# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1880 11 15_S169 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Der Lutheraner. Gottes Wort und Luthers Lehr vergehet nun und nimmermehr. Und ich sahe einen Engel fliegen mitten durch den Himmel, der hatte ein ewig Evangelium zu verkündigen denen, die auf Erden sitzen und wohnen, und allen Heiden und Geschlechtern, und Sprachen, und Völkern. Und sprach mit großer Stimme: Fürchtet Gott, und gebet ihm die Ehre, denn die Zeit seines Gerichts ist kommen, und betet an den, der gemacht hat Himmel und Erde, und Meer, und die Wasserbrunnen. Offenb. Joh. 14, 6. 7. Herausgegeben von der Deutschen Evangelisch⸗Lutherischen Synode von Missouri, Ohio u. a. Staaten. Zeitweilig redigirt von dem Lehrer⸗Collegium des theologischen Seminars in St. Louis. Jahrgang 36. St. Louis, Mo., den 15. November 1880. No. 22. (Eingesandt.) Gespräch zwischen Peter und Heinrich über christliche Gemeindeschulen. (Fortsetzung und Schluß.) Peter: Es freut mich zu hören, daß ihr Lutheraner dieses Ziel auch vor Augen habt; denn Wissenschaften, Bildung und Kenntnisse sind die Dinge, die einem Kinde noth thun. Ein Mensch, der etwas Tüchtiges gelernt hat, kommt überall durch die Welt. Wir haben also in diesem Punkte Ein Ziel. Doch suche ich dieses Ziel auf einem ganz andern Wege zu erreichen, als ihr; denn lächerlich ist es, sich einzubilden, daß dasselbe allein in euern lutherischen Gemeindeschulen erreicht werden könne. Unsere Freischulen haben da gewiß noch einen großen Vorzug vor euern lutherischen Gemeindeschulen. Die Resultate, die in den Freischulen erzielt werden, sind wahrhaft glänzend. Ja, unser Schulwesen ist so trefflich, daß es selbst in Europa Aufsehen erregt, und mit Recht weis't man dort auf die Erfolge hin, die man in unsern Freischulen erzielt. Heinrich: Da gehen unsere Ueberzeugungen wieder weit auseinander. Unsere Ziele sind auch nur theilweise dieselben; denn allerlei nützliche Kenntnisse, die dieses Leben betreffen, stehen bei uns erst in zweiter Linie. Unser erstes Ziel ist: unsere Kinder auch in unsern Gemeindeschulen als gute Christen zu erziehen; daß sie Bürger in dem Gnadenreiche unsers HErrn JEsu Christi hier auf Erden bleiben und daß sie dann auch einst Himmelsbürger werden mögen. Nebst dem ist unser Streben, sie auch zu guten Staatsbürgern zu erziehen. Wie die Verhältnisse nun einmal sind, können wir die öffentlichen Schulen da meist weder in der einen, noch in der andern Hinsicht gebrauchen. Die öffentlichen Schulen dienen in Wirklichkeit nicht einmal dazu, die Kinder zu guten Staatsbürgern zu erziehen; denn erstlich fehlt da gänzlich die wahre Grundlage aller wahren Sittlichkeit, nämlich ein gesunder Unterricht in der Religion. Zum Andern aber fehlt es in denselben an jeglicher christlichen Zucht und Erziehung. Es herrscht in denselben oft ein solcher Grad von Zuchtlosigkeit, oder auch wohl eine so verkehrte und falsche Zucht, daß christliche Eltern Bedenken tragen müssen, ihre Kinder denselben zu übergeben, um sie in sonst nützlichen Kenntnissen unterrichten zu lassen. Die wahre Grundlage aller Sittlichkeit ist Religion und eine aufrichtige Furcht vor Gott. Unsere öffentlichen Schulen aber sind grundsätzlich religionslose Schulen und bei den vielen Religionsbekenntnissen der Bürger dieses Landes kann das auch gar nicht anders sein; denn sie alle sind berechtigt, ihre Kinder in die öffentlichen Schulen zu schicken. Da darf der Lehrer allerdings z. B. zu den Kindern sagen: „ihr dürft nicht stehlen." Den eigentlichen Grund aber, warum sie nicht stehlen dürfen, weil es nach Gottes Wort einen heiligen und gerechten Gott gibt, der die Sünde hasset, sie verboten und zeitlich und ewig zu strafen gedroht hat, darf er nicht sagen; denn das wäre Religionsunterricht. Thut ein Lehrer dieses doch, dann handelt er gegen die Gesetze des Staates und kommt mit