# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1847 01 26_S61 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) aller ſolcher Ceremonien auch keineswegs ſelbſt handle, ſondern dieſe ihre Lehre vielmehr durch die That beſtätige, wenn ſie unter gewiſ— ſen Umſtänden einige Ceremonien dennoch ent— ſchieden verworfen, andere dennoch entſchieden feſtgehalten hat. Es fragt ſich nun: Hat die alte lutheriſche Kirche zwar eine andere Lehre von den Cere— monien, als die römiſche, zeigt ſie aber etwa dadurch, daß gerade ſie der römiſchen näher ſtehe, als die anderen proteſtantiſchen Benen— nungen, daß ſie wider Gottes Wort ſtreitende oder doch echt papiſtiſche Ceremonien beibehal⸗— ten hat? Der wunderbare Zionswächter in Baltimore, Herr Weyl, behauptet es; er ſchreibt: „Ein dreifaches Kreuz über das ge— taufte Kind zu machen,*) Errichtung eines Crucifixes in der Kirche und das Brennen von Wachskerzen auf dem Altare beim hellen Tage zur Abendmaͤhlszeit ꝛc. ꝛc., riecht das nicht nach Rom?“ Wir gehen nun zur Beleuchtung dieſes Punctes über, indem wir die Ceremonien dem Leſer einzeln vorführen, welche die lutheriſche Kirche aus der römiſchen mit herüber genom— men hat, und unterſuchen, ob die eine oder an⸗ dere wirklich gegen Gottes Wort ſtreite oder doch ein päbſtliches Ueberbleibſel genannt wer— den könne. Wir machen den Anfang mit de— nen, welche Herr Weyl angeführt hat, weil wir annehmen müſſen, daß gerade dieſe den größten Anſtoß erregen. Die erſte papiſtiſch ſein ſollende Ceremonie unſerer Kirche iſt die von ihr in vielen Fällen gebrauchte Bezeichnung mit dem Zeichen des heiligen Creuzes. Wohl iſts nun wahr, daß dieſe Ceremonien in unſerer Zeit, in welcher ſich ſelbſt die Diener der Kirche des gekreuzigten Gottesſohnes ſchämen, ſo ſelten geworden iſt, daß ſelbſt einfältige redliche Chri— ſten, die dieſelbe faſt nur noch bei den Katholi— ken antreffen, auf die Gedanken kommen, daß ſie ein Abzeichen der Vaſallen des Pabſtes ſei. Aber wir fragen, kann es wohl eine unſchuldi⸗ gere Ceremonie geben, die dabei eine, jeder— mann ſo deutlich in die Augen fallende liebliche Bedeutung hat, als dieſe? Geſetzt, dieſe Cere— monie wäre erſt nach dem Aufkommen des Pabſtthums üblich geworden, müßte ſie dann nicht jeder eine ſehr liebliche und erbauliche Ceremonie nennen, der an den gekreuzigten Heiland glaubt, ihn liebt und ſich daher gern an ihn erinnern läßt? Aber wer nur ein wenig mit der Geſchichte der urchriſtlichen Kirche ver— traut iſt, wird wiſſen, daß dieſe ſchöne beden⸗ tungsvolle Ceremonie uralt und lange vor dem Aufkommen des Pabſtthums, ja noch in der Zeit der erſten Liebe der Chriſten im Gebrauch geweſen ſei, in einer Zeit, in welcher noch Hunderttauſende für den Gekreu— zigten als Märtyrer ſtarben. Schon der erſte Kirchenlehrer nach den apoſtoliſchen Vätern, Juſtinus der Märtyrer, thut dieſes chriſtli— chen Gebrauchs Erwähnung in ſeiner zweiten *) Die Worte von einer Anrufung der Maria, welche Herr Weyl hierbei einfließen läßt, laſſen wir weg, da wir die damit ausgeſprochene ſchmähliche Lüge bereits in No. 5 abgefertigt haben. 