# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1847 03 30_S86 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) lang, viel, groß oder breit ſei, glauben ſollen, ſondern allein dem Worte Gottes, ſo untrüg⸗ lich iſt. (Luthers Antwort auf König Heinrichs VIII. Buch. Siehe: Werke. Hall. XIX. 424 —27.) An einer andern Stelle ſchreibt Luther über die Frage, ob Laien einen irrgläubigen Predi⸗ ger ſelbſt abſetzen können, Folgendes: „Viel⸗— leicht werden ſie (die falſchen Propheten) auch vor dem einfältigen Pöbel und ſonſt Unver⸗ ſtändigen aufmutzen, wie ſie noch nicht von der Kirchen für Wölfe und falſche Lehrer erkannt, ſondern für rechte Chriſten gehalten werden. Ja fürwahr, das iſt weislich und wohl geredt! Wenn die Schafe nicht eher vor den Wölfen fliehen ſollten, denn bis die Wölfe durch ihr chriſtlich Concilium und öffentlich Urtheil die Schafe hießen fliehen, da würde der Schafſtall gar bald ledig ſein, und der Hirt in einem Tage weder Milch, Käſe, Butter, Wolle, Fleiſch, noch eine Klaue finden; das würde dann heißen, der Schafe gehütet. Was hat denn Chriſtus unſer HErr gemacht, da er uns heißt und gebeut, vor den Wölfen uns zu hüten ohn Harren auf der Wölfe Concilium? Es hat ja nicht allein die ganze Heerde Schafe, ſon⸗ dern auch ein jeglich Schaf für ſich ſelbſt al⸗ lein. Recht und Macht zu fliehen vor den Wölfen, wo es anders immer vermag, wie es auch thut, Joh. 10, 5:„„Meine Schafe fliehen die Fremden.““ (Luthers Schrift: Exempel einen Biſchof zu weihen, von 1542. Werke. Hall. XVII, 140.) Predigt, gehalten am Sonntag Judica 1847 in der Drei⸗ einigkeitskirche der deutſchen ev.⸗luth. Gemeinde ungeünderter Augsb. Conf. in St. Louis, Mo.“) J N. J. Gnade, Barmherzigkeit, Friede von Gott dem Vater und IEſu Chriſto, dem Sohne des Vaters, in der Wahrheit und in der Liebe ſei mit euch allen. Amen. Geliebte Brüder und Schweſtern in Chriſto IEſu! Etwas glauben heißt, etwas auf das glaub⸗— würdige Zeugniß eines Andern für wahr hal— ten. Glauben iſt daher eben ſo verſchieden von Aberglauben, wie von Wiſſen und Erkennen. Aberglaube iſt nehmlich das Fürwahrhalten einer Sache ohne ein glaubwürdiges Zeugniß, oder überhaupt ohne allen triftigen Grund. Eine Sache erkennen aber heißt, entweder, die Wirklichkeit einer Sache durch die Sinne wahr— nehmen, oder von der Wahrheit derſelben durch richtige Schlüſſe, die man aus andern, unwi— derſprechlichen Wahrheiten gezogen hat, über— zeugt ſein. *) Wir würden es nimmer gewagt haben, dieſe in großer Eile aufgezeichnete Predigt einem größeren Publicum durch den Druck unverändert vorzulegen, wenn es nicht von einigen Zuhörern ausdrücklich von uns begehrt worden wäre. Letz⸗ tere meinten, daß gerade jetzt, wo der grobe Unglaube in allen Claſſen ſo herrſchend geworden ſei, eine ſo einfache Abhand⸗ lung des vorliegenden Gegenſtandes auch manchem Leſer des „Lutheraner“ von Nutzen ſein könnte. Wir hoffen daher Eniſchuldigung, wenn wir dem an uns ergangenen Erſuchen endlich nachgegeben haben. 86 — — Es hat nun zu allen Zeiten Menſchen gege- ben und es gibt deren beſonders in unſern Ta⸗ gen eine große Anzahl, welche behaupten, nicht das Glauben, ſondern allein das Wiſſen und Erkennen ſei eines vernünftigen Menſchen würdig, und da die chriſtliche Religion auf Glauben beruhe und vor allem Glaͤuben for— dere, ſo könne ein Aufgeklärter, ein Mann, der zum Bewußtſein ſeiner Menſchenwürde gekom⸗ men ſei, nimmermehr ein demüthiggläubiger Chriſt ſein. So viele aber ſich durch ſolche Ausſprüche der Stimmführer unſerer Zeit bethören laſſen, ſo erweiſen ſich doch dieſe ihre Behauptungen, ſo bald ſie auch nur in das Licht der täglichen Erfahrung geſtellt werden, als hohle Redens— arten. Die tägliche Erfahrung lehrt uns nehmlich, daß uns Menſchen das Glauben ſchon im Ir— diſchen eben ſo unumgänglich nothwendig iſt, als das Wiſſen und Erkennen; daß ohne Glau— ben die menſchliche Geſellſchaft gar nicht beſte— hen könnte, ja, daß auch der größte Feind des Glaubens fort und fort doch zum Glauben ge— nöthigt iſt, wie jeder Lebende zum Einathmen der Luft, er mag nun wollen oder nicht wollen. Schon das Kind, ſoll es erzogen und unterrichtet werden, bedarf vor allen Dingen des Glau— bens; ohne den Glauben des Kindes iſt Erzie⸗ hung und Unterricht gar nicht denkbar. Und wenn der Menſch aus dem Kindesalter tritt, ſo tritt er dann