# Synodical Conference Convention Proceedings_St. Louis Missouri_1875_S9 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) — 9 — mus auf's ernſtlichſte entgegen und ließ ſich darüber von der kryptocalviniſti⸗ ſchen Regierung zu Anhalt aus dem Lande jagen. Mitteldinge nennen wir ſolche, die von Gott „weder geboten noch ver⸗ boten ſind“ (Concordienformel, Artikel X.); aber ſie ſind's in jedem Fall nur im abſtracten Sinne. Bei beſondern Fällen mag es dann allerdings nicht mehr in der Freiheit ſtehen, ſo oder ſo zu handeln, wenn nämlich die Liebe verletzt wird, wie der Apoſtel darauf zielt, wenn er ſpricht: „Ich habe es zwar alles Macht, aber es frommet nicht alles“ (1 Cor. 10, 23.). Einen concreten Fall finden wir hiervon im Leben des Apoſtels Paulus. Er ließ den Timotheus, um ihn auf ſeiner apoſtoliſchen Reiſe mit ſich zu nehmen, aus Rückſicht auf die ſchwachen Juden beſchneiden, weil Dies in chriſtlicher Freiheit ſtand. Als ſich dann aber eine Partei bildete mit der Lehre, man müſſe durch die jüdiſche Kirche hindurchgehen, um in die chriſtliche zu ge⸗ langen, es ſei zur Erlangung der Seligkeit nicht blos der Glaube an Chriſtum nöthig, ſondern auch die Beobachtung der vorzüglichſten Geſetze Moſis; als ſich dieſe Stänker wohl darauf beriefen, weil Paulus um der Schwachen willen den Timotheus hatte beſchneiden laſſen, ſo müſſe er nun auch con⸗ ſequenterweiſe den Titus beſchneiden laſſen, da wich Paulus ihnen auch nicht eine Stunde lang und ließ den Titus nicht beſchneiden. In wiefern ein Chriſt in Mitteldingen ſeine Freiheit hat und doch in Bezug auf den Ge⸗ brauch derſelben gebunden ſein kann, zeigt Luther, wenn er einmal ſagt: „Zwiſchen dir und deinem Gott iſt deine Freiheit voll und rund, aber zwiſchen dir und deinem Nächſten haſt du gar keine Freiheit. Der Glaube macht dich zum Herrn über alles, die Liebe zu aller Knecht.“ Die Freiheit eines Chriſten in Mitteldingen bezieht ſich nur auf das Gewiſſen und nicht auf die äußerliche Handlung. Der Chriſt iſt durchaus kein freier Mann in Bezug auf den Nächſten, ſondern ein Knecht. Ein freies Mittelding ſoll man bereit ſein, um des Nächſten willen zu unterlaſſen, wie der Apoſtel ſpricht 1 Cor. 8, 13.: „So die Speiſe meinen Bruder ärgert, wollte ich nimmermehr Fleiſch eſſen, auf daß ich meinen Bruder nicht ärgerte“; aber während man es aus Liebe um des Nächſten willen unterläßt, muß man auch wiſſen, daß es frei iſt. Die Mitteldinge ſelbſt ſind nicht dem Wechſel unterworfen, ſie bleiben, was ſie ſind; aber der Brauch derſelben iſt nicht immer frei. Keine Creatur kann Geſetze geben, die Gewiſſen zu binden, nur Gott kann es. Und von Gott iſt nicht zu erwarten, daß er eine neue Oeko⸗ nomie anrichten und etwas Freies, wie im Alten Teſtament, verbieten werde; im Neuen Teſtament haben wir ein unbewegliches Reich. Auch die Kirche kann keine ſolche gewiſſenbindende Ordnung machen. Ihre Pflicht und Aufgabe iſt die, die Leute ſelig zu machen. Wie kommt ſie dem aber nach, wenn ſie durch ihre Ordnungen den Seelen Steine in den Weg wirft? Es mögen darum ihre Ordnungen bei beſtimmten Verhältniſſen gut und heil⸗ ſam geweſen ſein, die in andern Zeiten geändert werden müſſen; denn ſolche Ordnungen machen, die jeder Zeit gut und heilſam ſind, das kann allein der