61 Vertheidigungsſchrift, und zur Zeit des Kir— chenvaters Tertullian, der im Jahre 160 geboren wurde, war die Bezeichnung mit dem heiligen Creuze unter den Chriſten bereits ſo allgemein, daß derſelbe ſchreiben konnte: „Zu jedem Tritt und Schritt, zu jedem Eingang und Ausgang, zum Anziehen der Kleider und Schuhe, zum Waſchen, zum Speiſen, zum Lichtanzünden, zum Niederlegen und Setzen, kurz zu allen unſern täglichen Geſchäften, be— zeichnen wir die Stirn mit dem Zeichen des Creuzes.“ (Lib. de corona militis c. III.) Derſelbe Tertullian ſchreibt, indem er die Tauf— ceremonien deutet, unter anderen: „Das Fleiſch wird bezeichnet (mit dem Creuz), damit die Seele beſchirmt werde.“ (De resurr. carnis. cap. 8.) Hieraus erſehen wir, daß man ſich ſchon zu Tertullians Zeit des Creuzeszeichens nicht nur im gemeinen Leben, ſondern auch in der Kirche bediente. Und zwar verband man damals noch durchaus nicht die abergläubiſche Meinung, daß in dem Creuzeszeichen ſelbſt eine beſondere magiſche Kraft liege, wie ſpäter im Pabſtthum gelehrt worden iſt und noch gelehrt wird.*) Auf den Vorwurf, welchen die Heiden den Chriſten damals machten, daß ſie das Crenz verehrten, antwortete ihnen daher Ter⸗ tullian: „Wer auch unter euch meint, daß wir das Creuz anbeten, der wird gleiches Heilig— thum mit uns haben. Holz iſt Holz; die Fi⸗ gur macht den Unterſchied nicht aus.“ (Apologet. c. 16.) Was ſoll man nun hiernach dazu ſagen, daß jetzt ſelbſt lutheriſche Prediger und Zeitungsſchreiber die Bezeichnung mit dem Creuze als etwas Papiſtiſches verdächtigen? Wird dadurch nicht die allerunſchuldigſte Sache und ein liebliches einfaches Zeichen der Erin⸗ nerung an den gekreuzigten Heiland zu einem Greuel geſtempelt? Werden dadurch nicht die Chriſten in der beſten Zeit des Chriſtenthums ſammt vielen Tauſenden heiliger Märtyrer zu abergläubiſchen Papiſten gemacht? Hatte die lutheriſche Kirche, wie das kein Vernünftiger leugnet, das Recht, unſchuldige Ceremonien beizubehalten, die in der chriſtlichen Kirche auch unter der Herrſchaft des Pabſtthums noch aus alter guter Zeit geblieben waren, durfte ſie da das Zeichen des Creuzes ab— thun, dieſes ſchönſte unter allen Symbolen, das ein Gläubiger nur haben kann? — Ja, ſpricht Herr Weyl, „die Zeit der Kinderſpiele iſt vorbei und die Anbetung Gottes im Geiſte und in der Wahrheit uns verordnet.“ Wir antworten: Wir beneiden dieſen Mann um ſolche kindiſche und lächerliche Gedanken von Mündigkeit und Geiſt wahrlich nicht; ja wir können vielmehr den nur als einen unſeligen Menſchen bedauern, der ſich nach ſeiner eigenen Erklärung der kind— *) In dem von allen Katholiken ſo hoch gehaltenen Kate- chismus des Jeſuiten Caniſius heißt es: „Wozu nützt das Zeichen des Kreuzes? Antwort: Hauptſächlich die böſen Gei⸗ ſter zu vertreiben und ihre Gewalt, Anläufe und teufliſchen Künſte zu zerſtören.“ Hiermit vergleiche man Eph. 6, 16. — Die Katholiken werden ſagen: Reden nicht auch Kirchenväter ſo vom Creuz? Wir antworten: Hier gilt 1 Theſſ. 5, 21. Die Bibel iſt nicht nach den Kirchenvätern zu corrigiren, ſon⸗ dern die Kirchenväter nach der Bibel. Uebrigeus iſt es auch eine andere Sache, wenn die Kirchenväter von ciner Sache in kühnen redneriſchen Figuren ſprechen und wenn man nun aus ſolchen Figuren neue Lehren ſchmiedet. — lichen Chriſteneinfalt ſchämt, (Vgl. Matth. 