# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1847 04 20_S93 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) Ehrw. Herr Schmidt. Lieber Bruder! Da durch eine frühere in der luther. Kir— chenzeitung erſchienene Anzeige öffentlich be— kannt gemacht wurde, daß wir die Unterzeichne— ten als Diener der luther. Kirche bei der Feier der Einweihung einer Kirche zu Toledo ge— dachtem Gebäude den Namen „Evangeliſch— lutheriſch und reformirt“ beilegten, und da wir auch in Erfahrung gebracht haben, daß ſolches Verfahren unſerer luther. Kirche bereits ſchon zu einem Anſtoß gereichte, ſo möchten wir hie⸗ mit wiederum öffentlich, um der Sache unſeres HErrn JEſu Chriſti und ſeiner Kirche, unſeres luther. Zions willen, einige Worte in Bezie— hung auf dieſe Handlungsweiſe den Leſern der Kirchenzeitung zur Beherzigung vorlegen. Es liegt am Tage, daß obengenannte Anzeige dem Leſer derſelben nichts anders zeigen kann, als eine unirte Handlungsweiſe. Wie ſoll es auch anders ſein, da ſich doch heut zu Tage bei den vielen verſchiedenen chriſtlichen Benennungen unter dem Namen derſelben, ſo wie auch unter dem Namen jeder einzelnen Gemeinde faſt nichts anders denken läßt, als daß er ſei das Titel⸗ blatt ihres Bekenntniſſes! Obgleich wir nun leider zum Anſtoß der Kirche auf das in der Gemeinde verkündigte Wort Gottes, d. i. das darinnen abgelegte Bekenntniß der ev.-luth. Kirche durch gedachten Namen ein verkehrtes, d. i. das ſogenannte unirte Titelblatt verlegten, ſo iſt doch unſer Gewiſſen darüber frei, daß wir in Wort und Sacrament der Wahrheit nichts vorenthalten haben und darinnen den Bekenntnißſchriften unſerer luther. Kirche treu geblieben ſind. Wir könnten wohl nun noch mit mancherlei Entſchuldigungen dieſe Hand— lungsweiſe näher beleuchten und aus dem Kir— chenbuche und der Geſchichte der Gemeinde be— weiſen, daß, nachdem ſie von uns als eine „ev.⸗-lutheriſche“ Gemeinde geſammelt worden und ſie auch über drei Jahre dieſen Namen ge— führt hatte, ſie ſich ſelbſt bei der zum Kirchen— bau nöthigen Incorporation ohne Beiſein ihres Predigers den Namen „Evgl.⸗lutheriſch und reformirt“ gab, und daß die Umſtände der Ge⸗ meinde uns nöthigten, auch der Kirche, die ein— mal auf genannten Namen erbaut war, den⸗— ſelben bei der Einweihung zu laſſen. Zu dieſem hätte man auch vielleicht fragen können, ob man nicht in ſolchen Fällen in friedſamen Ge— meinden nach dem Beiſpiel des Apoſtels, 1 Cor. 9, 20 —23., Allen allerlei werden dürfe, auf daß man deren Etliche gewinne und ihnen zum Leben verhelfen möchte; oder ob nicht in ſol⸗ chen Fällen nach Röm. 14, 1. die Schwachen im Glauben aufzunehmen ſeien? Zumal wenn, wie es in dieſer Gemeinde der Fall war, die Glieder der reformirten Kirche willig ſind, in einer für ſie verfaßten Conſtitution das evang. luther. Glaubensbekenntniß zu unterſchreiben und durch daſſelbe in aller Willigkeit ſich in alle Wahrheit leiten zu laſſen, freilich aber noch ſchwach im Glauben, und z. B. den Namen „Reformirt“ nicht augenblicklich zu verleugnen im Stande ſein mögen. Jedoch ſolches würde unſern einmal gemachten Fehler nicht zudecken, und wir geſtehen öffentlich hiemit, daß wir nach 93 einer nähern Prüfung der Sache zu dem Glau— ben und Entſchluß gekommen ſind, daß ſolcher— lei Fälle bei uns nie wieder ſtattfinden ſollen und daß man beſſer thue, unter den ſtürmiſchen Bewegungen unſerer jetzigen Zeit, jene andere Lehre des Apoſtels anzuwenden 1 Theſſ. 5, 22. nämlich: „Meidet allen böſen Schein.“ Schließlich iſt noch zu bemerken, daß gedachte Gemeinde zu Toledo bei dem Amtsantritt des Paſtor Lochner, welchem ſie übergeben wurde, wieder einſtimmig zu ihrem erſten Namen zu⸗ rücktraͤt, bei welcher Gelegenheit ſich noch jedes Glied beſonders verpflichtete, ſich ohne Rück— halt der luther. Kirche anzuſchließen. Achtungsvoll u. ſ. w. G. Cronenwett. Fr. Schmid. Von den hitzigen Predigern. Von dieſen ſchreibt Luther in ſeiner Aus⸗ legung des 8. Pſalms (V. 3.) Folgendes: Es ſind viele geängſtete und unnütze Prediger, die da brennen, hitzig ſind, und mit dem Kopfe hindurch wollen, wiſſen nicht, daß es ein ander Ding ſei um das Pflanzen und Begießen, und ein ander Ding um das Gedeihen geben, 1 Cor. 3, 6. 