# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_December 1857_S359 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 359 (Aus dem sächs. Kirchen⸗ und Schulblatt von Prof. Dr. Luthardt.) Die kirchliche Entwickelung der letzten Jahrzehnte hat mehrere sehr deutlich erkennbare Stadien, die sie theils durchmessen hat, theils im Begriff ist zu durchmessen. Dem Rationalismus stellte sich zuerst der Pietismus entgegen. Er betonte die Gläubigkeit als individuelle, die Bekehrung, Wiedergeburt, Gotteskindschaft des einzelnen Subjects. Man suchte in der äußeren Kirche die Gläubigen, die Kinder Gottes auf, und schloß sich mit ihnen als besondere christliche Gemeinschaft innerhalb der äußeren Kirchen zusammen. Welchen Kirchennamen sie führten, darnach fragte man nicht: das war eine gleichgültige Sache. Wie es mit ihrer Lehre bestellt sei, darnach fragte man auch wenig, wenn sie nur Kinder Gottes seien. Jenes nun zwar war in der Ordnung, denn der Glaube ist des Einzelnen Sache, und ein Jeder muß in persönlicher Gemeinschaft mit Gott in Christo stehen und das Christenthum in ihm persönlichen Bestand gewinnen. So hat auch die Reformation begonnen: mit der Forderung persönlichen Heilsbesitzes und persönlicher Heilsgewißheit. Nicht so aber war das Andere in der Ordnung. Denn die Lehre ist die Selbstaussage des Thatbestandes des Heils in Christo. Sie ist deshalb sowohl Zeichen als Mittel richtigen oder unrichtigen Heilsbesitzes. Deshalb ist mit der Reformation mit jener Forderung gewissen Heilsbesitzes und persönlicher Heilsgewißheit sofort die andere Forderung richtiger Lehre verbunden, weil man erfahren, wie eben unrichtige Lehre den Heilsbesitz selbst verkehrt und die Heilsgewißheit geraubt hatte. Das nun ist die Einseitigkeit des Pietismus. Deshalb bringt er es wohl zu einem christlichen Subject — wiewohl nicht immer und nicht durch sein Verdienst zu einem gesunden — aber nicht zu einer Kirche.*) Indem er den Nachdruck auf die Gläubigkeit des Subjects aber nicht auf den inhaltlichen Glauben desselben legt, führte er nothwendig, weil zu Gleichgültigkeit gegen die objective Lehre, zu unirenden Bestrebungen, welche die Lehrunterschiede der Kirchen vergleichgültigen. Pietismus und Rationalismus im Bunde haben die Unionen gemacht. Noch jetzt stehen beide mit einander im Bunde auf dem Boden der Union, bis die mageren Kühe des Rationalismus die des Pietismus verschlungen haben werden. Der erste Schritt rückwärts, vom Rationalismus zum Pietismus zurück, trieb mit Nothwendigkeit zum zweiten: zur Reformation selbst, damit vom Glauben zum kirchlichen Bekenntniß. Die Union half mit, dazu zu drängen, indem sie den Gegensatz zu ihrer kirchlichen Verwaschenheit hervorrief. Theils nationale Beweggründe, theils religiöse Erkenntniß und die eigene Heilserfahrung führte zur Reformation Luthers und zum Bekenntniß der lutherischen Kirche, dem sich erst in neuerer Zeit das entschiedenere Betonen des reformirten Bekenntnisses an die Seite gestellt hat. Zumeist nur unter vielen Bedrängungen und Bedrückungen von Seiten der Kirchenregimente *) Recht verstanden, ganz wahr! L. u. W.