# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Mai 1858_S160 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 160 Kirchlich⸗Zeitgeschichtliches. verurtheilten Gemeinden mehr zur Theilnahme an kirchlichen Angelegenheiten herangezogen würden. Viele haben freilich davor große Furcht und Scheu, sie fürchten eine demokratische Macht in der Kirche; allein das Ende der Vorgänge in Bayern, die letzten dortigen Generalsynoden und andere Anzeichen sprechen vielmehr dafür, daß die ungläubige und schwachgläubige Parthei in der Kirche es der gläubigen gegenüber nicht aufs Aeußerste ankommen lassen wird. Von Seiten der Gläubigen aber wird darauf hingewiesen, daß ein Ausgehen aus der bestehenden Kirche im Sinne einer Separation zugleich ein Aufgeben des armen und zum Theil verführten Volkes, darunter eine große Zahl Schwacher und Unverständiger sind, die nichts um die Sache wissen, in sich schließen würde und daß die Reformation wenigstens andere Wege gegangen ist und nur ein Carlstadt rücksichtsloses Vorgehen, die Menge mochte folgen können oder nicht, bevorwortete. Man erwartet auch ein neues Landesgesangbuch, Katechismus mit Erklärung und Agende. Allerdings ist damit noch nicht allzuviel erreicht, die Hauptsache, das A und O in der Kirche bleibt die lautere Predigt des göttlichen Wortes, das, wenn es nämlich rein und lauter gelehrt wird, thut es und thut es allein. Auch die Theologie ist in Fluß gekommen. Da giebt es aufräumende kritisirende Geister, die ihre Schwächen schonungslos aufdecken (Schwarz in Gotha, Vilmar ꝛc.) und auch mit dem Aufbauen wird, wenn auch nur ein schwacher Anfang gemacht. Die hier hervortretenden Gegensätze sind: falsche theologische Wissenschaft und Wissenschaftlichkeit gegenüber einer an die von der Kirche vergangener Zeiten bereits gehobenen und bewahrten Schätze anknüpfenden Theologie; eine sogenannte biblische Theologie, die ohne Handleitung der Alten unmittelbar und selbstständig die Lehre aus der Schrift entheben will nach der vielberühmten grammatisch⸗historischen Methode (christlicher Rabbinismus) und der Glaube derer, die mit Luther dafür halten, daß nicht Logik, Grammatik, Rhetorik und in Summa die Philosophie, das lumen naturae die Schrift erschließen, sondern die Erfahrung der in der Schrift bezeugten Wahrheiten; ein veräußerlichtes büreaukratisches Kirchenthum, das vor Allem darauf aus ist, äußerlich kirchliche Ordnung, Wohlanständigkeit, Zucht und Sitte wieder anzurichten und der Standpunkt derer, die, weil sie wissen, daß Gottes Reich ein geistliches Reich ist, ein Reich des Herzens, der Freiheit und der lebendigen innern Ueberzeugung, Erfahrung und Aneignung, das meiste Gewicht auf eine Lehre in Kirchen und Schulen legen und hiervon allein alles Heil erwarten. Die Losung „„reine Lehre““ ist freilich allen Pietisten und Pietistischen ein Greuel, denn sie denken sich Lehre und Leben, Dogma und Glauben, Gottes Wort und heiligen Wandel weit, weit auseinander und meinen, man wolle auf diesem Wege die alte todte Orthodoxie wieder heraufbeschwören, sehen aber nicht, daß die Kirche durchs Wort geboren, genährt und erhalten wird. Sonst sind auch der Rationalismus, wenn auch in anderer Gestalt, tingirt von Schleiermacher und einer andern Richtung, die glauben möchte und es doch nicht zum Glauben bringt und zu der eine Unzahl zerfahrener Geister gehören, unter uns vertreten. Das ist allerdings ein Quodlibet und ein Farrago schlimmer fast, als in den schlimmsten barbarischen Zeiten des Mittelalters und der tiefsten Scholastik, als weiland Aristoteles der Heide das oraculum oraculorum der christlich⸗theologischen Welt war.“