diesem und den Dienern desselben in Conflict. Man behauptet zwar in unsern Tagen oft, daß man zur wahren Sittlichkeit keiner Religion bedürfe; doch das ist Narrheit und dasselbe, als wenn Jemand sagte: man könne wohl ein Gebäude ohne Fundament aufführen. Jeder Vernünftige weiß, daß das Thorheit ist. Wenn man in den öffentlichen Schulen zu einem Kinde sagte: „Du darfst nicht stehlen", und es fragte: warum denn nicht? so würde die Antwort etwa lauten: Weil stehlen wider die Moral ist, ein guter Bürger aber darf nicht wider die Moral handeln. Oder: wenn der Diebstahl an den Tag käme, so würdest du von Jedermann für einen unmoralischen Menschen angesehen werden; dazu würdest du nach den Gesetzen des Staats strafbar werden. Was ist doch aber mit solchem Gerede in Hinsicht wahrer Sittlichkeit ausgerichtet? Wie leicht kann da das Kind denken: O, wenn es das nur ist, dagegen gibt es schon Rath und Mittel, und dieses lautet: „Laß dich nicht erwischen." Wer sich nicht erwischen läßt, den trifft keine Schande, der hat auch das Staatsgesetz und dessen Diener nicht zu fürchten. Und wie dieses Exempel zeigt, so geht es in allen andern Fällen, wo die Moral keine wahre Grundlage hat. Von wirklicher Moral ohne Religion als Grundlage reden, ist nichts als Wahn, Schein und Täuschung. Wie ganz anders ist es dagegen, wenn die Kinder in Gottesfurcht erzogen und in Gottes Wort unterrichtet werden! denn da heißt es: die Augen des allwissenden, heiligen und gerechten Gottes sehen dich überall, wo du auch sein und was du auch thun mögest. Hüte dich vor der Sünde; denn sonst wird dich der heilige und gerechte Gott zeitlich und ewig strafen. Da werden sie auch hingewiesen auf die große Liebe Gottes, der selbst seines einigen Sohnes nicht verschonet, sondern ihn zum Heile der Sünder dahingegeben hat, der auch alles andere Gute nur aus Liebe schenkt, und daß sie ihn darum wieder lieben, auf seinen Wegen wandeln und seine Gebote halten sollen. Werden die Kinder so in Gottesfurcht erzogen und im Worte Gottes unterrichtet, dann lernen sie wohl von Herzen mit Joseph sagen: „Wie sollte ich denn nun ein so groß Uebel thun und wider Gott sündigen?" Da ist dann auch Hoffnung da, daß einmal aus ihnen gute Staatsbürger werden mögen. Die Richtigkeit meiner Behauptungen kann Jeder, der sehen will, wohl an dem jungen Geschlechte, das in diesem Lande heran wächst, selber sehen. Die ersten eingewanderten Einwohner dieses Landes waren dem größten Theile nach, zwar nicht rechtgläubige, sonst aber fromme und gottesfürchtige Leute. Was ist aber aus vielen ihrer Nachkommen, und gewiß zum großen Theile in Folge der Erziehung geworden? Von den Sünden der ersten Tafel der heiligen zehn Gebote hier gar nicht zu reden, wie sieht es in Hinsicht der andern Tafel aus? Wird das vierte Gebot nicht von dem großen Haufen der amerikanischen Jugend grob und offenbar mit Füßen getreten? Kann es unter den Heiden in Hinsicht auf Mord und Selbstmord wohl noch viel schrecklicher aussehen, als unter dem Geschlechte dieser Zeit und auch dieses Landes? Ist es zu Sodom und Gomorra wohl in Hinsicht der Unzucht noch weit schrecklicher gewesen, als hier zu Lande? Kann das siebente Gebot wohl noch viel gröber durch Betrug, Schwindel und Wucher übertreten werden, als wie das hier vor aller Welt Augen geschieht? In welchem Lande unter der Sonne werden wohl täglich so viel leichtfertige und falsche Eide geschworen, als in diesem? Welchem nachdenkenden und ernsten Christen möchten da nicht, wenn er die Folgen unserer Erziehung und unsers Schulsystems vor Augen sieht, die Haare gleichsam zu Berge stehen? Und solchem Exempel der Erziehung sollten wir, denen Gott auch in diesem Stücke die rechte Erkenntniß gegeben hat, nachzufolgen suchen? O dann wehe und aber wehe über uns! Doch auch, wie gesagt, in Hinsicht der Zucht und Erziehung können lutherische Eltern ihre Kinder nur