# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1847 04 20_S90 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) Weiſung, das Land zu verlaſſen. Strenger verfuhr man mit dem Dr. Peucer, weil er als der Rädelsführer in dieſer ganzen Sache ange⸗ ſehen ward; dieſer kam erſt nach zehnjährigem Gefängniß in dem Schloß Pleißenburg in Leipzig wieder in Freiheit. Auch zu Dresden wurden einige Häupter der heimlichen Calvi— niſten ihrer Aemter entſetzt, und zum Theil gefänglich eingezogen. So wurde die Kirche Sachſens von dieſer verderblichen Seuche ge— reinigt, und die reine Lehre beſonders durch die Concordienformel 1580 gegen die heimli— chen Ränke der Calviniſten geſichert. Leider aber brachen unter der ſchwachen Re— gierung des Churfürſten Chriſtian, des Nach— folgers Auguſts, die erypto⸗calviniſchen Unru⸗ hen in Sachſen von neuem aus. Sie wurden hauptſächlich durch den berüchtigten Canzler Nikol. Crell erregt, welcher, ein eifriger Cal⸗ viniſt, ſeinen Einfluß bei dem lutheriſch ge— ſinnten Churfürſten dazu mißbrauchte, die Cal— viniſche Religion in Sachſen einzuführen. So wußte er bei Hofe einen Befehl auszuwirken, daß man die Calviniſten auf den Canzeln nicht nennen noch widerlegen ſollte. Der Exorcis— mus, *) welcher bisher als ein freies Mittel⸗ ding in der Kirche geblieben war, wurde zu Gunſten der Calviniſten öffentlich verboten. Dieſe Maßregeln hatten die Vertreibung vieler rechtſchaffener Theologen und Prediger zu Folge. So wurde der Superintendent D. Selneccer zu Leipzig und viele andere, ihren Kirchenämtern treu vorſtehende Prediger aus dem Lande vertrieben. Die Verwirrung war auf den höchſten Grad geſtiegen, als Gott den Churfürſten Chriſtian 1591 durch den Tod von dieſer Welt abrief. Als nun Friedrich Wilhelm, Herzog zu Sachſen-Altenburg, Adminiſtrator der Chur ward, nahm die Sache bald eine andere Wen⸗ dung. Dieſer für die reine Lehre eben ſo eif— rige, als einſichtsvolle Fürſt traf unverzüglich die geeignetſten Maßregeln, die Ruhe der Kirche wiederherzuſtellen. Der Canzler Crell wurde wegen ſeiner Vergehungen vor Gericht gezogen, und nach zehujähriger Haft mit dem Schwerte hingerichtet, weil er auch politiſcher Verbrechen überwieſen war. Die andern Häupter der Cal⸗ viniſchen Partei wurden ihrer Aemter entlaſſen und des Landes verwieſen. Auf Anſuchung der Stände wurde ſodann von dem Admini⸗ *) Der Exorcismus, d. i. die feierliche Bedrohung des böſen Geiſtes, aus dem Täufling zu weichen und dem heil. Geiſte Raum zu geben, hat, wenn er recht verſtanden wird, nichts abergläubiſches in ſich. Denn nach der heil. Schrift iſt ein jeglicher Menſch von Natur in des Teufels Ge⸗ walt und Reich und kommt durch die Taufe in das ſelige Reich Chriſti, Col. 1, 13.: „Welcher uns errettet hat von der Obrigkeit der Finſterniß, und hat uns verſetzt in das Reich ſeines lieben Sohnes.