# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1911 06 13_S188 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 188 Siehe, dort bei der Tür sitzen die Großmütter, sechs an der Zahl. Weil sie gebrechlich sind, sollen sie es bequem haben, und darum haben wir ihnen einen Platz gleich beim Eingang zugewiesen. Es sind alles Witwen. In ihrer Jugend hat ihnen wohl kaum das Licht des göttlichen Wortes geleuchtet. Ihr Augenlicht und ihr Gehör sind weit zurückgegangen; lernen können sie fast gar nichts mehr. Mit vieler Mühe haben sie noch begriffen, daß es nur einen Gott gibt, und daß Götzendienst Sünde ist — aber auch, daß Gottes Sohn, der HErr JEsus, sie von Teufel, Sünde, Tod und Hölle erlöst hat. Obgleich nun diese Großmütter nichts mehr arbeiten können im Weinberge des HErrn, so haben sie doch ihre Bedeutung. Durch die Großmütter kommen nämlich nicht selten auch die Kinder und Enkel zum Christentum. Die Hauptsache ist jedoch, daß sie selbst, in ihren alten Tagen wie ein Brand aus dem Feuer gerettet, in den Himmel eingehen. Vor ihnen sitzt die jüngere Gemeinde, die Männer und Frauen in den besten Jahren. Ihrer Beschäftigung nach sind sie Feldarbeiter, Gärtner, Gerber, Arbeiter in Tabak und dergleichen. Die Frauen tun Handlangerarbeit, tragen Wasser oder sammeln Gras; eine von ihnen betreibt einen kleinen Handel. Unsere Gemeinde besteht der Hauptsache nach aus zwanzig Familien; es sind teils Eheleute ohne Kinder, teils Männer, Frauen und Kinder. Die Eheleute ohne Kinder tragen das große Kreuz der Kinderlosigkeit, für den Orientalen noch drückender als für den Europäer. Und die Familien mit Kindern haben meistens auch schon viel durchgemacht; einer dieser Familien sind zum Beispiel, als sie noch Heiden waren, sechs Kinder gestorben. Um ihres Christentums willen sind sie schon alle verlästert, manche sogar geschlagen und buchstäblich mit Füßen getreten worden. Ich kann ihnen das Zeugnis geben, daß es ihnen am Herzen liegt, gute Christen zu sein. Der HErr erhalte sie getreu bis an den Tod! Vor den Erwachsenen siehst du die Schulkinder sitzen. Sie bilden die Gemeindeschule. Es sind die jungen Bäumchen in Christi Garten; sie werden nun begossen und gepflegt. Auf ihnen steht unsere Hoffnung eines zukünftigen guten Christentums, dem heidnische Gedanken einst fremd sein werden. Und zuletzt siehst du alle die Kindlein vom sechsten Jahre an abwärts bis zum zartesten Alter. Über ihnen steht insonderheit geschrieben: „Und er herzte sie und legte die Hände auf sie und segnete sie“, Mark. 10, 16. Der Heilige Geist vertritt mich mit unaussprechlichem Seufzen, wenn ich bei der Taufe meine Rechte auf solch ein kleines braunes Kindlein lege und über ihm das Vaterunser bete und es also in JEsu Hände lege. Siehe dir jetzt erst noch einmal die Heiden an. Sie beten Steine an, sie haben ein steinernes Herz und darum auch einen steinernen Gesichtsausdruck. So — und nun überblicke noch einmal unsere Christengemeinde. Gott hat ihr steinernes Herz weggenommen und ihnen ein fleischernes Herz gegeben. Darum ist auch ihr steinerner Gesichtsausdruck gewichen und ein weicher, milder, freundlicher, evangelischer Gesichtsausdruck an seine Stelle getreten. Wie steht es denn aber mit dem alten Adam unserer Christen? Er ist leider auch noch da — und er ist ein Tamule. Die Hauptsünden der Tamulen sind die Lüge und die Unzuverlässigkeit. Darum treten auch bei unsern Christen diese Sünden immer wieder hervor. Unaufhörlich