# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1844 11 02_S19 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 19 unterwerfen muß, woher mag es denn da wohl kommen, daß ihre päbstlichen Decrete so verschieden lauten? Ihr seid doch so folgerechte Denker, löst uns daher doch unsere bescheidenen Zweifel, ob man sich wohl auf die Urtheile der Vernunft so fest verlassen könne, da die neuen Philosophen nicht mit den alten, ja die alten und neuen nicht unter sich einig werden können? Ihr sagt ja selbst, wer das behauptet, was andere schon behauptet haben, das sei ein elender Papagei; ihr ergötzt euch daher gewiß an der bewunderungswürdigen Mannigfaltigkeit in den Behauptungen aller großen Philosophen sehr; euer Herz schlägt dreimal höher, in Erstaunen über die Tiefe und den Reichthum des Menschengeistes, wenn ihr seht, daß es eben so viele Sinne gibt, als Köpfe, ebensoviel verschiedene Resultate der Forschung, als Forscher. Wir beneiden euch nicht darum, aber wir bitten doch um Antwort: Woher kommt es wohl, daß selbst die drei deutschen Orakel der Vernunft in Amerika sich in ihren Antworten so widersprechen, wie einst die drei Orakel, Dodona, Klaros und Delphi, in Griechenland? Ihr sagt doch alle: „So spricht die infallible Päbstin, Johanna, nehmlich die hochheilige Mutter Vernunft; niemand wage daher hier zu widersprechen, wenn er nicht sogleich als ein Muster vollkommener Stupidität öffentlich gebrandmarkt werden will, zu ewiger Schmach und Schande in unseren und in den Augen aller großen Weisen auf der Erde;“ und so haben freilich auch die Philosophen der Vorzeit gesprochen. Ueber dieses strenge Urtheil erschreckend, bitten wir euch große Geister nur, uns doch aus unserem Labyrinthe herauszuhelfen und uns zu sagen, wem sollen wir unter euch glauben? — Wir hören schon euer aller Antwort: von allen Seiten erschallt in unser Ohr: „Mir! mir! mir!“ Wir müssen euch aber gestehen, daß uns dies nicht aus unserer Verlegenheit hilft; denn glauben wir dem einen, so müssen wir uns von dem andern einen Narren schelten lassen u. s. f. Was sollen wir daher thun? Wir wissen keinen andern Rath, als mit unserer Entscheidung zu warten, bis alle, die die Vernunft auf den Richterstuhl in Glaubenssachen setzen, einig geworden sein werden. — Ist das nicht billig? Ist das nicht vernünftig, liebe Herren? Doch Scherz bei Seite! Fragt man uns, was wir von dem Werthe und Gebrauche der Vernunft halten, so können wir es nicht besser und bündiger sagen, als es der selige Luther ausspricht in seiner Kirchenpostille; da heißt es nehmlich (Hall. Ausg. XI. 630): „Ich lasse geschehen, hebe und rühme die Vernunft und das natürliche Licht so hoch als du willst, aber das will ich mir vorbehalten, daß ich mich nicht müsse darauf verlassen.“ Das Wort Gottes lehrt uns alle Gaben Gottes hochhalten und treu und dankbar gebrauchen. Darunter rechnen wir auch die Vernunft. Wir schätzen sie hoch als eine theure, köstliche Gabe Gottes, die, obgleich jetzt durch die Sünde tief verderbt, uns doch noch immer mehr werth ist, als alle Schätze der Welt. Durch die Vernunft ist der Mensch hoch über das Thier gestellt; durch dieselbe ist er sich seiner Menschheit und Persönlichkeit bewußt; durch dieselbe ist er fähig, die Vorstellung, daß es einen Gott gibt, und andrer übersinnlicher Gegenstände in sich aufzunehmen, die gegenseitigen Verhältnisse der Dinge zu erkennen und so die Felder der Kunst und Wissenschaft zu bauen. Dies gestehen alle Christen gern der Vernunft zu, und es offenbart nur die größte Unwissenheit und die unverschämteste und lächerlichste Anmaßung, wenn neuere Seribler den Christen Verachtung der Vernunft vorwerfen, und alle, die an die Bibel glauben und geglaubt haben, Dummköpfe schelten. Die Geschichte widerlegt solches Gewäsch sattsam, und zeigt, daß gerade mit dem wahren Christenthum immer auch Kunst und Wissenschaft aufblühte, die Ungebildetheit und Rohheit der Völker der Cultur, Gesittung und Menschenfreundlichkeit Platz machte, und der abgeschmackte Aberglaube dem hellen Lichte des Evangeliums wich. Die Geschichte zeigt es uns, als an der Stelle der christlichen Religion eine päbstliche herrschend wurde, daß mit dem Christenthum auch die Bildung schwand, die aber wiederkehrte, als Gott durch die Reformation der Welt das Evangelium wieder gab. Die Geschichte bewahrt uns unzählige Beispiele von Männern auf, die demüthiggläubige Christen waren, und dabei durch Scharfsinn, Reichthum des Geistes und einen Vorrath menschlicher Kenntnisse, den größten Philosophen gleichstehen, ja, sie häufig hierin alle weit