# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_April 1858_S126 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 126 Einige Worte über Philipp Melanchthon. traue mir die Aufrichtigkeit zu, daß ich mir bewußt bin, einst von dem, was ich hier privatim schreibe, vor Christi Richterstuhl Rechenschaft geben zu müssen. So bekenne ich denn gern und dankbar, daß Philippus ein gesegnetes Werkzeug Gottes in Schule und Kirche gewesen, den Gott dem Lutherus beigegeben, um mit dem reinen Evangelium auch die Wissenschaft zu verbreiten. Daß er ein Mensch gewesen, der selbst irren und andere in Irrthum führen konnte, muß ich freilich zugeben; denn daß ihm nach Luther's Tode manches menschliche wider- fahren, ist offenbar; doch sei fern, daß ich ihn deshalb verdamme oder schmach- voll von ihm denke und spreche, vielmehr liebe und verehre ich ihn von Herzen, und wenn ihm etwas schmachbringendes begegnet ist, so will ich es lieber mit Sem und Japhet zudecken, als mit Ham seine Schmach offenbaren. Ich tröste mich mit dem Troste des guten Gewissens, obwohl niemand leugnen kann, daß nach Luther's Tode manches in die loci theologici eingeschoben worden, was mit der lutherischen Lehre nicht übereinstimmt. Darum ist jedoch die ganze, von Luther so hoch geachtete Arbeit nicht weggeworfen, sondern man lasse die Arbeit stehen und mache nur die Schüler darauf aufmerksam, damit sie das Werthvolle vom Schlechten unterscheiden. Mögen nun alle, welche Frieden und Eintracht lieben, urtheilen, ob das sich gegen den gemeinsamen Lehrer versündigen heiße. Vielmehr ist gewiß, daß die, welche dieses Gerücht verbreiten, keineswegs den Philippum lieben, sondern die Autorität des großen Mannes bloß zum Deckmantel ihrer schlechten Leidenschaften machen. Lieben Sie ihn wirklich so, so mögen sie seine Frömmigkeit, seinen Fleiß, seine Treue, Sanftmuth, Friedens⸗ und Wahrheitsliebe nachahmen. Was seine Humanitätsstudien betrifft, so habe ich niemals anders als ehrenvoll davon gesprochen. Stets war meine Meinung und ist sie noch, daß wie das Erwachen des Evangeliums vom Erwachen der Wissen- schaft und freien Künste begleitet wurde, so ist zu fürchten, daß wenn diese untergehen, auch der Glanz des Evangeliums verdeckt werde.“ Es mag und soll uns dieses Urtheil des berühmten Polykarp Leyser immer als ein gewichtvolles über Melanchthon erscheinen. Wer will seine unbestreitbaren Verdienste um die Kirche in Zweifel ziehen? Es wäre das ja eine Sünde gegen Gott selbst, der ihn mit Seinen reichen Gaben zierte und ihn der Kirche zum Segen setzte. Er ist und wird auch wohl der Praeceptor Germaniae, „Lehrer Deutschlands“ bleiben; denn er hat nicht allein das Licht des Glaubens, sondern namentlich auch das der Wissenschaft mit auf den Leuchter stellen helfen. Aber in ein unbeschränktes Lob Melanchthon's mit einzustimmen, wie es von einigen jetzt wieder angestimmt wird, als wenn alles, was er gesagt hat, wie vom Himmel herabgesagt worden wäre, kann und darf man nicht. Man darf es namentlich nicht in solch' zerfahrener, in Gefühlsschwärmerei sich gefallender und auflösender. Zeit, wie die unsrige ist. Jeder Lutheraner hat das Wort Luthers festzuhalten: das Wort sie sollen lassen stahn. Auch ein Philippus Melanchthon