# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_December 1857_S383 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Kirchlich⸗Zeitgeschichtliches. 383 Juden getauft worden sind, im vorigen Jahre Seitens der berliner Gesellschaft 7, von der Londoner 100. Die Evangelische Allianz. Ueber dieselbe wurde u. A. auch in der berliner Pastoral⸗Conferenz am 10. Juni d. J. discutirt. Pastor Orth erklärte: „Die evangelische Allianz sei ihm einerseits zu eng, andererseits zu weit. Als Herzensverbrüderung der Kinder Gottes sei sie ihm zu engherzig. Es gebe nur Ein Kennzeichen der Kinder Gottes, Gott allein offenbar, das sei rechtschaffene Jesusliebe. Ob es denn nicht auch unter den Rationalisten (!) Kinder Gottes gebe, die Jesum lieb haben, ob es nicht erlaubt sei, einen so ehrwürdigen Mann, wie seiner Zeit Semler gewesen, dafür zu halten? Wie dürfe man da also solch einen Zaun von neun Pfählen aufrichten und uns von den Kindern Gottes unter den Rationalisten absperren? Als christlicher Verein aber, bestimmt in Mitten der Christenheit zu wirken, sei ihm die evangelische Allianz zu weit, sofern sie auch die Baptisten einschließe. Halte er auch die Baptisten, wie viele von ihnen Jesum lieb haben, für Kinder Gottes, so werde er doch von ihnen nicht einmal für einen Christen gehalten, denn er sei nicht getauft.“ Man sieht, wie die Union sich immer mehr als Confusion offenbart. — General⸗Superintendent Dr. Büchsel äußerte: „Die Furcht vor der römisch⸗katholischen Kirche werde ihn nicht in den evangelischen Bund treiben. In der Reformation sei es Ein Mann gewesen, der den Kampf gegen Rom bestanden; komme wieder ein solcher großer Entscheidungskampf, so werde Ein Mann auf den Knieen mehr ausrichten, als große Haufen Verbündeter.“ Auf der am 17. Juni d. J. in Wittenberg stattgehabten Versammlung von Abgeordneten der lutherischen Vereine in Preußen (innerhalb der Union) drückte man einstimmig die Ueberzeugung aus, daß es mit der Pflicht gegen die Kirche und das Bekenntniß der Wahrheit nicht vereinbar sei, wenn ein Bekenner der lutherischen Wahrheit an den Bestrebungen und Versammlungen des evangelischen Bundes sich betheiligen wollte. „Die Grund⸗Tendenz dieser erotischen Schlingpflanze sei ja nicht, Liebe zu pflegen zwischen Allen, die den Herrn Jesum lieb haben in allen Confessionen — diese Liebe finde man vielleicht nirgend lebendiger, als bei den exclusiven Lutheranern, — sondern alles gesunde confessionelle Gewächs zu erwürgen, alle concrete Gestalt zu zerstören, alle frische Farbe kirchlicher Individualität zu verblassen in ein Grau.“ Ein Correspondent des Luth. Observer meldet, daß Amerika durch circa 33 Personen bei der Alliance vertreten gewesen sei. Dr. Nast's Adresse habe große Sensation hervorgerufen. Im „Sächsischen Kirchen⸗ und Schulblatt“ schreibt ein gewesener Gast der Allianz unter dem 12. Sept.: „Die Versammlung der evangelischen Allianz habe ich bisher ziemlich regelmäßig mitgemacht, habe nun aber auch vollkommen genug davon. Sie erscheint mir als ein zweiter Thurm zu Babel, und wird, glaube ich, zur Strafe für die unberufenen Bauleute dasselbe Endergebniß liefern. Die Risse in der Christenheit, die sie ausflicken will, werden noch klaffender werden. Die Confessionellen werden sich nun von den Mitgliedern der Allianz noch weiter zurückziehen und umgekehrt. Aber auch die Engländer und Deutschen im Bunde werden schwerlich einander näher treten. Mir will es wenigstens scheinen, daß die practischen Engländer an den doctrinären deutschen Rhetorikern wenig Gefallen gefunden haben und nun enttäuscht in ihre Heimath zurückkehren werden. Endlich aber wird gewiß vielen Mitgliedern des Bundes wenigstens Ein Auge sich öffnen; denn so gar berauschend und bezaubernd wirkt die Versammlung nicht. Bis jetzt haben die Leute vom Morgen bis zum Abend immer dasselbe gesagt, bald in guter, bald in schlechter Form, bald mit gelehrten, bald mit ungelehrten Redensarten. Oft über dasselbe Speciel⸗Thema drei Reden! Man kann sich denken, wie interessant das wird, wenn die Herren nun auf ihren Vorredner und auf das, was er gesagt, gar keine Rücksicht nehmen und aus ihrem Concept und aus ihrem Kopfe kein Jota streichen wollen. Wenn ich aber an den Gegenstand aller dieser Reden denke, so fällt mir immer die alte allegorische Exegese der griechischen Väter ein, die als tieferen Sinn überall in der Schrift den erkennen wollten, daß eben die Schrift allegorisch ausgelegt werden müsse. Die Allianz ist ferner aus der Selbstbespiegelung noch nicht herausgekommen. Das wird auch den Mitgliedern so langweilig, daß gegen Ende der Sitzungen der Saal immer ganz leer wird.“