überstrahlen; sie bleiben die Bewunderung jedes Zeitalters; ihre Namen stehen unauslöschlich eingeschrieben in die Jahrbücher der Geschichte und in die Herzen aller Edlen aller Zeiten. Sie sind daher viel zu erhaben, als daß sie durch den Geifer eines neuen mißgestalteten Geisteszwerges dem Unterrichteten entstellt und vor der Welt doch beschimpft werden könnten. Sie bedürfen gegen solche kleine Geisterlein unsere Vertheidigungen nicht, so wenig es nöthig ist, daß unsere Hand den Vorhang der Nacht aufziehe, damit die Welt die aufgehende Sonne in ihrer Pracht erblicken könne. Mögen daher immer Leute in unsern Tagen sich dadurch eine gewisse Berühmtheit zu erringen suchen, daß sie, indem sie nie selbst groß werden können, doch große Männer noch im Grabe zu schmähen den Muth zeigen, so wird die Unsterblichkeit ihres Namens doch nur in unsterblicher Verachtung der Nachwelt bestehen, die auf ihnen schwerer lasten wird, als auf einem Herostrat, der einst in der Zerstörung des schönsten Werkes der Baukunst Unsterblichkeit seines Namens suchte. Doch wir lenken ein, um uns nicht zu weit von unserem Ziele zu entfernen. Wir behaupten, daß der Bibelfreund keineswegs ein Feind der Vernunft werden müsse, und zwar darum, weil in der Bibel nichts der Vernunft Widersprechendes gelehrt wird. Wäre es freilich hinreichend, diese Behauptung zu widerlegen, daß ein Ungläubiger dagegen einen bloßen Machtspruch thut, so müßten wir allerdings unsere Sache sogleich verloren geben. Denn von solchen Machtsprüchen sind jetzt alle Blätter der Spötter und Lästerer der biblischen Offenbarungen voll, und die unwissende Menge betet sie im gehorsamen Glauben nach und verehrt sie blind als unantastbare Aussprüche ihrer Götter. Aber Behaupten und Beweisen sind so weit von einander verschieden wie Finsterniß und Licht. Wer daher nicht Lust hat, ein Geistessclave von Menschen zu sein, die die Einfälle ihrer krankhaften Phantasie als unumstößliche Vernunftwahrheiten feilbieten, die auf dem Lehrstuhl der Vernunft sitzen, wie der römische Bischof auf dem Stuhle Petri, den bitten wir, das, was sie sagen, ja nicht ungeprüft anzunehmen, sich durch die Flitter des Witzes, in welche sie ihre Sätze anstatt der Beweise einhüllen, nicht zu ihren Narren machen zu lassen, und insonderheit in dem heiligen Bibelbuche immer selbst nachzusehen, ob das wirklich so darinnen stehe und den Sinn habe, wie jene angeblichen Priester der Vernunftgöttin vorgeben. Es genüge, hier nur Ein Beispiel anzuführen. Wollen die Spötter beweisen, daß die Bibel Widersprechendes lehre, daß also nur unvernünftige Menschen daran glauben könnten, so rufen sie gewöhnlich aus, wie sei es möglich, daß ein vernünftiger Mensch die Lehre von der heiligen Dreieinigkeit annehmen könne! Sie halten es da gar nicht für nöthig, sich sonderlich über diesen Gegenstand zu verbreiten: sie appelliren dann ohne Weiteres an den gesunden Menschenverstand aller Menschen, Christen, Juden, Türken und Heiden, und sagen: Wer kann glauben, daß 3 mal 1 nur 1 ist? Damit sind sie denn fertig; damit haben sie denn als mit einem großen mathematischen Schlage das ganze christliche Lehrgebäude in ihren Gedanken umgestoßen, die tausendjährige. Nacht, in welcher ungezählte Millionen bisher schmachteten, mit der Mittagshelle ihrer großen Gedanken erfüllt, die Narrheit aller der Gelehrten, welche diese erstaunliche Weisheit nicht geahnt hatten, aufgedeckt und der christlichen Kirche für immer das Garaus gemacht. Darauf folgen denn einige patriotische Seufzer, daß das liebe Land der Freiheit noch immer keine Narrenhäuser für das Gesindel der Christen gebaut habe!! Denn wäre das bereits geschehen, so müßten wir armen Christen sogleich bei unserer Ankunft in diesem Freistaat, wir möchten wollen oder nicht, auf pflichttreue Anzeige eines solchen für gleiche Rechte und Aufklärung Streitenden in eine hiesige Irrenanstalt wandern. Fürwahr, eine liebliche Aussicht für einwandernde Christen, wenn solche Ketzermeister des neuen Vernunft-Inquisitionsgerichts zur Gewalt kämen!! — Was sollen wir hiebei sagen? Sollen wir der Einfalt mehr lachen, oder der Bosheit mehr zürnen? Es ist offenbar, daß diese großen Philosophen sich von der heiligen Dreieinigkeit einen solchen Begriff gebildet haben, wie ihn etwa das unmündige Kind eines armen Köhlers aus den Holzschnitten schöpft, die es in seinem ABC-Buch findet. Merke nur der Leser auf, das ist die gewöhnliche Kampfart vieler Spötter; erst schaffen sie sich einen Feind selbst in ihrem Kopfe, geben ihm eine beliebige Gestalt und ziehen dann kampflustig und höchst tapfer wi-