# Synodical Conference Convention Proceedings_St. Louis Missouri_1872_S26 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) — 26 — unterwieſen, denn daß ichs philoſophiſcher Weiſe von ſolcher Gerechtigkeit verſtehen müßte, in welcher Gott für ſich gerecht iſt, recht thut und wirket und alle Sünder und Ungerechten ſtrafet, welche Gerechtigkeit man die we⸗ ſentliche (formalem) oder wirkliche (activam) Gerechtigkeit nennet. Nun ſtund es um mich alſo: ob ich gleich als ein heiliger und unſträflicher Mönch lebte, befand ich mich doch einen großen Sünder vor Gott und dazu eines ängſtlichen und unruhigen Gewiſſens, getraute auch nicht mit meiner Genug⸗ thuung und Verdienſten Gott zu verſöhnen. Derowegen liebte ich dieſen gerechten und zornigen Gott gar nicht, welcher die Sünde ſtrafet, ſondern ich haſſete denſelbigen und (ſo dieſes keine Läſterung geweſen oder zu achten iſt) zürnete heimlich und mit rechtem Ernſt wider Gott; ſagete oftmals: Genüget denn Gott an dieſem nicht, daß er uns arme, elende Sünder und durch die Erbſünde zum ewigen Tod allbereit Verdammte mit allerlei Jam⸗ mer und Trübſal dieſes Lebens neben des Geſetzes Schrecken und Bedräu⸗ ung beleget, daß er noch muß durchs Evangelium dieſes Jammers und Herzeleids mehr machen und durch desſelbigen Predigt und Stimme ſeine Gerechtigkeit und ernſten Zorn ferner dräuen uud verkündigen? Hier er⸗ grimmete ich oftmals in meinem verwirrten Gewiſſen; hielt aber dennoch mit mehrerem Nachdenken bei dem lieben Paulo an, was er doch an demſelben Ort meinete, und hatte herzlichen Durſt und Begierde, dasſelbige zu wiſſen. Mit ſolchen Gedanken brachte ich Tag und Nacht zu, bis ich durch Gottes Gnade merkete, wie die Worte an einander hingen, nehmlich alſo: Die Ge⸗ rechtigkeit Gottes wird im Evangelio offenbaret, wie geſchrieben ſtehet: Der Gerechte lebet ſeines Glaubens. Hieraus habe ich dieſelbige Gerechtigkeit Gottes, in welcher der Gerechte durch Gottes Gnade und Gabe allein aus dem Glauben lebet, verſtehen lernen, und gemerket, daß des Apoſtels Mei⸗ nung dieſe wäre: es würde durchs Evangelium die Gerechtigkeit offenbaret, die vor Gott gilt, in welcher uns Gott aus Gnaden und eiteler Barmherzigkeit durch den Glauben rechtfertiget, welche man zu Latein Justitiam passivam nennet, wie geſchrieben ſtehet: Der Gerechte lebet ſeines Glaubens. Hie fühlete ich alsbald, daß ich ganz und neu geboren wäre und nun gleich eine weit auf⸗ geſperrte Thür, in das Paradies ſelbſt zu gehen, gefunden hätte; ſahe mich auch die liebe heilige Schrift nunmals viel anders an, denn zuvor geſchehen war; lief derhalben bald durch die ganze Bibel, wie ich mich derſelbigen erinnern konnte, und ſammelte auch in andern Worten nach die⸗ ſer Regel alle ihre Auslegungen zuſammen, als: daß Gottes Werk dies heiße, das Gott in uns ſelbſt wirket; Gottes Kraft, damit er uns kräftig und ſtark machet; Gottes Weisheit, damit er uns weiſe machet; alſo die andern: Gottes Stärke, Gottes Heil, Gottes Herrlichkeit u. dergl. Wie ich nun zuvor dieſes Wörtlein „„Gottes Gerechtigkeit““ mit rechtem Ernſt haſſete, ſo ſing ich auch dagegen an, dasſelbe als mein allerliebſtes und tröſt⸗ lichſtes Wort theuer und hoch zu achten und war mir derſelbige Ort in