muß man sie mit Paulo ermahnen: „Darum leget die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeglicher mit seinem Nächsten, sintemal wir untereinander Glieder sind“, Eph. 4, 25. Aber ihr alter Adam ist kein besonders schlechter vor andern. Das sieht man sofort, wenn man seinen eigenen alten Adam dagegen hält. Schön sind sie beide nicht. Wenn man bedenkt, wieviel Gnade Gott unsereinem von Jugend auf verliehen hat, wie man immer an der Quelle des Lebens hat sitzen und trinken dürfen, wie unsere eingeborenen Christen dagegen noch vor wenig Jahren Heiden waren und in der Finsternis und im Schatten des Todes saßen, dann wird man in bezug auf ihren alten Adam demütig und geduldig, da lernt man ihre Schwächen ertragen. Das soll nicht heißen, daß wir gute Miene zum bösen Spiele machen, sondern wir nennen Sünde eben Sünde, strafen und ermahnen — und trösten sie dann wieder mit herzlicher Barmherzigkeit. Wieviel ist denn nun der Weide dieser Herde? Jeden Sonntag, wie gesagt, vormittags um zehn Uhr, ist Gottesdienst, und zwar findet abwechselnd den einen Sonntag Predigt, den andern Christenlehre statt. Während der Passionszeit halten wir jeden Freitagabend Passionsgottesdienst. Jeden zweiten Sonntag im Monat findet im Anschluß an den Gottesdienst die Gemeindeversammlung statt. Die übrigen Sonntagnachmittage widme ich Besuchen meiner Gemeindeglieder in ihren Häusern. In oder vor dem Christenhause, das ich mir zu besuchen vorgenommen habe, finde ich mich mit den Lehrern und den Kostschulknaben zusammen, und wir nehmen Platz. Auch Christen aus andern Häusern kommen dazu — und viele Heiden. Es findet nun ein Hausgottesdienst statt. Gottes Wort wird betrachtet, und im Gebet werden dabei insonderheit die Glieder der Familie, der dieser Besuch gilt, dem Segen des HErrn befohlen. Bisher sind dies glückliche und gesegnete Hausbesuche gewesen. Viermal im Jahre feiern wir das heilige Abendmahl. Meistens nehmen alle Abendmahlsberechtigten daran teil. Jedenfalls habe ich beim Weiden meiner Herde das Wort des Apostels Kol. 3, 16 im Auge: „Lasset das Wort Christi unter euch reichlich wohnen in aller Weisheit!“ Allein wie kommt es denn, daß die Leute Christen werden? Du hast schon so viel von der Heidenpredigt gehört. Wir Missionare gehen in die Städte und Dörfer der Heiden und predigen denen, die uns zuhören, Gottes Wort: Gesetz und Evangelium, Buße und Glauben. Die Frage ist nun, ob die Heiden dadurch bekehrt werden, so daß sie kommen und sich taufen lassen. Wie viele Heiden durch die Heidenpredigt zu Christo bekehrt werden, entzieht sich wohl meist der Beobachtung der Missionare und gehört zu denjenigen Dingen, die einst droben offenbar werden. Sollen wir urteilen nach dem, was wir sehen, so müssen wir sagen, daß wir so gut wie nichts von Bekehrungen durch die Heidenpredigt merken. Und doch hat es einzig und allein die Heidenpredigt mit dem Kommen der Heiden zum Christentum zu tun. Aber wie verhält sich denn beides zueinander? Nun, die Heidenpredigt ist der Feuerschein, der Lichtesglanz, den die Heiden bemerken und von dem sie angezogen werden. Noch kennen sie den nicht, der in diesem Feuer ihnen erscheint, noch wissen sie nicht, was das für ein Licht ist. Die Heidenpredigt ist der feurige Busch, in welchem der HErr den Heiden erscheint. Wie Moses das Gesicht im feurigen Busch nicht sogleich erkannte, sondern hingehen wollte, um es zu besehen, so erkennen die Heiden aus der Heidenpredigt auch nicht so-