# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_September 1857_S277 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) „Zur Geschichte der neuesten Theologie.“ 277 Wahrheit sahen, waren nicht allein berechtigt, sondern auch in ihrem Gewissen verpflichtet zu einem ernsten Protest gegen eine vom Staate beliebte Aenderung des Bekenntnißstandes, und endlich, wenn alles Protestiren erfolglos blieb, zur Separation von der Staatskirche“ — und natürlich noch mehr zur Verweigerung des Anschlusses an die zu einer andern Religion übergetretene Staatskirche. „Dennoch war die Zahl derjenigen, welche unter Friedrich Wilhelm III. sich in die Opposition stellten, nicht so groß, und Männer wie Scheibel, Guericke, sind hier in Ehren zu nennen als solche, welche der Wahrheit und nicht der Macht die Ehre gaben, welche unter Christenpflicht etwas Anderes als den unbedingten Gehorsam unter die Obrigkeit, eine heidnische Vergötterung der Staatsgewalt verstanden. Es war damals allerdings nicht so gefahrlos, die Fahne des Lutherthums zu erheben, wie heute. Es war damals das Lutherthum ein Martyrium, welches heute zu einem Modeartikel geworden; es wurde damals die Bekenntnißtreue mit Zurücksetzung jeder Art und mit Entsetzung bestraft, welche heute die fettesten Pfründen und höchsten Kirchenämter einträgt; es waren damals die strengen Bekenner den Machthabern unbequeme Starrköpfe, welche heute von ihnen aufgesucht und mit allen Ehren geschmückt werden; es schmolz damals die kleine Zahl der Treuen immer sichtbarer zusammen, während heute das von der Sonne der Staatsgewalt beschienene Geschlecht der jungen Lutheraner mitten aus dem Boden der unirten Kirche hoch aufschießt, so daß schon der jüngste Student der Theologie, von den Windeln der Wissenschaft her, wenn er sonst nur ein wenig von der Witterung versteht, sich zum unverfälschten Lutherthum bekennt. Damals, wie gesagt, war die Zeit der Prüfung, und sie war es, welche den Bruch zwischen der orthodoxen Staatstheologie und den Märtyrern des Lutherthums hervorrief.“ — Können wir mehr verlangen als dieses Zeugniß aus dem Munde eines eben so entschiedenen, als Recht, Wahrheit und Gewissen ehrenden Gegners? Klingt es nicht wie die anfangende Erfüllung von Proverb. 16, 7.? Getrost! den Aufrichtigen läßt es Gott immer gelingen. Die Nachwelt wird über uns ein anderes Urtheil fällen, als jene politischen Epicuräer, wissenschaftlichen Speichellecker, frommen Bauchsorger aus den dreißiger Jahren. Hüten wir nur, wie unsern Augapfel, die Grenzlinie zwischen uns und den „Neulutheranern!“ Veranlassung zur Verrückung der bereits historisch gewordenen Marksteine findet sich leider in der Gutmüthigkeit, Vergeßlichkeit, Leichtgläubigkeit und — Kleingläubigkeit auf unserer Seite fast eben so viel, als in dem aufdringlichen, großsprecherischen, scheinheiligen, „neulutherischen“ Treiben. Merken wir uns ja: die zur Zeit des „Martyriums“ an Luther's Seite stehen geblieben, und die jetzt auf „dem Boden der unirten Kirche“ sich keck an ihn drängen, sind nicht einerlei, sondern in jeder Hinsicht zweierlei Leute. Wenn wir das vergessen, so werden wir aus einer religiösen Verwirrung in die andere fallen und zuletzt von dem unerbittlichen Besen der Zeit in das allgemeine Rottenkehricht gefegt werden. Unser „Lutherthum“ ist ein „Martyrium“; das „junge“ ein