# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1847 01 05_S55 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) in ungezweifeltem Vertrauen, der ewig treue Gott werde ſchon zu ſeiner Stunde überſchwäng— lich ſeine Wunderhülfe uns erweiſen. Je mehr wir beteten, je größerer Eifer war bei ihm zu ſpüren. Weil nun mein Fleiſch und Blut in dieſem hochwichtigen Werke ſehr entgegen war und ich keinem Menſchen mein Unglück klagen und ihn um Rath fragen durfte, ſo nahm ich meine ganze Zuflucht zu Gottes Wort, und nahm mir vor, das zu tbun, was es mich lehren würde.x*) Da fand ich nun Matth. 18. und Marc. 10. meines HErrn ausdrücklichen Befehl fortzuge⸗ hen. Darüber gerieth ich aber in ſolche Angſt, daß ich vielmehr dachté: das kannſt du unmög— lich ausſtehn! und dennoch überzeugte mich mein Gewiſſen, daß ich verbunden ſei, bei Verluſt meiner Seligkeit, meine Kinder zu retten. Doch da die Noth an Mann trat, und kein anderes Mittel war, als alles ſtehen und liegen zu laſſen, ſo half mir Gott, ſolche glück— lich überwinden. Aber meinen Mann zu ver⸗ laſſen, däuchte mir unerträglich zu ſein; dazu konnte ich mich auch unmöglich entſchließen. Aber mein ewig treuer Gott wirkte deſto kräf— tiger in meinen Kindern; die mußten meine Treiber ſein, indem ſie mir täglich aufs beweglichſte zuredeten und auf Gott zu trauen mich ermahnten, dem ja alles möglich wäre. Was nun dies für ein harter Kampf geweſen, iſt nicht mit menſchlicher Zunge auszuſprechen. Ueberdies mußte ich alle Angſt verbergen und ſo geheim halten, daß mein lieber Mann nichts merkte. In ſolcher Schmerzens-Angſt bat ich ſehr, mein lieber Mann möchte Schreibendorf ver— kaufen, und ſich in Sachſen niederlaſſen, weil wir ſo ſehr wegen der Mädchen verfolgt wür— den. Allein ſchlechter Troſt; denn er nahm dies ſehr übel und ſagte: „Ich merke wohl, hierdurch ſollen die Söhne auch von meiner Religion gewieſen werden. Wenn ich das wüßte, wollte ich meine Gedanken auch ändern.“ Ja er drohte auch oft den Mädchen, er wolle ſie ins Kloſter ſtecken, denn es wäre ihm nur um ein Wort zu thun. Da ich nun keinen andern Rath ſah und wußte, wenn ich nach dem Gebote meines Got— tes Gott über alles lieben wollte, als in das Exil zu gehen, ſo fragte ich die Kinder alle, welche zum Theil ſchon groß wa— ren, ob ſie mit fortgehen und all ihr Hab und Gut verlaſſen wollten, oder ob ſie wollten katho— liſch werden? Denn anders könnte ihr Bruder nicht gerettet werden. Da war alles, groß und klein, willig zu gehen, im herzlichen Ver— trauen, Gott würde uns nicht laſſen. Auch tröſtete mich das kleine Mädchen, welches drei Jahre alt war: „Gott würde den lieben Vater nachbringen; Gott ſolle ſie behüten vorm Ka— tholiſchwerden!“ Dieſes alles überzeugte mich, daß es ein Werk des großen Gottes wäre: aber meinen ) So iſt es recht. Und will ich alles thun, was Gottes Wort mich lehret, ſo mag ich auch meine ganze Zuflucht zu Gottes Wort nehmen und gewiß ſein, daß mich Golt nicht verlaſſen kann: denn er kann ſein Wort nicht unerfüllt laſſen. 5⁵ lieben Mann zu verlaſſen, darein konnte ich mich nicht finden, denn ich dachte, ich bräche dadurch den ehelichen Eid der Treue; beſon— ders, wenn ich bedachte das Eleud, worein er durch meine Flucht würde geſetzt werden. So entſchloß ich mich durch die Gnade Gottes, die Kinder alle fortzuſchicken, und ich wollte blei— ben, es gehe mir wie es wolle; Gott würde mir alles helfen ausſtehen. Es waren alſo alle unſere Reden und Gedanken, wenn wir allein waren, von der Flucht. Es baten mich aber die Kinder gar beweglich, mit ihnen zu gehen und ſie an einen ſichern Ort zu bringen, ich könnte ja wieder zurückgehen. Nun fürchtete ich mich auch ſehr vor des lieben Herrn erſtem Eifer; alſo ſchrie ich brünſtig zu meinem Gott um ſeine Regierung und Führung. Den 12. Mai reiſte mein lieber Mann nach Lauterbach und wollte in 2 Tagen wiederkom— men. Da ſagten die Kinder: „Nun, liebe Mutter, jetzt waͤre Zeit zu fliehen.