# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_November 1857_S331 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Rationalistische Lebensversuche in Sachsen. 331 doch fest: die von Jena, welche man „Flacianer“ und „Fanatiker“ nannte und noch nennt, waren doch die Träger der geschichtlichen Wahrheit. Mag auch Flacius bei seinem Streite mit seinem Collegen Victorin Strigel in seiner Behauptung, daß die Erbsünde zum Wesen des Menschen gehöre, einen Irrthum ausgesprochen haben, so viel steht doch fest, daß er in seinem Kampfe gegen Melanchthons Synergismus (gute Werke gehörten zur Seligkeit) gegen dessen Hinneigung zu Calvins Irrthum beim Abendmahle und gegen die Schlaffheit in Betreff der Mitteldinge im Rechte war. Wie recht hat er auch mit seinen Freunden, wenn sie sich auf dem Wormser Colloquium so aussprachen: „Zum andern erklären wir uns selber und andern zur Warnung, daß man in causa confessionis (in Sachen des Bekenntnisses) nicht sehe auf menschliche, politische und höfische Weisheit, Autorität und anderes, sondern allein auf Gottes Wort, und zur Zeit der Verfolgung und Kreuzes die Confession also wohl geschehe, wie man in Friedenszeiten mit Mund und Feder gethan hat. — Zum vierten, daß die posteritas (Nachkommenschaft) gewarnt sei und sich in gleichem Falle wohl vorsehe, und nicht aus bösen Exempeln eine regulam mache zu ewigem Nachtheil und Schaden. Denn so man der guten Exempel mißbraucht, so ist leichtlich zu erachten, welchen Schaden böse Exempel bringen können, sonderlich in den Fällen, da die Confession ein sorgliches, schweres Kreuz mit sich bringt.“ — Welche „Sühne“ sollen denn nun jetzige lutherisch-confessionelle Theologen solcher „rabies jener Theologen“ nach obigen Worten leisten? Ist das nicht ein oberflächliches, unionistisches Geschwätz? Nur die Union weiß nicht festzuhalten an der Lehre der Väter, welche sie nicht zu würdigen versteht, darum baut sie ihnen „Gräber“, und bemüht sich, durch einen Schein ihr Einssein mit ihnen documentiren zu wollen. (Aus dem „Freimund.“) Rationalistische Lebensversuche in Sachsen. Man hat den Rationalismus schon öfter für überwunden und todt erklärt; auch in Sachsen hätte man ihn gern dafür gehalten, aber gerade in Sachsen hat er natürlicherweise das zäheste Leben, weil er hier nicht nur wie anderwärts als die Theologie des alten Menschen mit diesem immer wieder auftaucht, wo er einmal ersäuft zu sein schien, sondern weil er, wie öfter angedeutet, in Sachsen in einer honnetteren, feineren, mehr wissenschaftlichen Form als anderwärts auftrat, was wir wohl unserm seligen Oberhofprediger Reinhard zuzuschreiben haben, welcher den Geist der Wissenschaftlichkeit sehr rege zu erhalten wußte und der Geistlichkeit sein eignes reges Streben nach wahrer Bildung mittheilte, auch selbst das Beispiel der edelsten Form in seinen Leistungen gab. Der Rationalismus aber ist desto gefährlicher und fester, je mehr er mit Wissenschaft und edler Form ausgerüstet den Schein der Wahr⸗