# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Januar 1858_S16 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 16 Der evangelische Kirchentag. theraner. Das hörte man Alles geruhig an; als aber Stahl sein Resumé als Präsident dazu benutzte, seine und seiner Gleichgesinnten Anschauungsweise, welche bis dahin noch gar nicht zum Worte gekommen war, darzulegen und zwar nachdem er sich dazu ausdrücklich die Erlaubniß erbeten, erhob sich dagegen ein Tumult, wie er der Würde einer solchen Versammlung, zumal in einer Kirche, am wenigsten angemessen war. Wir geben den wesentlichen Inhalt seiner Rede, in welcher er, wie man bemerken wird, die Frage der Abendmahlsgemeinschaft aus erklärlichen Gründen nicht berührt, nach dem Referat in der Ev. Kirchenzeitung Hengstenbergs wieder: „Der Gegensatz, der wirklich besteht, ist in der Verhandlung noch gar nicht herausgestellt worden und meine Ueberzeugung ist noch gar nicht vertreten. Ich werde den Gegensatz, aber auch den Punkt unsrer Einheit aufzeigen. Was man hier unter Katholicität versteht, war den Reformatoren fremd. Sie setzten die Katholicität in die Einheit und Allgemeinheit der wahren Lehre. Hier dagegen fordert man eine Katholicität, welche über die confessionelle Kirche, also über die wahre Kirche hinausreichen soll. Solche Vorstellung von Katholicität kann eine Förderung zur Herstellung der Einheit der Kirche sein; sie enthält aber auch eine große Gefahr der Zerstörung. Es stehen sich entgegen Katholicität im Sinne der Evangelischen, das ist unser Standpunkt, und Katholicität unter den Evangelischen, das ist der Standpunkt der evangelischen Allianz. Nach letzterem beruht die Katholicität auf dem Consensus der Lehre unter allen evangelischen Denominationen. Was außer diesem Consensus ist, ist nicht Fundamental, ohne Einfluß auf die Seligkeit. Dem widersprechen wir Lutheraner. Man hat uns deshalb heute lutherisches Hochkirchenthum, Doktrinarismus und Pharisäismus vorgeworfen. Aber wir haben nie das Seelenheil auf die Angehörigkeit an die luth. Kirche statt auf die Wiedergeburt gebaut. Wir haben keinen Eifer für die Urkunden oder die Begriffsbestimmungen unserer Bekenntnisse, sondern für die Heiligthümer die sie enthalten. Die Unterscheidung fundamentaler und nichtfundamentaler Lehren ist eine Scholastik, geradeso wie die katholische Unterscheidung zwischen Todsünden und läßlichen Sünden. Katholischer Semipelagianismus und Prädestination, sieben Sacramente und Verwerfung der Kindertaufe — warum soll das eine fundamental sein und das andere nicht? Die Katholicität der evangelischen Allianz beruht auf einem Volteschlagen zwischen sichtbarer und unsichtbarer Kirche. Auf Grund der Gotteskindschaft, die der unsichtbaren Kirche angehört, begnügt man sich mit den ungenügenden neun Artikeln; und auf Grund der reinen Lehre, die der sichtbaren Kirche angehört, schließt man die Katholiken aus. Das ist nicht Katholicität, sondern evangelische Parteigenossenschaft. Wenn wir uns mit den Extremen der Reformation verbrüdern, so wird der ganze Protestantismus zu einem Extrem gegen das Extrem des Katholicismus. Luther hat nicht bloß einen Anfang der Reformation gemacht und die Kirchenstifter nach ihm sie vollendet. Er hat sie vielleicht eher in manchen