ausleger iſt daher nicht etwa, wie die neueren Exegeten meinen, ein ſolcher, der nur nach den Regeln der Sprache einem Wort ſeine Deutung gibt und dabei nach dem Sinn des Heiligen Geiſtes wenig oder gar nichts fragt. Mag ein ſolcher, weil er Lateiniſch, Griechiſch, Ebräiſch kann, immerhin meinen: ich bin ein großer Ausleger; er iſt doch eigentlich nichts, als ein Buch⸗