# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Mai 1858_S150 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 150 Lutherisch⸗theologische Pfarrers⸗Bibliothek. soll und muß, sondern wie sie jetzt unter den sogenannten Gläubigen ist, aus der vorhandenen neuen Predigtlitteratur abstrahirt. 6. Daß ein junger Prediger auch aus Rambach's Homiletik das, worauf es in der Predigt vor allem ankommt, nicht lernen könne, bedarf keines Erweises*). Wie der wahre Sinn der evangelischen und apostolischen Kirche zu finden und zu entwickeln, Gesetz und Evangelium recht zu theilen, die göttliche Wahrheit recht anzuwenden und das rechte Maaß zu treffen sei in dem didaskalischen, elenchtischen, pädeutischen, epanorthotischen und parakletischen Gebrauche der Schrift (2 Tim. 3, 16., Röm. 15, 4.): dies kann (wenn außer der Schrift selbst, und in der Schule des heiligen Geistes, aus irgend einem menschlichen Buche) lediglich aus Luthers Kirchen⸗ und Hauspostille gelernt werden. Der Besitz wenigstens letzterer Schriften Luthers ist daher jedenfalls die conditio sine qua non einer lutherischen Pfarrers⸗Bibliothek in Absicht auf das homiletische Fach. Außer Luther's Postillen, meinen wir, sollte ein lutherischer Pfarrer wenigstens noch folgende zur Predigtlitteratur gehörige Schriften besitzen. I. „Evangelische und epistolische Schlußkette von Dr. Heinrich Müller.“ Der Verfasser dieser vollständigen Postille über die evangelischen und epistolischen Perikopen des Kirchenjahres, war 1631 den 18. Oct. zu Lübeck geboren. Ausgestattet mit den ausgezeichnetsten Gaben, machte er schon als Knabe so schnelle Fortschritte, daß er trotz seiner sehr schwachen Leibesconstitution, schon im 13. Jahre seines Alters die Universität Rostock beziehen konnte, wo er im 17. Magister, im 21. Archidiakonus an der dasigen Marienkirche und im 23. Professor der griechischen Sprache wurde, sowie die Würde des theologischen Doctors von der Helmstädter Universität erhielt. Im Jahr 1662 wurde er Superintendent und Professor der Theologie zu Hamburg, im Jahre 1671 aber nach Rostock zurück berufen, wo er das Amt eines Professors der Theologie, sowie ein Pastorat und die Superintendentur bis an seinen Tod verwaltete, welcher schon im Jahre 1675 am 17. Sept. erfolgte. Ob an Heinrich Müller mehr seine Gelehrsamkeit, oder der Reichthum an Gedanken in allen seinen Schriften, oder seine Originalität und Lebhaftigkeit in Betreff sowohl des Inhalts als der Form, oder sein Eifer in und für Gottseligkeit mehr zu bewundern sei, ist schwer zu sagen. In Betreff seiner Beredtsamkeit nimmt er ohne Zweifel nach Luther, dem unbestritten hierin der erste Platz in unsrer Kirche gebührt, den zweiten ein. Mit vollkommenem Rechte nennt ihn Dr. Rudelbach den „lutherischen Chrysostomos“ und er trägt den Namen „Goldmund“ gewiß in viel höherem Sinne und der *) Selbst Gustav Baur bezeugt: „Die Erfahrung zeigt, daß die praktischen Geistlichen fast um keine theologische Disciplin so wenig sich bekümmern, als gerade um die Theorie der Homiletik, obgleich diese auf die wesentlichste Thätigkeit des protestantischen Geistlichen sich bezieht: Geistliche, die durch Homiletiken tüchtige Prediger geworden sind, möchten kaum minder selten sein, als Künstler, die ihren Ruhm dem Studium der Aesthetik verdanken.“ (Grundzüge der Homiletik. Vorw. VII).