# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1846 12 22_S103 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) heit hofft man alles, beſſere Zeiten, beſſere Menſchen; ja man redet von der Freiheit, als ſei ſie die Göttin der Welt, und die Ungläubi⸗ gen, die an keinen Gott glauben, fallen vor dem Bilde bürgerlicher Freiheit, als vor ihrem Gott, nieder, von dem allein alles Gute komme. So hoch nun Chriſten auch die bürgerliche Freiheit als eine theure Gabe Gottes ſchätzen, ſo iſt das doch nicht die Freiheit, die Chriſtus ihnen verheißen und gebracht hat. Chriſtus ſagt vielmehr, daß ſeine Chriſten immer die Unterdrückten und Verfolgten ſein würden und daß jeder Chriſt jeder Obrigkeit, wo er iſt, un— terthan ſein müſſe. Die Freiheit in Chriſto kann auch der ärmſte Sklav beſitzen und der freieſte Bürger kann noch die geiſtlichen Scla— venketten tragen, davon Chriſtus die Seinen befreit hat. Die evangeliſche Freiheit iſt aber auch ferner nicht eine Freiheit von Gottes Wort, Willen und Ordnung. Wird hier mancher zu etwas ermahnt, was Gottes Wort gebietet, oder wird er vor etwas gewarnt, was Gottes Wort ver— bietet, da muß man oft ſogleich das Wort hö— ren: Wir leben hier in einem freien Lande, wir ſind mündig geworden, wir laſſen uns keine Feſſeln anlegen. Selbſt die Chriſten ſein wollen, ſtellen ſich der Welt gleich, machen ihren betrügeriſchen Handel und Wandel mit, ſie nehmen Theil an ihrer Luſt; ſie treiben mit ihr Eitelkeit, und dieſer Gleichſtellung der Welt geben ſie den herrlichen Titel der chriſtli— chen Freiheit. Jnſonderheit ſehen wir unſere Jugend in großer Zügelloſigkeit; kaum ſind unſere Kinder aus der Schule, ſo verlachen ſie unſere Zucht, ſo wollen ſie keiunem Menſchen mehr gehorchen, ſie verachten ihre Eltern, Seelſorger, Lehrer und Herren; ſie freuen ſich ſchon auf ihre bürgerliche Mündigkeit, wo ſie dann alle Zucht und Ordnung vollends abzu⸗ ſchütteln gedenken. Und warum thun ſie das? Sie denken und ſagen es: Wir ſind in einem freien Lande, daher wollen wir frei und nie— manden unterthan ſein. Das iſt aber nicht die Freiheit Chriſti, ſondern des Satans, in deſſen Stricken ſolche Freiſeinwollende gefangen ſind. Ach, arme Menſchen! arme, unglückſe— lige Jugend! Was euch Menſchen frei laſſen, iſt darum von Gott nicht freigelaſſen; Landes⸗ Sitte und Landes-Freiheit iſt nicht die Sitte und Freiheit im Reiche Chriſti! Ach, mancher wird einſt Ach und Wehe über die Freiheit ſchreien, die er ſich genommen hat, wenn er dort dafür in ewiger Knechtſchaft des Todes liegen wird. „So euch der Sohn frei macht, ſo ſeid ihr recht frei,“ ſpricht Chriſtus. Dieſe evangeli— ſche Freiheit beſteht hauptſächlich in drei Stücken: 1. iſt der Chriſt durch den Glauben frei von der Strafe und der Herrſchaft der Sünde, die Sünden ſind ihm vergeben und er wird durch den heil. Geiſt getrieben und regiert, daß er nicht wie ein Ungläubiger den Lüſten ſeines Fleiſches als ein Selave folgen muß, ſondern der Sünde und Welt widerſtehen und ſie überwinden kann; 2. iſt der Chriſt frei von dem Joch der altteſtamentlichen Ceremonial— und bürgerlichen Geſetze; 3. iſt der Chriſt frei, 103 daß ihm keine menſchliche kirchliche Ordnung als zur Seligkeit nöthig aufgedrungen werden darf, daß er aber auch hinwiederum allerlei menſchliche Ordnung freiwillig mit einrichten und halten darf. In dieſen drei Stücken be⸗ ſtehet das Kleinod der chriſtlichen Freiheit. In unſerm heutigen Evangelium werden wir auf ein wichtiges Stück derſelben, nämlich auf die Freiheit der Chriſten vom Sabbath des Alten Bundes geführt; darauf richten wir jetzt unſere weitere Andacht. Tert: Luc. 14, 1—11. Der zweite Theil des verleſenen Evangelium handelt, m. Z., von der Demuth. Da ich erſt vor Kurzem hierüber zu euch geſprochen habe, ſo laßt mich heute hauptſächlich auf den erſten Theil unſeres Textes Rückſicht nehmen. Chri— ſtus heilt hier am Sabbathtage einen Waſſer— ſüchtigen, und die Schriftgelehrten und Phari-— ſäer ſtoßen ſich daran. Dies fordert uns auf, einmal die wichtige Lehre vom Sabbath zu betrachten. Ich ſtelle euch daher jetzt vor: Die Freiheit von dem Sabbath des Alten Bundes, welche die Chriſten durch das Evangelium erlangt haben; wir erwägen 1. wovon die Chriſten durch das Evangelium frei gewor den ſind, und 2. wo von die Chriſten durch das Evangelium nicht freigewor⸗ denſind. 