# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1880 11 15_S173 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 173 war natürlich, zunächst einmal unser ganzes Feld kennen zu lernen. Und dazu hat uns der HErr auch reichlich geholfen, gerade durch zweckmäßige Aufforderungen, die er an uns ergehen ließ: — er rief uns nach Süden, Osten und Norden. Zuerst ging Hr. P. Bühler aus, vornehmlich deshalb, weil er mehr oder weniger an vielen Orten den Leuten bekannt ist; dann aber auch deshalb, damit ich mit unserer Gemeinde und mit San Francisco näher bekannt würde. Er ging zuerst nach Südosten, ins San Joaquin Thal, von wo sowohl die erste dringende Aufforderung gekommen war, als woselbst auch einige Glieder unserer Gemeinde Verwandte und Bekannte haben. Er bereiste die ganze Gegend daselbst, suchte alle Deutschen auf und lud sie für den folgenden Sonntag zum Gottesdienst ein. Er fand überall gute Aufnahme, und es erschien eine zahlreiche Zuhörerschaft zum Gottesdienst in Hill's Ferry; die Leute freuten sich von ganzem Herzen, einmal wieder Gottes Wort zu hören. Von hier reiste er nach Bantas, 74 Meilen von unserer Stadt. Auch hier fand er manchen Bekannten, ja öfter traf er Bekannte von Haus zu Haus. Mit einem Farmer fuhr er von einem zum andern, lud alle zur Kirche, und eine ebenso große Zuhörerschaft fand sich ein und hörte mit großer Freude die göttliche Predigt von Christo JEsu. Sein dritter Missionsplatz war Livermore, 47 Meilen von hier, wo es ebenso ging, wo Gottes Wort ebensolche freudige Aufnahme fand. Der vierte Platz, den er besuchte, war das wunderschöne Städtchen Napa, — aber so herrlich es in irdischer Schönheit auch prangt, so schien doch hier beim ersten Male der Boden für Gottes Wort härter zu sein, als an den anderen Orten. Immerhin aber fand Gottes Wort doch eine Aufnahme! Von hier wollte Hr. P. Bühler noch nach dem nicht weit davon gelegenen St. Helena reisen, wurde jedoch durch plötzliche Krankheit daran verhindert. Denn hier in California bedarf es nur einer kurzen Strecke Weges, und man ist in dem herbstlichen, schönen Klima von Wisconsin oder Illinois, und wieder einer geringen Entfernung, so befindet man sich im wonnigen Klima des Südens, je nachdem, ob die Seeluft den Ort berührt oder nicht. — Von den näheren Umständen, von der besonderen Aufnahme und dem Verhalten der Leute Gottes Wort gegenüber an einem jeden dieser Orte wird Ihnen Herr P. Bühler selbst ausführlichen Bericht erstatten. Nachdem Hr. P. Bühler nun zurückgekehrt war und an genannten Plätzen mit großem Segen gewirkt hatte, so daß es ganz unzweifelhaft war, daß in dieser Gegend California's ein großes Feld für den Herrn der Ernte sei, so reiste ich jetzt hinaus, um eine andere Gegend zu besuchen. Von Biggs' Station, circa 175 Meilen von San Francisco, im Norden des Landes gelegen, war ein herzlicher Bittbrief zu uns gelangt, — die Bitte eines wahren Christenherzens, so herzlich und herrlich, wie man sie sich nur wünschen mag, — einmal dort hinauf zu kommen mit der frohen Botschaft. Da mein Weg nach dort mich nun über Sacramento führte, so machte ich hier zuerst Halt und blieb über Sonntag. In dieser Stadt ist nämlich eine Gemeinde, die einmal vor Jahren von Hrn. P. Bühler gegründet wurde. Denn als in San Francisco im Jahre '61 eine Kirchenausbesserung vorgenommen wurde, begab sich Herr P. Bühler nach Sacramento und predigte da sechs Wochen lang. Die Folge war, daß bald darauf eine Gemeinde zu Stande kam. Weil sie aber keinen Pastor aus unserer Synode bekommen