# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1847 03 30_S87 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) Wort wird halten, der wird den Tod nicht ſehen ewiglich,“ da brachen die ungläubigen Widerſacher in die Worte aus: „Nun erken⸗ nen wir, daß du den Teufel haſt, Abraham iſt geſtorben, und die Propheten, und du ſprichſt: So jemand mein Wort hält, der wird den Tod nicht ſchmecken ewiglich! Biſt du mehr, denn unſer Vater Abraham, welcher geſtorben iſt? und die Propheten ſind geſtorben. Was machſt du aus dir ſelbſt?“ Die Juden wollen hiermit ſagen: „Wir haben die Religion Abrahams und der Propheten, von welcher wir wiſſen, daß ſie recht iſt; wir bedür⸗ fen daher keine neue oder beſſere. Nun aber ſind Abraham und die Propheten geſtorben, und du gibſt die Verheißung, daß wer dein Wort halte, nicht ſterben ſolle: das iſt uns ge⸗ nug, dich als einen hoffärtigen Schwärmer zu verwerfen. Als nun endlich Chriſtus noch die Aeußerung thut: „Abraham, euer Vater, war froh, daß er meinen Tag ſehen ſollte, und er ſah ihn, und freute ſich,“ da ſprachen die Juden zu ihm: „Du biſt noch nicht 50 Jahre alt, und haſt Abraham geſehen?“ Sie wol⸗ len hiermit ſagen: Glaubſt du denn, daß wir keine Vernunft beſitzen? Denn wäre es nicht unvernünftig zu glauben, daß du Abraham ge— ſehen habeſt, der vor 2000 Jahren gelebt hat, da du doch noch nicht ein halbes Jahrhundert durchlebt haſt? Nein, ſolche Thoren, ſolche Blindgläubige ſind wir nicht, daß wir uns of— fenbar ungereimte und der Vernunft wider⸗ ſprechende Dinge als Glaubensartikel aufbür— den ließen. Was, meinte Luther, hier jene Juden als gerechte Urſache ihres Unglaubens angeben, das haben dit Ungläubigen immer vorgewen— det und damit ſuchen ſie ſich noch bis dieſe Stunde am gewöhnlichſten zu rechtfertigen. Noch jetzt antworten die Ungläubigen auf die Frage: Warum glaubet ihr nicht?“ gewöhnlich: „Sagen wir nicht recht,“ daß die Bibel ein Menſchenbuch iſt, wie alle andern, alſo freilich auch nicht frei von Irr— thümern, Fabeln und Unwahrheiten? „Sagen wir nicht recht,“ daß Chriſtus ein Menſch war, wie alle, nur frömmer, begabter und er— leuchteter, als ſeine Zeitgenoſſen? „Sagen wir nicht recht,“ daß Chriſti Tod nur ein Märtyrertod war für die von ihm gelehrten Wahrheiten und nicht ein Gott verſöhnender Opfertod für die Sünden der Welt? Und wie einſt die Juden ſich auf ihre väter— liche Religion beriefen, an welcher ſie ſich ge— nügen laſſen wollten, ſo berufen ſich jetzt die Ungläubigen auf die natürliche Religion, die jeder Menſch mit auf die Welt bringt, die in ſeinem Herzen ſchon von Natur geſchrieben ſteht und die der Menſch, theils aus Betrach tung der Natur, theils aus den ihm angebornen Vernunftwahrheiten ſchöpft. Die Un⸗ gläubigen ſagen, wir wiſſen ohne eine beſon⸗ dere Offenbarung die Hauptſache der Religion, nehmlich die Grundſätze: „Thue recht, ſcheue niemand; gib jedem das Seine; was du nicht willſt, das dir die Leute thun ſollen, das thue 87 Bibel und keines Heilandes. Wie ſich aber die Juden auch darauf beriefen, daß ſie, was wider ihre Vernunft ſei, nicht glauben könn— ten, ſo geben auch noch jetzt alle Ungläubige das als Grund ihrer Verwerfung der Bibel an, daß darin ſo viel ſtehe, was ſie nicht be— greifen könnten und was der Vernunft gänz— lich widerſtreite. Sie ſagen, wer kann glauben, daß die ganze Bibel A. und N. Teſtaments Wort für Wort vom heil. Geiſte eingegeben ſei? wer kann glauben, daß Gott aus Einem Weſen und doch aus drei Perſonen beſtehe? wer kann glauben, daß Chriſtus Gott und Menſch in einer Perſon ſei? wer kann glau⸗ ben, daß der Menſch in der heil. Taufe durch ein paar Worte und wenig Waſſer wiederge— boren werde aus dem heil. Geiſte? wer kann glauben, daß die Communicanten unter einem Stücklein Brod und unter einigen Tropfen Wein den wahren Leib und das wahre Blut Chriſti empfangen? wer kann glauben, daß die verweſten Leiber aller Menſchen einſt am jüngſten Tage wieder auferſtehen werden? wer kann glauben, daß Gott allein durch das Lei— den und Sterben ſeines eigenen Sohnes mit den ſündigen Menſchen habe verſöhnt werden können, daß nun der Menſch allein durch den Glauben vor Gott gerecht und ſelig werden, und daß hingegen ein jeder, der nicht glaubt, alſo viele Millionen Menſchen verloren gehen und verdammt werden ſollten? Nein, ſolche Glaubensartikel konnte man wohl in alten fin— ſtern, abergläubiſchen Zeiten, in den Zeiten der äußerſten Unwiſſenheit und Rohheit glau-— ben, aber jetzt ſind wir zu weit fortgeſchritten in der allgemeinen Ausbildung der menſchlichen Vernunft, als daß wir