# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_November 1857_S338 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 338 Die kirchlichen Bewegungen in Bayern. die es daher auch in der Kirchenleitung zur Geltung zu bringen sich verpflichtet hält. Alle die einzelnen besonders angefochtenen Puncte, wie das neue Gesangbuch, die Gottesdienstordnung, Agendenkern und Katechismus, Beichtordnung, Kirchenzucht werden darin auf eine so überzeugende Weise besprochen, daß alle diejenigen, denen es um eine wirklich evangelische Belehrung zu thun war, falls sie etwa sich zuvor hatten beunruhigen lassen, nothwendig hätten zufriedengestellt und beruhigt werden müssen. Aber leider — und das characterisirt eben die ganze Bewegung — war es den Wenigsten unter den Theilnehmern um wirkliche Belehrung zu thun. Der Rationalismus ist überall, im Süden wie im Norden Deutschlands und außerhalb Deutschlands derselbe, die Theologie des natürlichen Menschen, der Beschränktheit der unerleuchteten Vernunft, die Alles verwirft, was sie nicht begreift. Leute dieser Richtung — und zu ihr gehören vornämlich in den Stadtgemeinden gar Viele, die nie das Wort Rationalismus ausgesprochen oder gehört haben — haben nicht nur kein Verlangen nach einer gründlichen aus Gottes Wort geschöpften, auf dem Bekenntniß der Kirche ruhenden Belehrung über Sachen des Glaubens, sondern sie sind ihr grundsätzlich oder instinktmäßig abhold. Ihnen war die Ansprache zu theologisch, zu tief, als daß sie sich mit ihr so leicht hätten befreunden können; zu lang — 22 Seiten in groß Octav gedruckt — als daß man von ihnen auch nur ein aufmerksames Durchlesen hätte erwarten können. Sie wurde daher auch verhältnißmäßig, wenn man aus der großen Zahl der Unterzeichner der Adresse einen Schluß auf das gesteigerte Interesse der Protestanten an den Angelegenheiten ihrer Kirche zu machen sich berechtigt hielt, nur wenig gekauft, am wenigsten gelesen und beherzigt von denen, von denen sie veranlaßt war, am meisten, fast ausschließlich von denen, welche keiner Beruhigung bedurften, weil sie durch die Maßnahmen des Oberconsistoriums nicht beunruhigt worden waren. Damit soll der Ansprache ihre gesegnete Wirkung auf Befestigung und Stärkung vieler wohlmeinender, aber doch noch schwankender und unsicherer Gemüther unter Geistlichen und Laien nicht in Abrede gestellt werden. Gewiß hat sie diese Wirkung vielfach gehabt, und auch bei uns konnte der Segen nicht ausbleiben, der für ernstere, aber in der Erkenntniß vielleicht weniger befestigte Seelen aus der durch den Widerspruch hervorgerufenen allseitigen Beleuchtung und tiefern Begründung der Wahrheit entspringt. Es ist dies ja im Grunde der einzige Weg, auf welchem ein echt evangelisches Kirchenregiment auch die heilsamsten Anordnungen zum Eigenthum der Kirche werden lassen kann. Aber auf die große Menge, die man in Bewegung gesetzt hatte, wirkte die Ansprache nicht. Es war daher, richtig verstanden, nicht unwahr, was bald nach dem Erscheinen der Ansprache in öffentlichen Blättern zu lesen war, daß durch dieselbe die Gemüther keineswegs beruhigt worden seien. Allerdings, diejenige Beruhigung, welche von rationalistischen, lichtfreundlichen Protestanten begehrt wurde, konnte diesen von einer Kirchenbehörde, die nicht Christum und sein Evangelium verleugnen wollte, nimmermehr zu Theil werden. Was dem Oberconsistorium zum Vor⸗