konnte, nahm sie den ersten besten, der sich ihnen als guter lutherischer Prediger anbot. Wie nämlich dieses schöne Land so reichlich in irdischer Beziehung gesegnet ist, so überlaufen war es auch von jeher von geistlichen Landläufern. So hat nun diese Gemeinde seit ihrer Entstehung schon mehrere solcher unberufener Prediger gehabt. Meine Absicht war, dem alten lieben Herrn (er wollte sein Alter gar nicht sagen, muß aber gegen 80 Jahre sein), der dort gegenwärtig pastorirt, wenn er es wünschen sollte, eine Predigt abzunehmen. Ich besuchte ihn daher in Gemeinschaft eines lieben Collegefreundes (Herrn Edwin Meese). Wir wurden freundlichst aufgenommen, er begrüßte mich sogleich, nachdem ich ihm vorgestellt war, als lieben Bruder, freute sich ungemein ob solchen Besuches, und wir unterhielten uns über Kirche und Lehre einige Stunden lang. Ich wurde aber nicht aufgefordert zu predigen, wurde jedoch die folgenden Tage noch mit vielen Gemeindegliedern bekannt und unterrichtete sie alle von unserer Mission, wie ich auch den alten Herrn Pastor damit bekannt gemacht hatte, den ich noch einige Male besuchte. Die Leute nahmen reges Interesse daran, und mehrere baten mich, am Sonntag doch zu predigen. Sie wollten auch zum Pastor gehen und ihm sagen, er möge mir das Predigen gestatten; da es aber jetzt zu spät war, und er wohl seine Predigt schon fertig haben mochte, ging es nicht mehr gut an. Am Sonntag wurde ich dann mit dem ganzen Vorstand bekannt, und sie luden mich dringend ein, einmal wieder zu kommen, es sie dann aber vorher wissen zu lassen, damit sie es vorher mit ihrem Pastor abmachen könnten, daß ich predigen solle. Mein Besuch hat wenigstens das Gute gehabt, daß diese Gemeinde, in welcher ich liebe Leute kennen lernte, nun unsere Missionssache weiß und für dieselbe mit Interesse erfüllt worden ist. Von Sacramento ging ich nun nach Bigg's Station. Als ich da ausstieg, hörte ich, daß die Leute, denen mein Besuch galt, noch 10 Meilen weiter wohnen. Nachdem ich nun mit schwerer Reisetasche — denn wir nehmen immer nebst Kleidung, Chorrock ꝛc., auch eine Anzahl Gesangbücher mit — eine halbe Stunde umhergelaufen und gekundschaftet hatte, fand ich einen Farmer, welcher mich dort hinausbringen wollte. In rasender Eile sausten die beiden spanischen „Ponies" mit dem leichten Springwagen, dessen Sitz eine Schiefebene von circa 13½ Grad bildete, mit mir und meinem Compagnon davon. Ich wußte gar nicht, was ich fest halten sollte, ob den „stove pipe" oder den Sitz oder die Reisetasche, alles wackelte so, daß ich öfter dachte, im nächsten Augenblick liegen hier zwei Menschen auf dem Boden: mein Fuhrmann und ich. Ich hatte gar keine Zeit, auf die schönen Weizenfelder zu achten, die es in diesem Theile unseres Landes in größter Zahl und bester Pracht gibt. Ja, diese ganze Gegend ist ein Weizenfeld, ein großes Weizenthal zwischen den hohen Bergen. 1000 Acker bilden eine nette Farm! Zweimal 80 Acker ist ein Hühnerhof! — Wir kamen aber endlich doch glücklich an. Die Leutlein waren schon zu Bett gegangen; denn hier gehen die Farmer mit der Sonne und den Hühnern zu Bett, stehen aber schon — was Fachmännern des Schlafes nicht zusagen dürfte — um 3 Uhr vor der Sonne und den Hühnern wieder auf. Nun, zu was für Leuten kam ich? Zu so lieben, guten Leuten, daß mir das Herz im Leibe lachte und sprang, mit ihnen zu reden; ja, wollte ich Gnadenhungrige sehen, — hier waren sie! Es sind zwei Familien, welche früher zur Gemeinde unseres Herrn Districtspräses gehörten, mit einem Wort wahre