7. So bald ſie es geſagt haben, wollen ſie, es ſoll auch gethan ſein; denen es nicht ſo faſt darum zu thun iſt, daß ſie begehren, gehört zu werden deswegen, daß ſie Gottes Wort ſagen, als, daß ſie Sager des Wortes ſind; wollen alſo, daß da mehr gelobet werde der Werkgezeng, denn der, des Wort ſie rein, ohne allen ihren Geſuch, predigen ſollen. Aus denſelben ſind auch dieſe ein Stück, wel— che mit auserleſenen wohlbedachten Worten ih— nen ſelbſt vorſetzen, jetzt dieſe, jetzt jene zu ſtechen und zu beißen und bald zu bekehren; da es dann aus wunderlichem Rath Gottes geſchieht, daß ſie nichts weniger ausrichten und ſchaffen, denn eben das, das ſie gedacht haben. Denn der Menſch fühlt von Natur, daß das Wort wider und auf ihn mit Liſt iſt zugerichtet und mit menſchlichem Koth beſchmeiſt, wie Ezechiel 4, 12. ſagt, das iſt, mit menſchlicher böſer Be— gierde und Neigungen befleckt; darum hat er einen Eckel und Grauen dafür und wird viel⸗ mehr erbittert, denn daß er ſollte bekehrt wer— den. Dann aber wird der Menſch mehr be— wegt, wenn er keine Liſt des Predigers und Lehrers, ſondern das Wort frei und rechtſchaf— fen hört predigen; denn er will, daß das Wort frei und rechtſchaffen ſoll unter den Haufen in der Gemeine gepredigt werden, und ſoll rühren und treffen diejenigen, die der Prediger ſelbſt nicht weiß noch kennet, wie wir des viel Exem— pel hin und wieder leſen. Derohalben gehöret uns zu, daß wir allein den Mund dem Worte leihen, Gott aber gehört, das Vollbringen und Gedeihen zu geben. Alſo that Chriſtus, da er zwei ſeiner Jünger hin— ſandte, die Eſelin und den jungen Eſel zu ho⸗ len, Matth. 21, 2—7., er verkündigte es ihnen zuvor, daß ſie die finden würden, welche die Jünger nicht ſahen, wußten auch nichts davon, doch gingen ſie hin, und wollten die unbekann— ten Thiere herzubringen. Darum ſollen wir dieſes närriſche Vertrauen hinweglegen, als wollten wir etwas durch das Wort in den Zu⸗ hörern mitwirken; ſondern wir ſollen uns vielmehr im Gebet befleißigen, daß Gott allein, ohne uns, das Wort kräftig und thätig mache in den Zuhörern, welches Wort Er in und durch den Prediger und Lehrer redet. Denn Er iſt es, der da redet, Matth. 10, 20. Er iſt es, der da höret, und der alles in allem wirket, 1 Cor. 12, 6, wir ſind ſeine Gefäße und Werk⸗ gezeuge, die da weder zu geben noch zu nehmen Gewalt haben, es ſei denn, daß Er es gebe und nehme. (Luther's Werke Hall. IV, 763—65.) .— Luther von der Nothwendigkeit der Heiligung. Die Antinomer*) predigen ſehr fein, und (wie ich nicht anders denken kann,) mit rechtem Ernſt, von der Gnade Chriſti, von Vergebung der Sünden, und was mehr vom Artikel der Erlöſung zu reden iſt. Aber dieſe Conſequenz (Schlußfolgerung) fliehen ſie wie den Teufel, daß ſie den Leuten ſagen ſollten vom dritten Artikel, der Heiligung, das iſt, vom neuen Le⸗ ben in Chriſto. Denn ſie meinen, man ſolle die Leute nicht erſchrecken, noch betrüben, ſon⸗ dern immer tröſtlich predigen von der Gnade und Vergebung der Sünden in Chriſto, und beileibe ja meiden dieſe und dergleichen Worte: Höreſt du es, du willſt ein Chriſt ſein, und gleichwohl ein Ehebrecher, Hurenjäger, volle Sau, hoffährthig, geizig, Wucherer, neidiſch, rachgierig, boshaftig bleiben ꝛc., ſondern ſo ſagen ſie: Hörſt du es, biſt du ein Ehebrecher, ein Hurer, ein Geizhals, oder ſonſt ein Sün⸗— der, gläubeſt du nur, ſo biſt du ſelig, darfſt dich vor dem Geſetz nicht fürchten, Chriſtus hats alles erfüllet. Lieber, ſage mir doch, heißt das nicht Ante- cedens concedirt und consequens negiert? (d. i. heißt das nicht den Grundſatz zugeben, und das, was daraus folgt, abläugnen?) Ja es heißt eben in Demſelben Chriſtum wegneh— men und zu nichte machen, wenn er am höchſten gepredigt wird. Und iſt alles eitel Ja und Nein in einerlei Sachen. Denn ſolcher Chriſtus iſt nichts und nirgends, der für ſolche Sünder geſtorben iſt, die nicht nach Vergebung der Sünden von den Sünden laſſen, und ein neues Leben führen. Alſo predigen ſie fein auf Ne— ſtoriſche und Eutychiſche Dialectica (Kunſt zu ſchließen) Chriſtum alſo, daß Chriſtus ſei und ſei es doch nicht; und ſind wohl „feine Oſter— prediger, aber ſchändliche Pfingſtprediger.“ Denn ſie predigen nichts de sanctificatione et vivificatione Spiritus Sancti, von der Heili⸗ gung des heil. Geiſtes, ſondern allein von der Erlöſung Chriſti: ſo doch Chriſtus (den ſie hoch predigen, wie billig) darum Chriſtus iſt, oder Erlöſung von Sünden und Tod erwor— ben hat, daß uns der heil. Geiſt ſoll zu neuen Menſchen machen aus dem alten Adam, daß wir der Sünden todt, und der Gerechtigkeit *) Antinomer, auf deutſch: Geſetzesgegner, waren Leute, die da lehrten, daß im Neuen Bunde das Geſetz nicht mehr zu predigen und daß ſelbſt die Buße allein aus dem Evangelio zu lehren ſei.