# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_October 1857_S309 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Lutherisch⸗theologische Pfarrers⸗Bibliothek. 309 ein lutherischer Pfarrer hat jedoch das Bedürfniß, namentlich über Eine Epoche noch mehr zu erfahren, als alle diejenigen Werke geben, welche die Kirchengeschichte überhaupt beschreiben, nehmlich über die Epoche der Reformation. Hierüber haben wir denn auch ein Werk, welches jenem Bedürfniß vollkommen entspricht. Es ist folgendes: „Viti Ludovici a Seckendorf Commentarius historicus et apologeticus de Lutheranismo sive de Reformatione.“ Der Verfasser, Veit Ludwig von Seckendorf, zu Herzogenaurach bei Erlangen im Jahre 1626 geboren, war zwar kein Theolog seinem äußeren Berufe nach, sondern ein Jurist, als welcher er die wichtigsten Staatsämter bekleidete und namentlich längere Zeit, so zu sagen, Herzog Ernst des Frommen von Sachsen⸗Gotha rechte Hand in dessen Staatsverwaltung und in der Entwerfung und Ausführung der heilsamen Reformpläne jenes gottseligen weisen Fürsten in Staat und Kirche war; nichts desto weniger war aber Seckendorf in Absicht auf seinen inneren Beruf, seine Wissenschaft, seine Erfahrung und Erleuchtung wirklich ein Theolog, der wohl kaum irgend einem Theologen von Profession und seiner Zeit nachstand. Seine Gelehrsamkeit in den verschiedensten Zweigen menschlichen Wissens, namentlich außer der Rechtswissenschaft und Gottesgelahrtheit in der Geschichte, in der Staatenkunde, in der Mathematik und in der Sprachwissenschaft, war eminent. Hebräisch, griechisch, lateinisch, französisch, spanisch, italienisch, dänisch und schwedisch verstand er gründlich. Bei diesem allem aber war er ein wahrer, eifriger, demüthiger, einfältiger Christ im vollen Sinne des Wortes *). Man hat ihn, meinen wir, nicht mit Unrecht „omnium Nobilium christianissimus et omnium Christianorum nobilissimus“ genannt. Im Jahre 1682 zog er sich auf sein Gut Meuselwitz bei Altenburg von allen seinen öffentlichen Aemtern zurück, um hier namentlich der Verfertigung theologischer Schriften und gottseliger Meditation sich hinzugeben. Im Jahre 1691 mußte er jedoch noch einmal in die Oeffentlichkeit heraus. Churfürst Friedrich III. von Brandenburg berief ihn zu seinem Geheimrath und machte ihn kurz darauf zum Canzler der neugegründeten Universität Halle, wo er jedoch schon am 18. Decbr. 1692 sanft und selig entschlief. Die wichtigste Frucht seiner mehrjährigen Zurückgezogenheit ist sein „Commentarius de Lutheranismo.“ Zur Ausarbeitung desselben standen ihm die reichsten und seltensten Hilfsquellen zu Gebote. Aus den Archiven zu Weimar, Dresden, Gotha, Eisenach und Braunschweig erhielt er einen solchen Vorrath authentischer Urkunden, daß er zwei geräumige Zimmer nöthig hatte, dieselben zu herbergen. Er benutzte alles treulich und excerpirte mit beispiellosem Fleiß aus ganzen Wäldern von Folianten alles selbst und ließ auch das *) Um nur Einen Zug aus dem Leben Seckendorf's als Christen mitzutheilen, so erzählt Balth. Scharf, Seckendorf habe „bei Fürstlichen hochwichtigen Verrichtungen, die ganze Länder angegangen und ihm aufgetragen worden, nicht solche Bekümmerniß und Furcht gehabt, als da er auf sein Gut Meuselwitz einen Prediger berufen sollte, also, daß er auch die ganze Nacht vorher in Gebet und Thränen zugebracht.“