# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_Juni 1857_S189 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Gegenwart und Aussicht der ev.⸗luth. Landeskirchen in Deutschland. 189 war sonst eine andere als jetzt. Im alten, absoluten Staat fiel Staatsregiment und Kirchenregiment in eins zusammen, und wie es im allgemeinen galt: cujus regio, ejus religio (der Herr über das Land ist auch Herr über den Glauben), so galt des Regenten Gebot in Kirchen- wie in Staatssachen, und wie es verordnet war, so mußte es geschehen. Daher war denn auch Kirchenzucht nichts anderes, als weltliche Polizei in kirchlichen Sachen. Im modernen Staat ists ganz anders. Da ist Staats- und Kirchenregiment halb getrennt; aber eben nur halb, und alle Halbheit ist vom Uebel. Der moderne Staat muß mit der Majorität gehen, oder die Majorität wenigstens mit ihm; darin hat er seine Stärke; die Kirche aber hat ihre Stärke nimmermehr in der Majorität, sondern in der Einmüthigkeit und Einhelligkeit des Glaubens und Bekenntnisses; was nicht am Bekenntniß hält und zum Bekenntniß stimmt, das gehört nicht zu ihr, das thut sie (nachdem die Versuche zu bessern vergeblich gewesen) von sich, und wären ihrer noch eine so große Masse; solche Reinigung schwächt sie nicht, sondern stärkt sie. Aber dem Staat, weil er das Kirchenregiment wenigstens noch halb in Händen hat, wird darüber bange; sein Streben geht dahin, alles bei einander zu halten und äußerlichen Frieden herzustellen, koste es, was es wolle. Darum beschränkt und hemmt er die Bewegung der Kirche, sich zu reinigen, und unterdrückt die Krisis, schwächt dadurch die Kirche; indem er sich so selbst stärken will, untergräbt er sich eben damit eine Hauptstütze. Wo er aber der Kirche freie Bewegung gestattete, sich nach innen zu reinigen und von innen heraus sich auch äußerlich zu bauen und ihren Bedürfnissen gemäß frei zu gestalten; so würde sie dadurch in sich immer kräftiger und einiger werden und eben dadurch eine um so kräftigere Stütze für den Staat. Ist es schon bei allen andern irdischen Ordnungen und Einrichtungen eine alte Erfahrung, daß alles auf die Personen ankomme, die bestellt sind, sie zu handhaben und zu leiten, und auf das Vertrauen, das sie genießen, wenn auch die besten Plane nicht fruchtlos bleiben sollen; so ist das noch vielmehr der Fall bei der Kirche, wo alles auf Glauben und Vertrauen steht, von unten bis oben und von oben bis unten. Darum liegt alles daran, daß die Kirche Freiheit der Bewegung auch nach innen habe, Freiheit, die Aemter, die niedern wie die höhern, nach den mancherlei Gaben einerseits und den mancherlei Bedürfnissen andererseits, nicht aber nach einer Art Zahlenlotterie zu besetzen. Dazu gehört aber genaue Bekanntschaft mit den Bedürfnissen der einzelnen Gemeinden, sowie genaue Bekanntschaft mit den Gaben und Characteren derer, die berufen werden sollen; und dazu gehört wiederum ein beständiger und persönlicher Wechselverkehr zwischen denen, die im Regimente sitzen, und den Gemeinden selber. Auf bürocratischem Wege geht das nimmermehr; wie und ob es noch in den Landeskirchen zu erlangen, das weiß Gott; helf Er, der Barmherzige, in Gnaden dazu; denn so wie es ist und steht, kann es nicht mehr lange dauern, das ist mir gewiß.