# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_M rz 1858_S81 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Von den Spaltungen in den hiesigen lutherischen Gemeinden. 81 Und daß wir so steif und eigensinnig sind, lehret uns St. Paulus hier mit seinem eigenen Exempel, der um einer Sache willen, so die falschen Apostel sammt ihren Jüngern nicht allein geringe und leicht, sondern auch ganz unbillig däuchte (denn sie hielten beiderseits, daß diese recht und göttlich lehreten, und jene recht und göttlich gläubeten), darf die falschen Apostel so frei und thürstiglich verdammen, und sagen: „Sie werden ihr Urtheil tragen, die euch irre machen.“ Darum muß man, wie ich viel und oft zu vermahnen pflege, die Lehre fleißig vom Leben scheiden. Die Lehre ist der Himmel, das Leben die Erde: im Leben ist Sünde, Irrthum, Uneinigkeit, eitel Mühe und Arbeit; da soll die Liebe überhören und übersehen, soll sich leiden, da soll die Vergebung der Sünden regieren und walten; so ferne doch, daß man solche Sünde und Irrthum nicht vertheidigen wolle. Aber mit der Lehre ist es viel ein ander Ding; denn sie ist heilig, rein, lauter, himmlisch, göttlich. Wer die ändern oder fälschen will, gegen den ist weder Liebe noch Barmherzigkeit zu beweisen, darum bedarf sie auch keiner Vergebung der Sünden. Darum taugt es gar nicht, daß man Lehre und Leben mit einander vergleichen will: denn an einem Buchstaben, ja, an einem einigen Titel der Schrift ist mehr und größer gelegen, denn an Himmel und Erden. Darum können wir es nicht leiden, daß man sie auch in dem Allergeringsten verrücken wollte. Was aber betrifft die Gebrechen und Fehler am Leben, da können wir wohl zu gut halten und übersehen. Denn wir sind auch arme Menschen, so täglich straucheln und sündigen; ja, alle liebe Heiligen bekennen mit großem Ernst im Vater Unser, daß sie Sünder seien, und gläuben Vergebung der Sünde. Aber unsere Lehre ist von Gottes Gnaden rein; so ist kein Artikel unseres Glaubens, daß wir nicht guten beständigen Grund in der heiligen Schrift haben: dieselben wollte uns der Teufel gerne besudeln und verkehren. Darum greift er uns so tückisch an mit diesem Argument, daß er uns durch die Rotten Schuld giebt, wir halten nicht Friede, sondern sind zänkisch und zerreißen die Einigkeit und Liebe in der Kirche oder Christenheit. Da siehest du, was St. Paulus hält von einem kleinen Irrthum in der Lehre, der sich für geringe, ja wohl für die Wahrheit läßt ansehen; nämlich so groß und gefährlich hält er ihn, daß er die falschen Apostel, so doch nach dem Ansehen große Leute waren, verfluchen darf. Darum dürfen wir den Sauerteig der falschen Lehre nicht so geringe achten: denn er sei so wenig, als er immer sein mag, machet er gleichwohl, wenn man nicht Acht darauf hat, daß die Wahrheit und Seligkeit dadurch niederliegt und zu Boden geht und Gott dadurch verläugnet wird. Denn wenn das Wort gesälschet, und Gott (wie von Noth wegen folgen muß) verläugnet und verlästert wird, ist keine Seligkeit mehr zu hoffen. Ob aber wir gleich verlästert, verflucht und erwürgt werden, da liegt keine Macht an: denn Er ist noch unerwürget, der uns wiederum kann aufwecken und erlösen vom Fluch, Tod und Hölle. 6