# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1911 06 13_S186 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 186 tun, werden es hiernach einst erfahren, daß vieles nicht in ihrer Rechnung stehe, was Gott andern, fleißigeren Christen angeschrieben hat im Buche der Vergeltung, damit sie dort einen unaussprechlichen Gnadenlohn empfangen. Denn jede Gabe, jedes Zeitopfer, jeder Gang, jede Sorge, jedes Gebetsseufzerlein für Gottes Reich wird dort einst als leuchtender Edelstein in der Krone der Ehren leuchten, und gar reichlich soll der ernten, sagt St. Paulus, der da reichlich säet. Aber die faulen, gleichgültigen, unentschiedenen Namenchristen, die Christi Kirche mit ihren Gnadenmitteln wohl gebrauchen, aber keine rechtschaffenen Opfer dafür bringen wollen, werden von solchem Gnadenlohn nicht nur leer ausgehen, sondern endlich als solche, die nicht mit Christo sammeln wollten und daher sein Reich hinderten, nicht nur nicht in Christi ewigem Freudenreiche sein, sondern dahin verwiesen werden, wo alle Feinde Christi über ihr verlorenes Leben Ach und Weh seufzen. Denn es bleibt bei Christi furchtbar ernstem Urteil: „Wer nicht mit mir sammelt, der zerstreuet!“ Walther, Licht des Lebens, S. 233 ff. „Durch die Barmherzigkeit Gottes!“ Röm. 12. O ihr Christen und Kinder Gottes, wie groß ist die Barmherzigkeit Gottes, die uns widerfahren ist und die wir erkannt haben! Gott hat uns verlorene und verdammte Sünder vor sich gerecht gemacht aus Gnaden, um Christi willen, ohne, ja wider unser Werk und Verdienst, allein durch den Glauben, durch welchen wir uns auf solch sein Gnadenwort verlassen. Und solchen Glauben hat Gott in uns gewirkt ohne all unser Zutun. Und er hat uns Christo eingepflanzt, also daß Christi Leben und Kraft in uns wirksam ist zu einem neuen Leben in der Heiligung, in welcher wir dem ewigen Leben entgegengehen. Und damit klar und ganz kündlich sei, daß dies alles nur Barmherzigkeit und ein ewiger Abgrund von Barmherzigkeit ist, offenbart uns Gott, daß er uns schon von Ewigkeit zu diesem allem erwählt und festiglich verordnet hat allein aus Gnaden, um Christi willen, nicht aber um irgendetwas willen, was uns etwa vor andern ausgezeichnet hätte. Ja, wie groß ist die Barmherzigkeit Gottes, die uns widerfahren ist und die wir erkannt haben! Und durch diese seine Barmherzigkeit, mit Hinweis auf diese seine uns widerfahrene und von uns erkannte Barmherzigkeit, ermahnt uns nun Gott, daß wir unsere Leiber, unser Leibesleben, begeben zu einem Opfer, das da lebendig, rührig, tätig, geschäftig und heilig, aus gläubigem und dankbarem Kindesherzen kommend, und also dem uns liebenden Gott wohlgefällig sei. Das soll unser vernünftiger, unser geistiger, unser seelverlangender Gottesdienst sein. Und nicht sollen wir uns dieser armen Welt, die von der Barmherzigkeit Gottes nichts weiß noch wissen will, gleichstellen mit unserm ganzen Tun und Treiben und Handeln und Wandeln und Dichten und Trachten, sondern wir, denen die Sünde und also das Weltwesen ja freilich immer schwer anhängt, sollen uns täglich und immerdar verändern und umgestalten, und das von innen heraus, durch die Verneuerung unsers Sinnes. Und so soll es geschehen, daß wir bei allem, was wir tun, immer erst prüfen und sorglich forschen, welches in jedem Falle der Wille Gottes sei, der nur immer auf das Gute, das