““ Nur dann wäre etwas abergläubi⸗ ſches bei dieſem Gebrauche, wenn man der bloßen Formel die Kraft zuſchriebe, den Teufel aus dem Täufling zu bannen, oder wenn man behauptete, jedes zu taufende Kind ſei auch leiblich vom Teufel beſeſſen. Dies hat aber die lutheriſche Kirche nie gelehrt; dieſe häßliche Meinung iſt ihr nur von der übelwollenden Gegenpartei angedichtet worden. Die reblichen lutheriſchen Lehrer ſetzten ſich damals hauptſächlich aus dem Grunde gegen die Abſchaffung des Exorcismus, weil die Reformirten von dieſer Ceremonie Anlaß nahmen, die Lutheraner abergläubiſcher oder papiſtiſcher Lehre zu be⸗ züchtigen, und weil der Haß der Reformirten gegen dieſen un⸗ ſchuldigen Gebrauch vornehmlich daber kam, weil ſie nicht laubten, daß die Taufe wirklich von Tod und Teufel erlöſe. eder das erſte noch das letzte konnten ihnen die Lutheraner ohne Verleugnung des Glaubens einräumen, daher hielten ſie es für ihre Pflicht, in dieſem Mitteldinge auf ihrer chriſtlichen Freiheit zu beſtehen. 90 ſtrator eine Kirchenviſitation angeſtellt, um die heimlichen Calviniſten vollends auszumuſtern. Zu dieſem Zwecke wurden vier die calviniſchen Irrthümer betreffende Artikel geſtellt, nämlich vom heil. Abendmahl, von der Perſon Chriſti, von der heil. Taufe und von der Gnadenwahl. Dieſe Artikel erlangten in Sachſen das Anſehen eines Glaubensbekenntniſſes, und wurden unter die ſymboliſchen Bücher gerechnet. Man ſieht aus dieſem hiſtoriſchen Bericht, wie viel Liſt und Ränke von den Widerſachern angewendet wurden, die reine lutheriſche Lehre in eben dem Lande und an eben der Univerſität, wo Luther ſelbſt gelebt und gelehrt hatte, zu verdrängen, und die calviniſche Lehre einzuſchmuggeln, wel⸗ ches doch durch Gottes gnädige Regierung ver⸗ hütet ward. Man ſieht aber auch, wie es damals noch Leute gab, auch unter den Fürſten, welche mit Treue an dem Kleinod der Wahrheit feſthielten und alle falſche Lehre, wie ſehr ſie ſich auch mit dem Namen und Anſehen großer und gelehrter Männer und mit großem Schein der Frömmig— keit zu ſchmücken ſuchte, von Grund des Her— zens haßten. ö Die vorerwähnten Viſitations-Artikel ſind nicht minder wichtig für unſere Zeit, weil ſie deutlich zeigen, daß der Unterſchied zwiſchen den Lutheranern und Reformirten nicht ſo ge⸗ ring und unweſentlich iſt, wie man die Lente jetzt gerne bereden möchte, um eine äußerliche Vereinigung zwiſchen beiden zu ſtiften; ſon— dern daß der Unterſchied zwiſchen den Luthe— ranern und Reformirten die höchſten und wich— tigſten Lehren betrifft, mit welchen der Grund der Seligkeit ſteht und fällt. Denn einem red⸗ lichen Chriſten, der ſeiner Seligkeit halber Sorge und Ernſt hat, kann es nicht einerlei ſein, was er von der Perſon ſeines Gottes und Erlöſers IEſu Chriſti, was er von ſeinen allerheiligſten Sacramenten, Taufe und Abend— mahl, und was er von ſeiner ewigen Erwäh— lung zur Seligkeit zu glauben und zu halten hat. Für den Leichtſinnigen und um ſein ewiges Heil Unbekümmertes iſt es freilich weit ange— nehmer, wenn er hört, es ſei kein Unterſchied zwiſchen Lutheriſchen und Reformirten; denn dies überhebt ihn der Mühe, die Sache ſorg⸗ fältiger zu unterſuchen, und nach dem rechten Grund der Lehre zu forſchen. Er wird dadurch in ſeinem fleiſchlichen Wahne beſtärkt, die Lehre ſei keine