# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Mai 1858_S147 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Lutherisch⸗theologische Pfarrers⸗Bibliothek. 147 wir gestehen es, je in größerer Verlegenheit, als bei der Frage, welche systematische Anweisung zum Predigen wir unter allen den vorhandenen empfehlen wollen. Alle einschlagenden Schriften unserer Theologen aus der besten Zeit enthalten allerdings überaus kostbare, schrift⸗ und erfahrungsmäßige Winke, aber eben nur Winke. Melanchthon hat gesagt: „Predigen ist keine Kunst, sonst könnte ich es auch.“ In diesem goldenen Worte ist ohne Zweifel das Räthsel gelöst, warum das Feld der homiletischen Disciplin gerade in den Zeiten, in welchen unsere Kirche am fruchtbarsten an Erzeugnissen in allen Zweigen der Theologie gewesen ist und in jedem derselben classische Normalwerke hervorgebracht hat, weniger angebaut worden ist. Man ging ohne Zweifel von dem Grundsatze aus, daß die rechte Weise zu predigen nicht nur das rechte Studium aller andern Disciplinen der Theologie und die Bemächtigung derselben zur Voraussetzung habe, davon bedingt und das Resultat davon sei, und daß daher kein Mensch durch das Studium eines homiletischen Systems ein guter Prediger werden könne, sondern selbst, daß das Vorschreiben und versuchte Befolgen von allerlei homiletischen Regeln leicht das gerade Gegentheil von dem gesuchten Zwecke zur Folge haben könne. Wenn nun aber dennoch eine Homiletik gedacht werden kann, die, bei der Voraussetzung, daß „Predigen keine Kunst“ sei, nichts desto weniger dem Unerfahrenen wesentliche Dienste zu leisten, ihn vor manchen Irrwegen zu bewahren; ihm den Weg aus mancherlei Verlegenheiten heraus zu zeigen geeignet ist, so stehen wir nicht an, unter allen vorhandenen vollständigen homiletischen Anweisungen folgende vornehmlich zu empfehlen: „Dr. Johann Jacob Rambachs Erläuterungen über die Præcepta homiletica, herausgegeben von Joh. Phil. Fresenius. Andere Ausgabe Gießen, 1746.“ Ueber den Verfasser dieser Werke haben wir bereits im dritten Jahrgang dieser Zeitschrift S. 271 einige Notizen mitgetheilt. Auch dieses Werk ist, wie die bereits angezeigte Sittenlehre, ein opus posthumum des sel. Rambach und, wie der Titel besagt, von dem als Prediger und Seelsorger so ausgezeichneten nachmaligen Senior des Ministeriums zu Frankfurt a. M. J. Ph. Fresenius aus einem hinterlassenen Collegienhefte Rambach's genommen und durch den Druck veröffentlicht. In welchem Geiste dieses Werk verfaßt ist, dürfte am besten aus den Worten abzunehmen sein, mit welchen Rambach diese seine homilitische Vorlesungen eingeleitet hat: „Ich habe mich diesmal,“ schreibt er im Jahre 1726, „überreden lassen, eine solche Arbeit zu übernehmen, die ich schon von vielen Jahren her, da ich noch in Jena docirte, beständig deprecirt habe. Denn ich selbst in meinen Predigten mich niemals an gewisse regulas artis gebunden, sondern bald diese, bald jene Methode gebraucht, die jederzeit der Materie, welche abgehandelt worden, am gemäßesten gewesen: so ist es mir immer etwas hart und unbillig vorgekommen, andern gewisse Regeln vorzuschreiben, nach welchen sie ihre Predigten einrichten müßten, und dadurch ihre Freiheit einzuschränken. Ich habe mich immer befürchtet, wenn ich ein Collegium homileticum lesen sollte, die