noch dergleichen Sätze als göttliche Offenbarungen annehmen könn— ten. Manche Ungläubige ſtellen ſich, als möch— ten ſie gern glauben, aber ſo gern ſie wollten, ſo könnten ſie doch nicht; ſie ſagen: Gibt es einen Gott, ſo iſt auch die Vernunft eine Gabe Gottes; iſt ſie aber eine Gabe Gottes, ſo kann uns Gott in einer Offenbarung nichts zu glau— ben gebieten, was unſere Vernunft nicht begrei— fen kann oder was ihr gar offenbar wider— ſtreitet! So oft nun auch Ungläubige ſich ſelbſt und andere überreden, daß dies wirklich die wahren Urſachen ihres Nichtglaubens an Chriſtum und ſein Evangelium ſeien, ſo gewiß iſt es, daß ſie ſich und andere damit nur täuſchen. Die Ur— ſache des Unglaubens liegt erſtlich keineswegs darin, daß der Menſch ſich mit ſeiner natürli— chen Religion recht wohl begnügen könnte und keiner weiteren Offenbarung bedürfte. Wer wirklich ein Verlangen nach Religion hat, d. h. wer es gern wiſſen möchte, ob es wirklich einen Gott und ein anderes Leben gibt; wozu der Menſch auf der Welt ſei; wie er Gott gefallen könne und ihn anbeten ſolle; wie er ſeine ewige Beſtimmung erreichen, wie er nehmlich zu Gott kommen und ſelig werden könne: wer, ſage ich, dies zu wiſſen, wirklich ein Verlangen in ſei⸗ nem Herzen trägt, der wird ſich nimmermehr mit ſeiner natürlichen Religion begnügen laſſen ihnen auch nicht.“ Darnach gehen wir, und können; der wird allenthalben Lücken finden, damit haben wir genug und bedürfen keiner die er von ganzem Herzen ausgefüllt und er— gänzt zu ſehen wünſcht; der wird klagen, daß der Menſch von Natur auf die wichtigſten Fra— gen ſeines Herzens keine gewiſſe Antwort hat, daß er in einer, was ſeine Seele betrifft, un— durchdringlichen nächtlichen Finſterniß ſchmach— tet und das dringendſte Bedürfniß einer unmit⸗ telbaren göttlichen Offenbarung habe. Doch die wahre Urſache des Unglaubens liegt auch ferner nicht darin, daß die Ungläu— bigen zu klug, zu vernünftig, zu aufgeklärt wären, um die chriſtliche Religion annehmen zu können, die ſo viel Wunderbares, Unbegreif— liches und der Vernunft ſcheinbar Widerſtrei⸗— tendes lehrt. Wer ſich wirklich nach den Ge— ſetzen ſeiner Vernunft und nicht nach Vorur— theilen richtet, der wird zugeben, daß das Gebiet der Vernunft gewiſſe Grenzen habe, daß es alſo gewiſſe Dinge geben könne, die ihr nicht unterworfen ſeien. Wer dies leugnet, wer da ſagt, was meine Vernunft nicht begreifen, was ſie nicht zuſammenreimen kann, das kann auch nicht wahr ſein, der macht ſich ſelbſt zu Gott und macht ſich durch eine ſolche Behauptung nur lächerlich, da es ja tauſenderlei Dinge ſelbſt in der ſichtbaren Welt gibt, die jeder Menſch wohl ſieht und darum glauben muß, und die er doch nicht begreifen und erklären kann. Gibt nun aber ein vernünftiger Menſch zu, daß ſeine Vernunft ihre Grenzen habe, wie darf er ſich alſo wundern oder daran ſtoßen, daß in einer Religion, die eine göttliche Offen— barung ſein ſoll, tauſenderlei unbegreifliche Geheimmiſſe ſich finden? Muß nicht vielmehr ein vernünftiger Menſch alſo ſchließen: Ge— rade, wenn in der Bibel keine unbegreiflichen Geheimniſſe enthalten wären, gerade dann müßte ich zweifeln, ob die Bibel eine beſondere Offenbarung Gottes ſei, denn wozu wäre eine Bibel nöthig, wenn darin nicht mehr ſtünde, als was uus ſchon die Vernunft ſagen könnte? Ein jeder vernünftige Menſch muß es zugeben, daß etwas über die Vernunft ſein könne, ohne wider die Vernunft zu ſein. Wer ſtößt ſich daran, daß man eine Muſik nicht ſehen und daß man den Sonnenſchein nicht hören kann? Warum will man ſich alſo daran ſtoßen, daß die Vernunft, eine ſo herrliche Gabe ſie auch ſonſt iſt, doch nicht dazu da iſt, daß der Menſch Gott und ſeine Geheimniſſe begreife? Ja, noch mehr! Will ein Menſch die Ge— heimniſſe der Bibel nicht glauben, ſo muß er noch viel unbegreiflichere Geheimniſſe glauben. Wäre es nicht viel unbegreiflicher, wenn es keinen Gott gäbe, und die Welt aus ſich ſelbſt durch Zufall entſtanden wäre, als daß es nach der Bibel einen Gott gibt, der die Welt erſchaf— fen hat? Wäre es nicht viel unbegreiflicher, wenn es keine Vorſehung gäbe und wenn ſich die Welt ſelbſt erhielte und regierte, als daß es nach der Bibel eine göttliche Vorſehung gibt, die alles erhält und aufs weiſeſte regiert? Wäre es nicht viel unbegreiflicher, wenn ſich Gott den Menſchen nicht geoffenbart, ſondern ſie gleichſam als Waiſen auf die Erde wie in die Fremde verſtoßen hätte, da ſie doch eine Offenbarung Gottes ſo ſehr bedürfen, als daß ſich Gott nach der Bibel den Menſchen geoffen⸗ bart und ihnen einen deutlichen Aufſchluß über