# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_M rz 1858_S72 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 72 Von den Spaltungen in den hiesigen lutherischen Gemeinden. Kirche, die Zucht soll von der Gemeinde ausgeübt werden: Matth. 18. „sag es der Gemeinde. Aber wie kann von unmündigen Kindern, wie kann von unverständigem Volke, das nichts versteht, das oberste Gericht in der Kirche geübt werden?! Das hat der HErr Jesus wahrscheinlich nicht recht überlegt, da sind die königlichen Kirchenbehörden vorsichtiger, und verstehen die Ordnung kräftiger herzustellen und zu erhalten; von Amtswegen 14tägige Gefängnißstrafe bei Wasser und Brod, das bringt die Sünder eher zu Verstande. — Wenn man nun hin und wieder hier einzelne und wohlwollende Gemeindeglieder antrifft, die den kirchlichen Verhältnissen in Deutschland dennoch einen Vorzug vor den hiesigen geben, so läßt sich das allenfalls verstehen, denn der Uebergang aus einer drückenden, alle freie Thätigkeit lähmenden Obervormundschaft in eine vollkommene, aber geübte Kräfte fordernde, Unabhängigkeit und Selbstständigkeit ist zu plötzlich, die Verwirrung und der daraus entstehende Kampf oft zu bitter und zu lange anhaltend. Unter wie angstvollem Streiten muß es nicht erst errungen werden, daß die Gemeinden den Beruf ihrer Prediger als einen göttlichen anerkennen, die maßlose Willkür in Besetzung der Pfarrstellen in Deutschland vergessen, und das aus derselben Willkür entstehende hiesige schmachvolle Miethen und Aufkündigen ihrer Seelsorger fahren lassen. Welche Noth macht es nicht, aus den Gemeinden die alten deutschen rationalistischen und unirten Gesangbücher und Katechismen zu entfernen, zumal da (Gott Lob!) keine weltliche Obrigkeit der Kirche ihren helfenden, Nachdruck gebenden Arm leiht, und welche Angst und Stürme giebt es nicht erst bis die Gemeinden die so heilsame Kirchenzucht ausüben lernen. Wie gesagt, wenn Gemeindeglieder, die kaum zu ahnen anfangen, was es denn eigentlich mit einer christlichen Gemeinde auf sich habe und die Freiheit der Kirche eigentlich bedeute, wenn die sich zuweilen nach den deutschen kirchlichen Zuständen zurücksehnen, so ist das zu begreifen; wenn sich aber bei Predigern, die erkannt haben, was eigentlich ein Christ und das Reich Jesu Christi auf Erden ist, ähnliche Gelüste nach der Staats⸗Obervormundschaft und Polizei⸗Hülfe finden, so wäre das in der That gar nicht zu fassen, wenn man nicht ein Analogon an jenen traurigen Juden hätte, die, kaum aus der Knechtschaft befreit, weil der Weg der Freiheit anfangs rauh war, sich auch nach den Aegyptischen Fleischtöpfen wieder zurücksehnten. Ein großes Uebel der hiesigen lutherischen Gemeinden, das man von Deutschland her auch gern als ein speciell amerikanisches zu bezeichnen pflegt, aber in der Wahrheit doch nur ein von drüben mit herübergebrachtes Geschwür ist, das hier, vom weltlichen Arm nicht gewaltsam zurückgedrängt, zum Ausbruch kommt — sind die Spaltungen in den Gemeinden, die in den meisten Fällen zu förmlichen Trennungen ausarten, so daß oft an einem Orte aus einer Gemeinde zwei auch drei Gemeinden in Opposition wider einander entstehen und bestehen. Und da nun auch die meisten lutherischen Synoden ohne territoriale Trennung in unglücklicher, unheilvoller