1. Der Sabbath, das iſt der Ruhetag oder die heil. Feier des Sonnabends, des ſiebenten Ta— ges in der Woche, iſt, m. Z., keine menſchliche Ordnung, ſondern eine heil. Einſetzung des großen Gottes. Am Sabbathtage hatte Gott geruht von den Werken der Schöpfung und an demſelben Tage hatte Gott das Volk Israel aus der Sclaverei Egyptens herausgeführt, dieſer Tag ſollte daher der Erinnerungstag an die beiden großen Werke Gottes ſein. Als Gott auf dem Berge Sinai dem Volke Israel die heil. zehn Gebote kund that, da rief er denn auch: „Gedenke des Sabbaths, daß du ihn heiligeſt.“ Und wie dieſer Tag geheili⸗ get werden ſollte, auch dieſes hat Gott ſelbſt geoffenbaret und geboten. Am Sabbath ſollten nur Werke des Gottesdienſtes verrichtet, gott— geheiligte Verſammlungen angeſtellt, geopfert, gebetet, Gottes Wort geprediget, geleſen und gehört werden; nach Gottes ſtrengem Befehl durfte an dieſem Tage niemand ſonſt ein Werk thun, auch nicht der Knecht, noch die Magd noch das Vieh, noch ein Fremder, wenn er im Laude Canaan als Gaſt ſich aufhielt. Nach Gottes ſtrengem Gebote durfte kein Feuer zum Kochen der Speiſen angezündet, keine Laſt ge— tragen, keine Reiſe unternommen, überhaupt nichts gethan werden, was eine gänzliche leib— liche Ruhe ſtören könnte. Und dieſes alles war ſo ſtreng geboten, daß, wer die geringſte Ar— beit that, deſſen Seele von dem Volke Gottes ausgerottet werden und er des Todes ſterben ſollte. Im 4. Buch Moſe, im 15. Kap. wird uns erzählt: Einſtmals fand man einen Mann am Sabbathtage Holz leſen; ſogleich brachte man den Thäter vor die ganze Gemeine; da fragte Moſes den HErrn um Rath, und der HErr ſprach: „Er ſoll des Todes ſterben, die ganze Gemeine ſoll ihn ſteinigen außer dem Lager; da führte ihn die ganze Gemeine her— aus, und ſteinigte ihn, daß er ſtarb.“ So heilig und unverletzlich nun der Sabbath⸗ tag dem Volke Gottes in der Zeit des Alten Bundes ſein mußte, ſo iſt er doch von Gott keinesweges für alle Zeiten eingeſetzt worden. Das ganze A. T. mit ſeinen äußerlichen, kirch— lichen und bürgerlichen Geſetzen und Einrich— tungen ſollte nach Gottes Willen keinesweges ewig bleiben, ſondern ſollte allein zu einer Vor— bereitung und Zurüſtung auf die Erſcheinung des Heilandes der Welt dienen. Die meiſten Judeu waren freilich ſo blind, daß ſie meinten, ſie ſollten die äußerlichen Ordnungen Gottes halten, um dadurch gerecht und ſelig zu werden. Aber ganz anders war die Abſicht Gottes. Gott verband alle Kinder Iſraels durch ſtrenge bür— gerliche Geſetze zu einem, von allen Heiden abgeſonderten Volke, das ſich mit keinem an— dern vermiſchen durfte, damit einſt die Wahr⸗ heit ſeiner Verheißung offenbar werden möge, daß Chriſtus nach dem Fleiſche wirklich von Abraham abſtamme. Gott legte den Israeliten ein ſchweres Joch äußerlicher Geſetze auf, um ihren Gehorſam zu prüfen, zu üben, ſie in äußerer Zucht und Ordnung zu erhalten und in ihnen die Sehnſucht nach der Freiheit in den Zeiten des Meſſias zu erwecken. Gott gab dem jüdiſchen Volke allerhand kirchliche Gebote von heiligen Orten, heil. Handlungen, heil. Gebäuden, und heil. Zeiten, welche nichts an⸗ ders ſein ſollten, als Gemälde und Vorbilder auf die Zeit, in welcher der verheißene Chriſtus alles erfüllen würde. So war Jeruſalem mit ſeinem Tempel, wohin alle Juden ſich halten mußten, ein Vorbild der einigen, wahren chriſt⸗ lichen Kirche; die gebotenen blutigen Opfer waren Vorbilder des einigen Opfers, das Chriſtus am Kreuze auf Golgatha gebracht hat; die Einſetzung des Hohenprieſters mit ſeinen Verrichtungen war ein Vorbild auf Chriſtum, den rechten Hohenprieſter, der durch ſein eignes Blut eingegangen iſt in das In— wendige des Vorhangs, in das Allerheiligſte des Himmels und eine ewige Erlöſung erfun— den hat. Das gebotene Räuchern war ein Vor⸗ bild auf die im Neuen Teſtamente den Chriſten beſonders geſchenkte Gabe und Gnade des Ge— betes, das äußerliche Reinigen ein Vorbild des innerlichen, und das leibliche Faſten ein Vor— bild der geiſtlichen Enthaltung. Dahin gehört auch die Einrichtung heiliger Zeiten, wie der Neumonde, des großen Verſöhnungstages und des Sabbaths. Der Sabbath war ein Vor— bild des Sabbaths oder der Ruhe Chriſti am Ende ſeines Erlöſungswerkes in ſeinem Grabe und ein Vorbild des ſteten Sabbathes, welchen Chriſtus in den Herzen ſeiner Gläubigen ſchon hier anrichten wollte, bis er ſie zu dem ewigen Sabbath im Himmel bringt. Mit der Erſcheinung Chriſti hat daher das ganze äußere Gerüſte des A. Teſtamentes ſeine Endſchaft erreicht. Das bürgerliche Geſetz der