Gott Wohlgefällige und das Vollkommene, das immer völlig Rechte geht. O Kinder Gottes, findet diese Ermahnung Gottes nicht freudigen Anklang in euren Herzen? Gewiß doch! Und wie ist es nun? Wie sollen wir uns dieser Ermahnung gemäß verhalten in der Gemeinschaft mit andern Christen, in der christlichen Gemeinde? Paulus sagt das einem jeden von uns durch die Gnade des Apostelamtes, die ihm gegeben ist. Und das wollen wir uns jetzt sagen lassen. Niemand von uns soll in christlicher Gemeinde höher hinausdenken, als ihm gerade gebührt zu denken, sondern jeder soll darauf denken, daß er recht besonnen denke, daß er mit seinem Denken das rechte Maß halte, je nachdem nämlich Gott einem jeden das Maß des Glaubens zugeteilt hat, das ist, das Maß der aus dem Glauben an Christum fließenden Freudigkeit und Kraft und Fähigkeit, etwas auszurichten in der Gemeinde. Denn damit ist es unter uns Christen verschieden. Denn wie wir in einem Leibe viele Glieder haben, die Glieder aber nicht alle einerlei Geschäft und Verrichtung haben, so sind wir viele in der Gemeinde ein Leib in Christo, aber untereinander, im gegenseitigen Verhältnis, sind wir einer des andern Glied. Und da haben wir denn verschiedene Gaben, je nach der Gnade, die uns gegeben ist. Wenn jemand zum Beispiel „Weissagung“, die Gabe gottbegeisterter und gewaltiger Rede, hat, dann soll er davon einen solchen Gebrauch machen, wie es dem Glauben, seinem Glauben, dem Maß der ihm verliehenen Glaubensfreudigkeit und Glaubenskraft und Glaubensfähigkeit ähnlich und entsprechend ist. Item, er soll ganz besonnen und demütig bleiben und genau erkennen, was und wieviel ihm gegeben ist. Er soll sich nicht von solcher Gabe gleichsam berauschen lassen, daß er höher hinausdenke über das ihm beschiedene Maß solcher Gabe und Dinge unternehme und versuche, die ihm nicht gegeben sind. Dadurch würde er sich für Gott und Menschen unbräuchlich machen. — Und wenn jemand in der Gemeinde ein Amt, nämlich das Predigtamt, hat, so soll er dieses Amtes treulich warten, beides im Lehren und Vermahnen. — Und wenn jemand die Gabe des Gebens, des Mitteilens beides geistlicher und leiblicher Güter empfangen hat, so soll er das einfältiglich tun, nur von der rechten Liebe gedrungen, nicht zu eigener Ehre. — Und wenn es jemand beschieden ist, daß er regieren soll, wie in der Kirche ein Vorsteher oder in der Schule ein Lehrer oder im Hause die Väter und Mütter, so tue er es sorgfältig und mit Eifer. — Und wenn es jemand gegeben ist, daß er an Armen und Kranken und Notleidenden in der Gemeinde Barmherzigkeit üben kann, so tue er das mit fröhlicher Lust. Überhaupt — innerhalb der Gemeinde und außerhalb der Gemeinde, der wir gerade angehören: die Liebe soll uns in allem unserm Wesen und Tun bestimmen, die Liebe, die wir so reichlich von Gott erfahren und erkannt haben. Und diese Liebe soll ohne Falsch und ungeheuchelt sein. Das schließt freilich nicht aus, sondern das begreift vielmehr in sich und fordert, daß wir das Arge am Nächsten hassen und strafen und dem Guten anhangen und ihn dahin zu leiten suchen. Herzlich soll die brüderliche Liebe unter uns Christen sein, und wir sollen bedenken, daß das Band, welches uns in Christo zusammenfaßt, inniger und fester ist als alle Bande der Blutsverwandtschaft. Einer soll den andern höher achten als sich selbst und ihm dem-