Gewiſſensſache. Das iſt ohne Zweifel bei den Meiſten der Grund, warum ſie die jetzt ſo Mode gewordene Vereinigung als eine will— kommene Sache ergreifen. Es folgen nun die mehr erwähnten Viſita⸗ tionsgrtikel, zum Beweis, wie groß und wichtig der Unterſchied unſers und des reformirten Glaubens iſt: Chriſtliche Viſitations⸗Artikel. Anno 1592. Der erſte Artikel. Von dem heiligen Nachtmahl. Diereine und wahrhaftige Lehre unſrer Kirche vom heiligen ö Nachtmahl. 1. Daß die Worte Chriſti: Nehmet und eſſet, das iſt mein Leib, trinket, das iſt mein Blut, einfältig, und nach dem Buchſtaben, wie ſie lauten, zu verſtehen ſind. 2. Daß im Sacrament zwei Dinge ſind, gegeben und mit einander empfangen werden: ein irdiſches, das iſt Brod und Wein, und ein himmliſches, das iſt der Leib und Blut Chriſti. 3. Daß ſolches hienieden auf Erden geſchieht und nicht droben im Himmel. 4. Daß es der rechte natürliche Leib Chriſti ſei, der am Kreuze gehangen, und das rechte natürliche Blut, das aus Chriſti Seiten ge— floſſen. 5. Daß der Leib und Blut Chriſti nicht nur mit dem Glauben geiſtlich, welches auch außer— halb dem Abendmahl geſchehen kann, ſondern allda mit Brod und Wein mündlich, doch un— erforſchlicher und übernatürlicher Weiſe em— pfangen werde, zu einem Pfande und Ver⸗ ſicherung der Auferſtehung unſrer Leiber von den Todten. 6. Das die mündliche Nießung des Leibes und Blutes Chriſti nicht allein von den Wür— digen geſchehe, ſondern auch von den Unwür— digen, die ohne Buße und wahren Glauben hinzugehen, doch zu ungleichem Ende, von den Würdigen zur Seligkeit, von den Unwürdigen aber zum Gericht. Derandere Artikel. Von der Perſon Chriſti. Diereine und wahrhaftige Lehre unſerer Kirche dieſes Artikels von der Perſon Chriſti. 1. In Chriſto ſind zwei unterſchiedene Na— turen, die göttliche und die menſchliche, dieſe bleiben in Ewigkeit unvermenget und unge— trennet. 2. Dieſe beide Naturen ſind perſönlich alſo mit einander vereiniget, daß nur ein Chriſtus, eine Perſon iſt. 3. Um dieſer perſönlichen Vereinigung wil⸗ len wird recht geſagt, iſt auch in der That und Wahrheit alſo, daß Gott Menſch, und Menſch Gott iſt, dah Maria den Sohn Gottes gebo— ren, und Gott uns durch ſein eigen Blut er— löſet hat. 4. Durch die perſönliche Vereinigung, und darauf erfolgte Erhöhung, iſt Chriſtus nach dem Fleiſch zur Rechten Gottes geſetzt, und hat empfangen alle Gewalt im Himmel und auf Erden, iſt auch aller göttlicher Majeſtät, Ehre, Kraft und Herrlichkeit theilhaftig ge— worden. Dritter Artikel. Von der heiligen Taufe. Diereine wahrhaftige Lehre un⸗ ſerer Kirchen von dieſem Arti⸗ kel der heiligen Taufe. 1. Daß nur eine Taufe ſei und eine Abwa⸗ ſchung, nicht welche die Unſauberkeit des Lei— bes pflegt hinweg zu nehmen, ſondern uns von Sünden wäſchet. 2. Durch die Taufe, als das Bad der Wie⸗ dergeburt und Erneuerung des heiligen Geiſtes, macht uns Gott ſelig und wirket in uns ſolche Gerechtigkeit und Reinigung von Sünden, daß wer in ſolchem Bunde und Vertrauen bis an das Ende beharret, nicht verloren wird, ſon⸗ dern das ewige Leben hat.