# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_November 1857_S332 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 332 Rationalistische Lebensversuche in Sachsen. heit zu tragen versteht und sich in Sprache und Ausdruck der Kirche anbequemt. Dies hat er in Sachsen ganz vorzüglich gethan, und wenn von Dr. Hase in Jena der Rationalismus vulgaris in den Streitschriften gegen Röhr mit leichter Mühe geächtet und dagegen der Rationalismus sublimis oder idealis zur Geltung gebracht werden konnte, so mußte er gerade in Sachsen aus dem angegebenen Grunde damit den meisten Anklang finden, indem eine große Anzahl Geistlicher sich selbstzufrieden sagte: „Nein, du bist kein vulgärer Rationalist, du gehörst dem idealen Rationalismus an, welcher endlich das Wesen des Christenthums hat und auf den doch das wahre Christenthum zurückkommt.“ — Der sächsische Rationalismus hat auch eine Sprache in der Predigt, daß man oft Kenner sein muß, um ihn da zu entdecken; dennoch bleibt er Rationalismus, indem er die kirchlichen Ausdrücke und Formen in einem ganz andern Sinne gebraucht, als die Kirche und dieselben unvermerkt ausleert, daß sie eben nichts weiter bedeuten als Begriffe, die die Vernunft allenfalls selbst erfinden und der eigne moralische Wille ins Werk setzen kann, durch die aber nebenbei der tiefere Gehalt der geoffenbarten Wahrheit in Wörtern, wie Buße, Glaube, Rechtfertigung, Wahrheit, Leben, Heil, Seligkeit beseitigt wird. Durch diese Kunst mit den Formen und Ausdrücken hat aber der Rationalismus in Sachsen desto festeren Fuß bei dem gebildeten Mittelstande gewonnen, welcher gegen den tiefen Ernst des Evangeliums von dem Sünderheilande entschiedenen Haß und Abscheu hat, dennoch aber den Schein des Christenthums gern behalten möchte und sich gern mit der Form begnügt, ohne die Sache zu besitzen. Es ist davon schon vorm Jahr die Rede gewesen, bei dem Bericht von dem Reichenbacher Gespenst und sonst. Ich komme jetzt nur darauf zurück, weil dieselbe regsame Partei der Deutschgesinnten von gewissen rationalistischen Geistlichen benutzt wird, um dem Rationalismus wieder aufzuhelfen und ihm sogar kirchliche Berechtigung zu verschaffen. Es war bereits so weit, daß in Sachsen fast kein Geistlicher mehr Rationalist heißen wollte, und die Fahne des Bekenntnisses war hoch erhoben, daß man die Worte „kirchlich“, „bekenntnißtreu“ u. dgl., fast allenthalben als ein Lob aussprechen hören konnte. Da ermannte sich aber eine Schaar zäher, unverbesserlicher alter Rationalisten von jüngeren Kräften unterstützt; sie besannen sich, daß der Rationalismus doch einst geherrscht habe, daß er dem Menschen doch so natürlich und sehr bequem sei; sie sahen in dem Advocaten⸗, Beamten⸗ und Kaufmannsstande, der hauptsächlich mit den Rittergutsbesitzern die Mitglieder für die zweite Kammer liefert, sehr gebildete und angemessene Bundesgenossen; sie fanden auch das Organ dieser Fraction, die sächsische Constitutionelle Zeitung, die in ihrem Sinne mit Geschick redigirt wird, sehr passend. Da mußten denn schon beim vorigen Landtage einzelne kirchlich gesinnte Geistliche wegen ihrer Amtstreue in Anklagestand versetzt werden, nachdem man bereits den Cultusminister ins Gedränge zu bringen und zur Verfolgung der wirklich bekenntnißtreuen Geistlichen fügsam zu machen versucht hatte; aber es wollte nicht recht gelingen, und es wurde dann der Landtag