# Synodical Conference Convention Proceedings_St. Louis Missouri_1872_S25 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) — 25 — Phariſäer machen, aber keine Chriſten. Ein ſolcher wird man allein dadurch, daß durch den Heiligen Geiſt im Herzen offenbar wird, man ſei durch Chriſtum wirklich erlöſ't, habe Vergebung der Sünden, einen verſöhnten himmliſchen Vater, Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, und kann ſich darum getroſt auch aufs Sterbe⸗ bett legen. Alles Andere, was einen Menſchen nicht zu dieſer Zuverſicht des Herzens führt, erzeugt Heuchelei und Gottloſigkeit. Darum iſt nicht hohe Kunſt meuſchlicher Weisheit nöthig, den Leuten den Weg zum Himmel zu zeigen, ſondern vor allem das treue Feſthalten an dieſem Artikel. Wenn nur der, der auf der Kanzel ſteht, dieſen Artikel rein behält, wenn nur ſeine ganze Predigt von dieſem Gedanken beherrſcht wird, man müſſe allein durch Chriſtum ſelig werden: wenn er es dann auch hie und da in der Form oder ſelbſt im Ausdruck verſähe, würde das keinen Schaden thun; während ein Anderer, der nicht in dieſem Artikel lebt, der Form nach ganz ſchön und regelrecht pre⸗ digen kann, aber bringt dennoch ſeine Gemeinde nicht zu rechtem Troſt, zu der nöthigen Freudigkeit. Vielleicht wundert er ſich ſelbſt und die Gemeinde mit ihm, daß die Frucht nicht folgen will; allein es fehlt gewiß an dieſem Artikel. Summa: Wo dieſer Artikel iſt, da iſt gewiß Chriſtus, da ſind Chriſten, da iſt Chriſti Kirche, wo er nicht iſt, da iſt auch keine Kirche. In der zweiten Theſis wird darauf hingewieſen, wie gerade die Lehre von der Rechtfertigung es war, von der aus Gott ſein Werk der Reformation durch Luther begonnen habe. Luther wäre nie der Reformator der Kirche geworden, wenn er nicht zur rechten Erkenntniß gerade dieſes Artikels ge⸗ kommen wäre. Vor ihm lebten viele, die auch die Kirche reformiren wollten, aber man merkt wohl, es fehlte ihnen gerade an dieſem Grunde, von dem aus die Kirche allein reformirt werden kann, und ſo hatten ſie keinen Erfolg. Es gefiel aber Gott, Luther dieſes Licht aufgehen zu laſſen und ihn von da aus hindurchzuführen zu immer größerer Klarheit. Er bewirkte in ihm ein Ver⸗ zagen an ſeinem Verdienſt und führte ihn nach und nach theils durch das Leſen der heiligen Schrift, theils durch die Schriften Auguſtins zur Ergrei⸗ fung des Verdienſtes Chriſti, und auf dieſem Wege zur Erkenntniß davon, welch eine hölliſche Finſterniß im Pabſtthum herrſche; wie da im geraden Gegenſatz zur Lehre von der Rechtfertigung durch Chriſtum gelehrt werde, der Menſch ſolle durch des Geſetzes Werk gerecht werden, und das Evangelium zu einer neuen Art des Geſetzes gemacht werde. Der Gang, welchen Gott mit Luther eingehalten hat, geht aus folgender Stelle in ſeinen Schriften her⸗ vor: „Ich hatte in der That eine herzliche Begierde und Luſt, St. Pauli Epiſtel an die Römer eigentlich zu verſtehen, und hatte mich daran bis⸗ her nichts anderes gehindert, denn allein das einzige Wörtlein justitia Dei (Gerechtigkeit Gottes) im erſten Capitel Vers 17., da Paulus ſpricht: die Gerechtigkeit Gottes werde im Evangelio offenbaret. Dieſem Wort „„Gottes Gerechtigkeit““ war ich ſehr feind und war nach Gebrauch und Gewohnheit aller Lehrer nicht anders berichtet und