18, 3.) Ein anderer ſpricht aber vielleicht: Hätte die lutheriſche Kirche nicht das Creuzmachen abſchaffen ſollen, da von den Papiſten damit ſo viel Aberglauben getrieben wird? Wir ant⸗ worten: Der Mißbrauch hebt den rechten Ge⸗ brauch nicht auf. Eine wahre Reformation iſt nicht eine Abſchaffung aller vorhandenen Gebräuche, ſondern ein Reinigen der guten vom Mißbrauch und falſchen Zuſatz nach des Apoſtels Regel: „Prüfet alles und das Gute behaltet!“ ſchafft nicht ab, ſondern — „behal⸗ tet.“ Warum aber die lutheriſche Kirche gerade jene Bezeichnung behalten habe, darüber wol— len wir den großen lutheriſchen Theologen Johann Gerhard reden laſſen. Der⸗ ſelbe ſchreibt alſo: „Man formirt das Zeichen des Creuzes auf der Stirn und Bruſt des (zu taufenden) Kindes; dis geſchieht nicht aus Aberglauben oder um ſeiner vermeintlichen übernatürlichen Kraft willen, ſondern dies ſoll bezengen, daß das getaufte Kind allein durch das Verdienſt des gekreu⸗ zigten Chriſtus zu Gnaden angenom⸗ men und zum ewigen Leben wiedergeboren werde; es erinnert auch daran, daß das Kind in die Zahl derjenigen aufgenommen werde, die an den gekreuzigten Chriſtus glauben, daß der alte Adam in demſelben durch die Taufe gekreu⸗ zigt werden müſſe, Röm. 6, 6., und daß daſſelbe in dieſem Leben dem Creu e unterworfen ſein werde. Nach 1 Moſ. 48, 14. formirt der Patriarch Jacob, indem er die Hände über einander ſchlägt und ſie ſo ſeinen Enkeln Ephraim und Manaſſe auflegt, gleichſam ein Creuz und erinnert ſie des Creuzes Chriſti. Hieher rechnen auch einige Alte das Zeichen an den Stirnen der Knechte Gottes Ezech. 9, 4. Offenb. 7, 3. Chriſtus der gekreuzigte war einſt den Heiden eine Thorheit 1 Cor. 1, 23. Daher ſie die Chriſten zum Spott Crenzvereh— rer (crucicolas) nannten, wie Tertullian be⸗ zeugt; die Chriſten bezeichneten ſich daher, um zu zeigen, daß ſie ſich des Creuzes Chriſti nicht ſchämten, mit demſelben mitten auf der Stirn. Cyrill von Jeruſalem ſchreibt (Catech. 13.): „„Schäme dich ſeines Creuzes nicht. Willſt du darüber mit den Ungläubigen disputiren, ſo mache nur zuvor mit der Hand das Zeichen des Creuzes .. Es iſt das Zeichen der Gläubi⸗ gen .. ) Verleugne den Gekreuzigten nicht, oder es wird die ganze Menge von Zeugen ſeines Creuzes und ſeiner Leiden wider dich anftreten, bis auf die Felſen, welche beim Tode JEſu, wie man noch ſieht, geſpalten ſind.““ Auguſtin†) ſchreibt (Serm. 8. de verb. Dom.) „„Die Weiſen dieſer Welt verſpotten uns wegen des Creuzes Chriſti und ſagen: was für ein Herz habt ihr, die ihr einen gekreu— zigten Gott verehret? Man mache das Creuz auf der Stirn, wo der Sitz des Schämens *) Bekannt iſt von Felir und Narciſſus, daß dieſe von ih⸗ rem heidniſchen Wirth daran als Chriſten erkannt wurden, daß ſie ſich, ſo oft die Stundenuhr das Zeichen gab, mit dem Zei⸗ chen des Creuzes bezeichnet hatten. 1) Dieſer Kirchenvater rühmt es in ſeinen „Bekenniniſſen“ (B. 1. C. 11) vor Gott, daß ihn ſeine fromme Mutter Monica, da er noch ein Säugling geweſen ſei, mit dem Zei⸗ chen des Creuzes eingeſegnet habe.