# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Juni 1858_S173 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Ueber Krankenbesuche. 173 nungen sind um so nöthiger, da unter den Leuten nicht selten mancherlei Vorurtheile gegen den Besuch des Pastors bei Kranken herrschen. Manche scheuen sich davor, weil sie ein böses Gewissen haben; sie fürchten durch die Erinnerung an ihre Sünden und Gottes Zorn, an Tod, Gericht und Ewigkeit, zu sehr aufgeregt und dadurch an ihrer leiblichen Genesung gehindert zu werden, worin sie ungläubige Aerzte nur noch bestärken. Andere sehen den Diener Gottes blos als einen Boten des Todes und das Reichen des Sacramentes als ein Zeichen des nahen Endes an, weil oft schändliche Miethlinge höchstens nur Todkranke zu besuchen pflegen. Deßhalb sollen die Leute bei jeder sich darbietenden Gelegenheit ermahnt werden, bei vorfallender Krankheit dem Seelsorger Nachricht ertheilen, auch dann, wenn es der Kranke selbst nicht wünschen sollte, weil ihm dann ein solcher Besuch um so nöthiger ist. Gewöhnlich findet eine solche Anzeige gar nicht statt, weil man meint, der Pfarrer werde es schon von Andern erfahren und wenn er nicht von selbst komme, wolle man ihn auch nicht rufen lassen. Der Hauptgrund aber ist die Gleichgültigkeit gegen Gottes Wort, welches alles heilt. Daher ist immer wieder das Vorbild derer in den Evangelien vorzuhalten, die die Kranken zu dem HErrn Christo brachten, sowie derer, die sich zu ihm bringen ließen. So sollen endlich auch die Gemeindeglieder ermahnt werden, die Kranken fleißig zu besuchen und sich ihrer geistlichen und leiblichen Noth als ihrer eigenen um Christi willen anzunehmen, eingedenk seines Zeugnisses am jüngsten Tage: Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht Matth. 25, 36. Und Sirach (7, 39.) sagt: beschwere dich nicht, die Kranken zu besuchen, denn um deßwillen wirst du geliebt werden. Wir kommen nun zu dem Verhalten des Seelsorgers bei Krankenbesuchen und zwar namentlich bei solchen, die zu seiner ihm befohlenen Heerde gehören, die in gesunden Tagen von ihm Gottes Wort gehört und das heilige Sacrament empfangen haben, denn von denen, die Beides bis dahin verachtet haben oder die ihm gänzlich unbekannt sind, ist hier nicht die Rede, ebenso nicht von Geisteskranken, Besessenen ꝛc. Vor Allem hat der Seelsorger Gott brünstig anzurufen, daß er ihm die rechten Worte in den Mund und dem Kranken ins Herz lege, daß derselbe seine Seelennoth aufrichtig erkenne, und bete und die Seelenhülfe begierig suche und annehme, damit auch diese Krankheit zur Ehre Gottes gereiche, daß der Sohn Gottes geehret werde und damit auch diese Züchtigung eine friedsame Frucht der Gerechtigkeit gebe. (Joh. 11, 4. Ebr. 12, 11.) Der Diener Christi betrachte fleißig das Bild seines HErrn als eines barmherzigen Samariters, wie es Dr. Luther so lieblich ausmalet in der Kirchenpostille am 13. Sonntag nach Trin. (in der kürzeren Predigt); er werde wie St. Paulus den Schwachen als ein Schwacher, daß er die Schwachen gewinne. (1 Cor. 9, 22.) Er stelle sich vor, wie er selbst, oder sein Weib, Kind, Freunde also krank darniederlägen, was er da fühlen und mitfühlen würde. Er komme dem Kranken mit vorurtheilsfreiem Herzen entgegen, nicht mit