# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Januar 1858_S10 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 10 Die Euenschen Thesen. Ist die Rechtfertigung durch den Glauben allein noch jetzt der die gesammte Kirchenlehre beherrschende Mittelpunkt? Thesen von Pastor Euen. These. Wenn in der modernen Theologie behauptet wird, daß der Schwerpunkt der gesammten evangelisch⸗kirchlichen Lehre in dem Artikel von der Rechtfertigung durch den Glauben allein liege, so hat dies ebensowohl den Sinn einer Bestimmung der heilsökonomischen Bedeutung der Rechtfertigung, als dadurch jenem Artikel eine besondere Stellung im Ganzen des Lehrsystems angewiesen wird. — Die Rechtfertigung durch den Glauben heißt Prinzip der evangelischen Lehre, weil a) in ihr die Summe der Heilsgüter so implicirt ist, daß das ewige Heil sich nur in einer Evolution des in ihr Gegebenen vollendet, und weil b) deshalb auch nur diejenigen Lehren als kirchenbestimmend gelten können, in welche sich jenes Prinzip auseinander legt, und jede Glaubenslehre Werth und Bedeutung nach dem Maß erhalten muß, in welchem sie der lebendigen Mitte näher oder derselben ferner nach der Peripherie zu liegt. Glosse zur These. Eine Behauptung nicht „der modernen Theologie" ist dieß, sondern eine Lehre des Bekenntnisses unsrer Kirche, ausgesprochen von Luther in den schmalkaldischen Artikeln und von St. Paulus im Galaterbriefe u. s. w., während „die moderne Theologie", wie landkundig, zumeist davon abgefallen ist. — Zu a. Luther: „Denn wo Vergebung der Sünden ist, da ist auch Leben und Seligkeit" — und das ist, denke ich, „die Summe der Heilsgüter". Zu b. Luther zu Ps. 130: „Wenn dieser Artikel mit gewissem und festem Glauben gefaßt und gehalten wird, so kommen und folgen die andern allgemächlich nach, als von der Dreieinigkeit" u. s. w. Zu Joh. 14: „In diesem Hauptstück hänget und stehet es Alles und zeucht die andern Alle mit sich." „Wo diese Sonne scheinet und leuchtet im Herzen, da ist ein rechter gewisser Verstand von allen Sachen, daß man kann fest stehen und halten ob allen Artikeln, als daß Christus wahrhaftiger Mensch ist, geboren von der Jungfrau Maria, und auch wahrhaftiger allmächtiger Gott, vom Vater in Ewigkeit geboren" u. s. w. u. s. w. Antithese. 1. Die Gerechtigkeit des Glaubens ist nicht die zur Seligkeit ausreichende und die Summe aller Heilsgüter implicirende volle Gnadengabe, und hinsichtlich der letzteren ist der Glaube nicht das ausschließliche Mittel der Aneignung. Glosse zu 1. St. Paulus: „Glaube an den Herrn Jesum Christum, so wirst du und dein Haus selig." „Denn so man von Herzen glaubet, so wird man gerecht, und so man mit dem Munde bekennet, so wird man selig." Luther: „Wo Vergebung der Sünden ist, da ist auch Leben und Seligkeit." „Denn die Christen müssen wissen, daß sie durch den Glauben schon Alles haben, dadurch sie selig werden, und keines Dinges mehr dazu bedürfen." Daß aber der Glaube das ausschließliche Mittel der Aneignung sei, vgl. Luther: „St. Paulus Röm. 10, 8. sagt: Auf daß man fromm werde, ist noth, daß man von Herzen glaube. Spricht nicht: ist noth, daß man die Sacramente empfahe. Denn ohne leiblich Empfahen der Sacramente (so sie nicht verachtet werden) kann man fromm durch den Glauben werden; aber ohne