# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_September 1857_S279 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) „Zur Geschichte der neuesten Theologie.“ 279 Als zweite Reihe der neuen Orthodoxen nennt Schwarz die „berliner Orthodoxie“, die „Staatsreligion und Staatstheologie.“ „Die Anknüpfung für diese Richtung gab der Pietismus. Die Conventikel⸗ und Missionsanstalten waren es, in denen dies Geschlecht heranwuchs. So ist denn auch eine eigenthümliche Verbindung des Pietismus und der Orthodoxie das Characteristische der ganzen Art“, und wenigstens früher galt hier allgemein die Ansicht „von dem Pietismus als etwas durchaus Großem und Herrlichem, als einer Fortbildung der Reformation. Die Einseitigkeit der alten Orthodoxie sollte überwunden, der Reinheit der Lehre sollte die Innigkeit des Gemüthslebens, der objectiven Rechtgläubigkeit die subjective Gläubigkeit hinzugefügt werden. Die neue Orthodoxie ist, wenigstens in ihrem ersten Auftreten, so voll von Sündenbewußtsein und Sündengenuß, wie es nur der frühere Pietismus war. Freilich, und darin gerade offenbart sich diese Orthodoxie als die moderne, ist sie gar nicht so altgläubig, wie sie gern sein möchte. Sie ist vielmehr überall durchzogen von den Anschauungen und Gedanken der Gegenwart, sie ist angefressen von dem Gifte der Philosophie, welche sie bekämpft, und während sie sie im Innern verabscheut, schmückt sie sich mit den Formen ihrer Bildung. Und das gerade gibt ihr den pikanten Beigeschmack, darin liegt für sie die Möglichkeit, sich mitten in die neue Zeit hineinzustellen. Diese Rechtgläubigkeit trat im modischen Costüm einer sogenannten speculativen Weltanschauung auf.“ Nach dieser kurzen Characteristik der berliner Orthodoxie wendet sich Schwarz zu „ihrem sichtbaren Oberhaupte Hengstenberg.“ Dieses Portrait ist gewiß das schwierigste; es haben sich schon Manche daran versucht (zuletzt, meines Wissens, Adolf Müller: Hengstenberg und die Evangelische Kirchenzeitung. Ein Wort der Mahnung. Berlin, 1856.), aber nicht mit Glück; unserm Verfasser ist es wohl mehr gelungen. Er schließt es an jene Zeit der Prüfung an, welche den Bruch zwischen der Staatstheologie und dem Lutherthum hervorrief. „An der Spitze der Staatstheologie stand Hengstenberg. So geschickt er auch sonst zwischen den Klippen des berliner Fahrwassers hindurchzuschiffen verstand, hier scheiterte seine Klugheit; so sicher er sich auf dem glatten Boden der Staatstheologie bewegte, in diesem Unionskampfe strauchelte er, hier offenbarte sich, wie sehr er auf Fleisch und Blut, wie wenig er auf den Geist vertraute. Denn nun, da es darauf ankam, mit dem Bekenntniß und der Bekenntnißtreue Ernst zu machen, nun, da aller Augen auf den Führer der neuen Rechtgläubigkeit gerichtet waren, erklärte er in seiner Kirchenzeitung (Jahrgang 1835, Vorwort), daß die Differenz zwischen den beiden Confessionen in der Abendmahlslehre unwichtig sei, daß „„die Vermengung von Theologie und Glaube sich stets räche““, daß, „„wenn das Herz von Nebensachen voll, die Hauptsachen darin keinen Platz mehr finden““, daß, „„was Gott (in der Union) verbunden habe, nicht wieder geschieden werden dürfe.““ Er, der, in der reformirten Kirche geboren, ausdrücklich sich zur lutherischen bekehrt hatte; er, der den Unterschied des Wesentlichen und Unwesentlichen nie anerkannt, weil