# Der Lutheraner_Frankfurt am Main_Januar 1950_S3 # Human-reviewed — CHI Digital Archive (demonstration) Nummer 1 Januar 1950 Seite 3 Was hat das Kirchenjahr dem einzelnen Christen zu sagen? Stellen wir uns einmal vor: Jemand wäre mutterseelenallein auf eine ferne Insel verschlagen und hätte zu seiner christlichen Erbauung nur eine Bibel und sein Gesangbuch bei sich. Müßte nicht je länger desto heißer in ihm das Verlangen aufsteigen: Wäre ich doch inmitten einer Christengemeinde, die sich um dieses Bibelwort sammelt und Gott mit den Liedern meines Gesangbuches gemeinsam anbetet? Und wenn dann Advent und Weihnachten käme, Karfreitag und Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten: Müßte da nicht ein H e i m w e h in ihm entstehen nach den Tagen, da er einst auch e i n e r u n t e r v i e l e n war, die g e m e i n s a m den dreieinigen Gott im Geist und in der Wahrheit anbeteten? Trotz Bibel und Gesangbuch würde er sich innerlich vereinsamt und verarmt vorkommen, weil er die Gemeinschaft der Christen entbehren muß, ohne die nun einmal ein Christ nicht leben kann. Wie viele aber, die nicht auf einer fernen Insel, sondern inmitten der Christenheit leben, ziehen sich a b s i c h t l i c h von aller christlichen Gemeinschaft zurück und meinen, das Kirchenjahr mit seinen heiligen Zeiten und seinen segensreichen Ordnungen entbehren zu können. Da ist es wichtig, sich einmal klarzumachen, welche B e d e u t u n g das Kirchenjahr für den e i n z e l n e n C h r i s t e n hat. Greifen wir als ein Beispiel einmal die hinter uns liegende A d v e n t s⸗ u n d W e i h n a c h t s z e i t heraus. Muß sich nicht, wie E. Haack in seinem feinen Büchlein „Die Kirche und ihr gottesdienstliches Leben“ sagt, auch ein halb erstorbenes Glaubensleben neu angeregt fühlen durch den erfrischenden Hauch, der die ernsten, sehnsuchtsvollen und doch so tröstlichen Adventslieder durchweht? Wird nicht jeder, der mit Ernst Christ sein will, gepackt durch den erwecklichen Ton der alten Adventsepistel: „Die Nacht ist vergangen, der Tag aber herbeigekommen; darum lasset uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichtes?“ Wir gedenken daran, wie jenes Pauluswort Röm. 13, 11—14 die Bekehrung des großen Kirchenlehrers Augustinus veranlaßte. Ist's nicht ein freudenreicher Klang für jedes Christenherz: „Siehe, dein König kommt zu dir — sanftmütig“? O wie manches verhärtete und erkaltete Menschenherz wird wieder weich und warm unter den sonnigen Adventserinnerungen aus den Tagen der Kindheit, um dann am hl. C h r i s t t a g mit der Gemeinde sich anbetend zu versenken in das Geheimnis der Menschwerdung unseres Erlösers! „Die Zeit ist erfüllt“ — das Heil ist da. Die nachfolgende E p i p h a n i e n z e i t deutet immer wieder hin auf das „Durchleuchten der göttlichen Herrlichkeit durch die menschliche Natur Christi“ (a. a. O.) Wer die P a s s i o n s z e i t m i t d e m K a r f r e i t a g und die O s t e r w o c h e n b i s H i m m e l f a h r t alljährlich erlebt, dem wird die Tatsache immer gewaltiger: „Gott versöhnte die Welt mit sich selber“; Jesus Christus, der Gekreuzigte und Auferstandene und zum Himmel Erhöhte, ist der gottgeschenkte, einzige M i t t l e r, in dem mir der Vater im Himmel alles schenkt! Pfingsten aber stellt den einzelnen ganz und gar hinein als gläubiges Glied in die große Gemeinschaft der Christenheit und bringt uns Luthers herrliche Erklärung des 3. Glaubensartikels in Erinnerung: „Der heilige Geist hat mich durch das Evangelium berufen, mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt und erhalten“. An Hand des Kirchenjahres wird der einzelne Christ durch die g a n z e H e i l s g e s c h i c h t e und an all den großen H e i l s t a t e n G o t t e s vorübergeführt und erlebt sie jedesmal innerlich wieder. Er wird aber auch an die A u f g a b e n u n s e r e s C h r i s t e n s t a n d e s erinnert. Das E p i p h a n i e n f e s t zeigt uns nicht nur jene heidnischen Weisen, die sich aus dem fernen Morgenland über Jerusalem nach Bethlehem hinfanden, sondern macht uns auch die Verpflichtung klar, das M i s s i o n s w e r k an unserem entchristlichten Volk und in aller Welt mit immer neuem Eifer zu treiben — nicht als Menschen —, sondern als G o t t e s S a c h e. Empfingen wir doch selbst die christliche Religion durch den Dienst der Heidenmission. Ein w e l t w e i t e r H o r i z o n t tut sich da vor dem Auge des Christen auf. „Seht, was der Herr für Wunder tut; er gibt seinen Boten Mut und Kraft den Wahrheitszeugen!