Christen! Der Familie, bei welcher ich logirte, mußte ich bis über 11 Uhr hinaus erzählen. Als es endlich Schlafenszeit war, brachte die Frau ganz unvermuthet zwei von unseren Gesangbüchern und sagte: „So, Herr Pastor, jetzt seien Sie so gut und singen mal wieder der ein Lied mit uns und beten Sie auch mit uns." Wir sangen sodann das schöne Abendlied: „Hinunter ist der Sonnenschein", so herzhaft, als wir konnten. Das älteste Kind, ein Knabe von 11 Jahren, den sie selber unterrichtet hatten, fiel auch mit ein. Seine anderen drei Geschwister lagen längst in süßem, festem Schlafe. Aber siehe, als sie diese Musik zu so ungewöhnlicher Stunde hörten, ragte schnell eines der Köpfchen hervor — und dann noch eins — und noch eins — und lächelten und lauschten. Nachdem wir zu Ende gesungen und gebetet hatten, standen uns helle Thränen in den Augen. Dann begaben wir uns zur Ruhe. Am nächsten Morgen, als wir am Essen waren, brachte mir mit einem Male das älteste Mädchen, ein Kind von 8 Jahren, das Gesangbuch und wollte mir sagen: ich solle wieder singen, was denn auch geschah. An demselben Vormittag kam noch ein Mann angefahren, der, wie er sagte, von mir gehört hatte, daß ich über Sonntag bleiben und predigen wolle, und sich anbot, mich bei allen Deutschen umherzufahren, um sie zum Gottesdienste einzuladen. Das that er denn auch. Da nun aber die meisten Leute auf der anderen Seite von Biggs wohnen, so mußte hier in einem Schulhause Gottesdienst gehalten werden. Es kamen 20 Zuhörer (denn sehr viele Deutsche sind nicht da, und dann war auch gerade die Ernte in vollem Gange), und sie alle gingen mit großer Freude wieder heim. Von meinen lieben Leuten aber, für welche ich eigentlich dahin gereis't war, erschien auffälliger Weise niemand, obgleich jede der beiden Familien ein Kind taufen lassen wollte. Doch empfing ich noch an demselben Tage einen Brief von ihnen, worin sie mir nicht nur ihr tiefes Bedauern aussprachen, nicht kommen zu können, sondern auch meldeten, daß die beiden Kinder (das eine war schon etwas krank, als ich bei ihnen war) ernstlich erkrankt seien, und sie daher mit ihnen den weiten Weg von wenigstens 15 Meilen nicht zurücklegen könnten. Ich ging daher am folgenden Tage zu ihnen, hielt ihnen Gottesdienst und taufte beide Kinder. — (Schluß folgt.) Lieber „Lutheraner"! In Nummer 21 hast du angefangen mit einem lehrreichen „Gespräch zwischen Peter und Heinrich über christliche Gemeindeschulen." Du kannst aber dem Heinrich sagen, daß er in seiner Rede zu viel rühmt von der Freiheit dieses Landes. Denn in Hinsicht der Schule wird die Freiheit des Gewissens an einigen Orten nicht mehr geachtet, sondern unterdrückt. Kein Fürst, aber andere Leute, wollen uns zwingen, unsere Kinder in solche Schulen zu schicken, wo ihre Seelen in sehr großer Gefahr sind, verführt zu werden. Mehrere Christen sind deshalb gestraft worden, weil sie ihre Kinder diesen Schulen nicht anvertrauen wollten. Und der dieses schreibt, ist nicht nur Zeuge davon gewesen, sondern selbst auch um $36.00 und Unkosten bestraft worden, hat aber an ein höheres Gericht appellirt. G. Rademacher, Pastor. Zur kirchlichen Chronik. I. America. In Galveston, Texas, gibt es auch eine „lutherische" Gemeinde. Aber leider! können wir uns nicht darüber freuen, da es nach dem, was zuweilen über diese Gemeinde berichtet wird, ganz traurig darin aussehen muß. So berichtet z. B. die Texas Post vom 24. Oct.: „Die lutherische Kirche wird nächsten Sonnabend, unter Leitung der Damen der Gemeinde, eine Theatervor-