# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Juli 1858_S224 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 224 Kirchlich - Zeitgeschichtliches. Dr. Krummacher und die neun Artikel. Der Genannte giebt jetzt als Frucht seiner Betheiligung an der sogenannten evangelischen Allianz die Erklärung, daß er nun einsehe, die neun Artikel fordern zu viel! Durch dieselben würden ja die Quäker ausgeschlossen, auch viele Schleiermacherianer. Sollte aber ein Glaubensbekenntniß des Bundes hingestellt werden, so halte er folgendes praktischer, als jene neun Artikel, nämlich: „Alle die, welche durch Jesum Christum und durch die Gnade Gottes selig zu werden hoffen und entschlossen sind, Christo zu leben und zu sterben, sollen Glieder des Bundes sein, und wollen wir willkommen heißen.“ Die Rationalisten freuen sich darob nicht wenig und öffnen bereits, wiewohl noch schüchtern, Dr. Krummacher in der Berliner Protestantischen Kirchenzeitung die Arme. Hengstenberg aber schreibt: „Wir erblicken hier ein Warnungszeichen, was Gott den Gutwilligen giebt, die sich auf die Bahn der Allianz verirrt haben, damit sie noch zu rechter Zeit umkehren. „„Hier liegen Fußangeln,““ das ruft die vorliegende Thatsache auch in solche Ohren hinein, die nicht eben feinhörig sind. Wir wollen hoffen, daß die beschleunigte Crisis ein Durchgang sein wird für die Rückkehr (?) zur vollen Gesundheit, daß Dr. Krummacher, nachdem er den Weg abwärts bis zur Verwerfung der neun Artikel und bis zur Fraternisirung mit der Protestantischen Kirchenzeitung, oder wenigstens bis dahin, daß diese in ihm einen Gleichgesinnten erkennen konnte, verfolgt hat, um sich bald rüstig auf den Weg aufwärts begeben, bei der Bretterbude der neun Artikel, und bei dem Luftschlosse der Allianz rasch vorübereilen und in die feste Burg der Kirche zurückkehren (?) und, wobei freilich zu wünschen ist, daß solches nicht mit klingendem Spiele geschehe, sondern mit einem stillen Kyrie Eleison und Vaterunser. Jena. In jüngster Zeit hat sich das Gerücht verbreitet, das wir nur als Gerücht wiedergeben wollen, man beabsichtige den Professor der Theologie Baumgarten in Rostock an die hiesige Universität zu berufen. Bekanntlich ist Baumgarten vor kurzem wegen seiner von dem Bekenntniß der lutherischen Kirche abweichenden Lehre rechtskräftig seines Amtes als öffentlicher Lehrer der Theologie an einer lutherischen Facultät enthoben worden, und es wäre nach allem, was neuerlich in den lutherischen Landeskirchen Thüringens vorgekommen ist (man denke an Schwarz und Steinacker!) gar nicht unwahrscheinlich, daß dieser Plan gefaßt worden sei und seiner Ausführung entgegenreife. Der Rationalismus sieht unsere Lande als den Boden an, darauf sich in dieser der Reaction und der Glaubenstyrannei alle politische und kirchliche Freiheit flüchten müsse, als das Nordsee⸗Eiland (wie Rückert sagt), das von den Wellen der jetzt hoch gehenden kirchlichen Strömung umbraust, entweder dem Schicksale entgegengehe, allmählich gänzlich weggespült zu werden, oder einen Posten zu bilden, vom dem aus zu seiner Zeit der Kampf der Freiheit sicher bestanden werden könne.—Wie unklar man auf dieser Seite über kirchliche Dinge ist, zeigt ein in mehrere Zeitungen übergegangener Artikel „vom Fuße der Wartburg“, welcher meint, derselbe Baumgarten werde nach Jena berufen werden, weil die Regierung zu Altenburg auf Anstellung eines „streng confessionellen“ Lehrers der Theologie auf unserer Landesuniversität dringe! Es mahnte uns das an den Ausspruch eines Vorzeigers eines Telluriums, der vor kurzem dem um ihn versammelten Zuschauerkreise versicherte, er getraute sich durch Nachweisung des wunderbaren Baues des Weltalls sogar einen Pietisten vom Dasein Gottes zu überzeugen! Coburg. Hier ist durch den im vorigen Jahre erfolgten Tod des Generalsuperintendenten Gensler die höchste geistliche Stelle des Landes erledigt worden. Der Verstorbene wandelte in den Fußstapfen des bekannten Rationalisten Bretschneider, und war nicht im Stande, das in der Kirche neu erwachte Glaubensleben zu verstehen, noch weniger, es zu kräftigen. Diejenigen, die ein Herz für die Kirche haben, sprachen daher auch öffentlich (z. B. im Weim. Sonntagsboten) ihre Wünsche dahin aus, es möchte ein mit dem Bekenntnisse der lutherischen Landeskirche Ernst machender Mann an diese einflußreiche Stelle berufen werden. Leider scheint man gerade entgegengesetztes im Sinne zu haben. Der hiesige Regierungspräsident Franke ist nach Gotha gereist, um des Oberconsistorialraths Schwarz Rath für diese Besetzung einzuholen, und daß dieser, wie man hört, den Pfarrer Zittel aus Heidelberg, den bekannten Agitator aus der Revolutionszeit und lichtfreundlichsten Mitherausgeber der Protestantischen Kirchenzeitung, in Vorschlag gebracht habe, ist, so betrübend es für unsere Kirche wäre, nach Schwarz's bekanntem Standpunkte mehr als wahrscheinlich.*) Baumgarten. Nach dessen Absetzung ist Prof. Dr. v. Hofmann in Erlangen für ihn in einem Schriftchen aufgetreten, welches den Titel trägt: „Beleuchtung des über Dr. Baumgarten's Lehrabweichungen abgegebenen Consistorial⸗Erachtens. Nördlingen. Beck. 1858.“ 58 Seiten in 8. Ersterer sucht darin nachzuweisen, daß das Consistorium seine Anklagepunkte auf lauter Mißverständnisse gründe! Eine praktische Weise, alle Ketzer reinzuwaschen. *) Nach neuern Zeitungsnachrichten aus Heidelberg hat er den Ruf wirklich erhalten und angenommen.