“ Das R e f o r m a t i o n s f e s t befestigt uns in der persönlichen Heils- und Wahrheitsgewißheit. Darüber hinaus aber macht es uns freudig gewiß, daß ein Evangelium, das nach 1600 Jahren ganz neu erlebt worden ist, auch im 20. Jahrhundert wieder neu entdeckt werden und zu einer Erneuerung der Kirche führen kann, wenn es Gott gefällt. Hier abseits zu stehen und nicht mitarbeiten zu wollen, heißt das Pfund vergraben, das Gott gerade der ev.-Luth. Kirche anvertraut hat. Wie viel können wir da von unserem Reformator Dr. Martin Luther lernen! Er singt wohl laut und fröhlich von dem, was „Gott an ihm getan“, aber nur, um es der „lieben Christengemein“ zu sagen, damit auch sie es erlebe und weiter verbreite. Z u r L i e b e l e i t e t d a s K i r c h e n j a h r a n. Wie könnte es anders sein, wenn doch Jesus des Kirchenjahrs verborgenes, aber immer heller und wärmer hervorstrahlendes Licht ist? Am hl. Christfest ist es das Kind in der Krippe, in der Epiphanienzeit der Heidenheiland, in der Passionszeit die Martergestalt Christi, in der Osterzeit der auferstandene Herr der Herrlichkeit, zu Pfingsten der Geist der Gnade und des Gebetes, in der Trinitatiszeit die ganze Fülle des uns dargebotenen Evangeliums, wodurch die Bruder- und Nächstenliebe in uns entzündet werden kann. Welche Aufforderung, dem Mitchristen die Hand zur Vergebung hinzustrecken, ist der G r ü n d o n n e r s t a g und j e d e r A b e n d m a h l s g a n g für die, die von einem Brote essen und aus einem Kelche trinken! Von besonderer Bedeutung ist der Hilfsdienst, den das Kirchenjahr der Förderung christlicher E r k e n n t n i s leistet. Da lernt man die H a u p t t a t s a c h e n unseres christlichen Glaubens von den N e b e n s a c h e n z u u n t e r s c h e i d e n und bleibt vor der Gefahr bewahrt, den S e k t e n zu verfallen. So bildet der Sonntag den Mittel- und Angelpunkt des ganzen Kirchenjahres. Wer ihn dankbar inmitten der Gemeinde begeht, wird die Sabbathlehre der Adventisten sogleich als einen fundamentalen Irrtum erkennen. Wer an den letzten Sonntagen des Kirchenjahres mit der Gemeinde der W i e d e r k u n f t C h r i s t i gedenkt, wird nicht auf den Gedanken kommen, sich einer besonderen „Brautgemeinde Christi“ anzuschließen. Liegt doch dem ganzen Kirchenjahr die Idee des „Kommens Jesu“ zugrunde: Er kam in Niedrigkeit — Er kommt täglich zu uns in seinem Wort und Sakrament — er wird einst kommen in Herrlichkeit: „zum Fluch dem, der ihm flucht; mit Gnad und süßem Lichte dem, der ihn liebt und sucht“. Mit Recht hat man darum das Kirchenjahr einen „Regulator der christlichen Frömmigkeit“ genannt. Es erhält unser Glaubensleben g e s u n d und „bewahrt vor willkürlicher, krankhafter Betonung bestimmter Lieblingsvorstellungen, vor Verkümmerung des Glaubensinhaltes und Verengerung des geistlichen Horizontes“ (a. a. O.) Für uns lutherische Christen ist das Jahr der Kirche kein äußerlicher Zeremoniendienst, sondern lauter Innerlichkeit, lauter Evangelium. Laß dir, lieber Mitchrist, darum folgenden Rat geben: Stelle dich bewußt mitten hinein in die Lebensordnungen deiner Kirche und Gemeinde! Fehle nie ohne Grund in den auch für dich eingerichteten Predigt-, Lese-, Haupt- und Nebengottesdiensten! Komme nicht nur dann und wann einmal, wenn du gerade „ein Bedürfnis fühlst“ (das ist selbsterwählte Ichhaftigkeit)! Höre die Radiopredigt dann, wenn du krank oder wegen Alters ans Haus gebunden bist oder dich eine Pflicht daheim festhält (nie und nimmer will und kann sie den Gemeindegottesdienst ersetzen)! Führe nicht ein Sonderdasein für dich, sondern reihe dich ein in die Gott lobende und anbetende Gemeinde, und du wirst es e r f a h r e n, wie du zunimmst am inneren Menschen, wie vom Sonntag her dein Alltag gesegnet ist, wie Sorgen und Anfechtungen unter dem gläubigen Aufnehmen des Evangeliums weichen und die Vorfreude auf die Ewigkeit dich mehr und mehr erfüllt. „Lasset uns rechtschaffen sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken an dem, der das H a u p t i s t : C h r i s t u s.“ (Ephes.4, 15.16) J. Fritze