keinesweges, das Gebiet des Glaubens nun verlaſſend, allein in das Reich des Wiſſens ein; das Meiſte, wovon der Menſch ſagt, er wiſſe es, ghaubt er eigent⸗ lich nur; denn der Glaube iſt es, worauf die meiſten und gerade die nützlichſten menſchlichen Wiſſenſchaften beruhen. Worauf beruht z. B. die Geſchichte? worauf die Erdbeſchreibung? Wer kann wiſſen, was vor Jahrhunderten und Jahrtauſenden geſchehen iſt? muß nicht ein Jeder, wenn er nicht geradezu ſagen will, es gibt keine Geſchichte, das Erzählte glaͤu— ben? Wer kann wiſſen, wie aller Orten die Beſchaffenheit des Landes iſt? Muß nicht jeder den Bericht von den meiſten Städten und Bergen und Flüſſen und Meeren glau— ben, ohne je durch eigne Anſchauung zum Wiſ—⸗ ſen dieſer Dinge kommen zu können? Und wo gibt es ein Verhältniß, ein häusliches oder bürgerliches, in welchem nicht vor allem der Glaube herrſchte und unbedingt nöthig wäre? Wir nehmen täglich von andern bereitete Spei— ſen zu uns, geſchiebt dies nicht in dem Glan⸗ ben, daß der andere uns nicht damit vergiften wolle? Wir gehen irgend einen Vertrag mit einem andern ein; warum? wir glauben ſei⸗ nen Worten. Wir knüpfen ein Freundſchafts— band; gehört dazu nicht der Glaube, daß der andere wirklich unſer Freund ſei? Wir ſind hier in ein von unſerm Vaterlande fernes, durch ein Weltmeer getrenutes Land eingewan— dert: wäre dies wohl geſchehen, wenn wir nicht den von dem neuen Vaterlande uns über— brachten Berichten geglaubt hätten? Ein Kranker genießt die ihm vom Arzte verordne— ten Arzneien; warum? er glaubt, daß der Arzt nach ſeiner beſten Einſicht handeln werde. Ein Kaufmann ergreift nach erhaltener Nach— richt ſeine Maaßregeln, verſieht ſich mit Vor⸗ räthen, und dgl. warum? er glaubt der Nach⸗ richt. Eine Obrigkeit fordert von den vor ihr Gericht Geſtellten den Eidſchwur; warum? ſie glaubt dann der bei dem allwiſſenden heiligen Richter hoch betheuerten Ausſage. Denket daher aus der Welt den Glauben hinaus, ſo wird es euch klar werden, daß die Welt ohne Glaͤuben nicht beſtehen könne. Glaubte kein Kind ſeinen Eltern und Lehrern mehr; glaubte kein Leſer einem Buche oder Briefe mehr; glaubte kein Reiſender ſeinem Wegweiſer, kein Auswanderer dem Schiffs— führer mehr; kein Freund dem Freunde, kein Bürger dem Bürger, kein Kranker dem Arzte, kein Richter einem Zeugen mehr; glaubte kein König ſeinem Berichterſtatter, keine Obrigkeit einer Kriegs-oder Friedens-Botſchaft mehr; kurz, glaubte kein Menſch mehr etwas auf das Zeugniß anderer; wollte jeder nur das für wahr halten, was er ſelbſt mit ſeinen Sinnen wahrgenommen oder durch Schlüſſe ſeiner Ver— nunft erforſcht und erkannt hätte: ſo wäre hiermit offenbar für immer das Band der gan⸗ zen menſchlichen Geſellſchaft zerriſſen. Wer möchte dann auch nur einen Tag in einer ſol⸗ chen Welt ohne Glauben wohnen? Dieſes alles iſt ſo klar, daß gewiß auch der Ungläubigſte dieſe Nothwendigkeit des Glau— bens zum Beſtehen jedes menſchlichen Verkehrs und Verhältniſſes nicht in Abrede ſtellt. Iſt es nun nicht wunderbar, daß man dennoch einen ſo großen Widerwillen gegen den Glauben in der Religion, im Chriſtenthume hegt? Iſt es nicht räthſelhaft, daß man, obgleich man ſich in allen möglichen Verhäitniſſen des irdiſchen Lebens zum Glauben genöthigt ſieht, nur in der Religion nicht glauben will? Wo mag hiervon die Quelle liegen? Dieſe Frage laßt mich jetzt beantworten. Text: Joh. 8, 46—59. In dem verleſenen Evangelio thut Chriſtus an die ihn umgebenden Feinde nicht nur die Frage: „So ich euch aber die Wahrheit ſage, warum glaubet ihr mir nicht?“ ſon⸗ dern er beantwortet ſie auch in dem Folgenden. Hiernach ſpreche ich zu euch: Von den angeblichen und den wahren Quellen des Unglaubens; 1. was man gewöhnlich fälſchlich als Urſache ſeines Ung lau⸗ bens vorgibt, und 2. worin die wahren Quellen deſ⸗ ſelben zu ſuchen ſeien. 1. Als nach dem Berichte unſers heutigen Evan— geliums Chriſtus einſt die ungläubigen Juden gefragt hatte: „So ich euch aber die Wahr— heit ſage, warum glaubet Ihr mir nicht?“ ſo war ihre Autwort: „Sagen wir nicht recht, daß du ein Samariter biſt und haſt den Teufel?“ Sie wollten alſo ihren Unglauben völlig gerechtfertigt wiſſen. Was aber die vorgebliche Urſache ihres Unglaubens war, dies ſehen wir aus dem Folgenden. Als nehmlich Chriſtus ausgerufen hatte: „W'iahrlich, wahrlich ich ſage euch: So jemand mein