“ Ich ſah mich aber nicht ſicher, und auch zu eilig, doch machte ich mich, ſoviel möglich, fertig. Den 16. ſchrieb der liebe Mann, ich ſollte ihn abho— len. So bin ich den 17. zu ihm gefahren, im herzlichen Vertrauen, mein Gott werde mir weiſen, was ich thun ſoll. Da haben mich die Kinder herzlich gebeten, ich ſollte ſehen, daß der liebe Vater drunten bliebe, und alsdann die Flucht mit ihnen beſchleunigen; was mir aber zu geſchwinde däuchte. Allein das bewegliche Reden der Kinder, beſonders des Sohnes, machten mir viel Nachdenken und ſchlafloſe Nächte. Den 18. gefiel es meinem lieben Manne dort zu bleiben, er wollte den andern Tag mit nach Hauſe. Weil ich nun ohne allen menſch— lichen Rath und Hülfe war, ſo wandte ich mich einzig und allein zu meinem IESu, fiel den— ſelben Abend oft auf meine Kniee, betete herz⸗ lich zu meinem Gott, er wolle mir helfen und mich ſeinen Willen erkennen laſſen; Er wüßte ja, daß ich ein ſchwaches Weib ſei und viel zu unverſtändig, dieſes, welches ſein Werk ſei, zu vollbringen; ſo wolle er meine Gedanken nach ſeinem Willen lenken. Beſonders bat ich mei— nen Gott, wofern die Gefahr groß wäre, daß ich zu eilen nöthig hätte, ſo ſollte Gott dem Satan nicht geſtatten, dies Vorhaben zu hin— dern, und meinem lieben Mann gebieten, drun⸗— ten zu bleiben: wenn ich aber noch warten könnte, um mein Zeitliches beſſer einzurichten, ſo wollte ich ſo herzlich gerne die Pfingſtferien bleiben: und dies ſollte mir das Zeichen ſein, den Willen meines Gottes zu erkennen. Ach, HErr, zürne nicht, daß ich einen ſo merklichen Befehl von dir bitte! Ich legte mich alſo mit dieſem Entſchluß zu Bette, daß, wenn mein lieber Mann dabliebe, mich der HErr mit Abraham gehen hieße; ginge er aber mit nach Hauſe, ſo ſollte ich noch warten. Ich ruhte wohl bis früh. Als es begann Tag zu wer— den, da träumt mir den 19., ich ſei zu Schrei⸗ bendorf in meiner Stube; da käme der Pater Walter, Pfaffe zu Schönau, mit zwei andern mir unbekannten Pfaffen, brächte einen Befehl vom königlichen Amte, meine Kinder abzuholen; ich widerſetzte mich ſehr, aber ſie ſpotteten meiner. Ich rief meinen lieben Mann, er ſollte mir helfen, aber der ſchlief und konnte mir nicht helfen. Als ich in dieſer Angſt er— wachte, ſagte ich: „Ach mein Gott, nun heißeſt du mich gehen; ach, laß es mich doch noch deutlicher merken!“ ich weckte meinen lieben Mann und ſagte ihm, es ſei Zeit nach Hauſe. Uud ſiehe da, mein lieber Mann hatte Luſt drunten zu bleiben, wenn er nichts verſäume; er überlegte es bei ſich und beſchloß dann, drunten zu bleiben; ich aber ſollte nach Hauſe fahren und den 24. wiederkommen, die Ver— mögens-Steuer in Jauer abzuholen, und allda die Ferien zu halten.) Da ging mir recht ein Schwert durch mein Herz, weil mich nun mein Gott abermals mit meinen Kindern aus meinem Vaterlande gehen hieß. Ich tröſtete mich wohl der göttlichen Vorſorge, wie er Matth. 6, 33. 34. verheißen. Dies iſt mein Grund. Denn der Held in Iſrael lügt nicht. Der keinen verlaſſen, der ihm ver— traut, wird an mir nicht den Anfang machen; Er iſt getreu. Doch ſchien es Fleiſch und Blut unmöglich, zumal da mein lieber Mann mir ſagte, ihm wäre ſo angſt; es ahnete ihm, daß zu Hauſe was Großes würde vorgehen, ich ſollte befehlen, alles wohl in Acht zu nehmen. Da konnte ich mich nicht halten, ſondern um— halſte ihn mit vielen Thränen. Darüber be— ſtürzt, fragte er mich, was mir ſei? er hätte mich im Schlafe ſo ächzen und weinen hören. Ich ſagte, ein böſer Traum hätte mich ſo beun— ruhigt. Damit nahm ich herzlichen Abſchied von ihm. Kaum bin ich vors Thor gefahren, ſo kommt mir der liebe Mann nach, und da ich zu ihm gehe und frage, was er noch zu befehlen habe, ſo ſagt er mir: „Ach, komme auch Donnerstags gewiß herunter und befiehl, die Kinder wohl in Acht zu nehmen!“ Da hätte ich vor ſchmerz⸗ lichem Weh zerſpringen mögen. Ich bitte ihn herzlich, er wolle ſich keine Sorge machen: Gott würde für die Kinder ſorgen. Und ſo faͤhre ich nach Hauſe mit vielen Herzensthränen ohne Aufhören bis in mein Haus; und weil die Angſt und Weh ſo groß war, ſeufzte ich: Mein Gott, hilf mir doch kämpfen! Ja, ich fiel auf mein Angeſicht, und ſchrie herzlich zu Gott, er ſolle helfen ringen und mein böſes Fleiſch und Blut zwingen. Weil er den Willen gegeben, ſo müßte er auch das Vollbringen wirken. Das hat der grundgütige Gott auch gethan, indem er mir eine Decke vor meinen Verſtand hing, daß ich nicht bedenken konnte, daß ich nicht wie⸗ der nach Schleſien dürfte. Ich blieb alſo bei meinem Vorſatze, die Kinder in Sicherheit zu bringen und wieder nach Hauſe zurückzukehren. Als ich allein zu Hauſe kam, ſagten die Kin— der: „Nun, Frau Mutter, es iſt Zeit!“ Aber es däuchte mir viel zu geſchwinde zu ſein, zu— mal da es mir aller Orten, wo ich aus meiner Wirthſchaft hatte Geld bekommen ſollen, fehl ging; ich ſollte mich gedulden bis nach den Feiertagen, da ſollte ich es richtig haben. Ich konnte alſo von meinem ganzen Vermögen nicht mehr als 17 Sgl. haben, und ſollte mit 1) So that Gott, was ſie bat; gab ihr das verlangte Zeichen und kam ihrer Schwachheit zu Hülfe.