# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1847 01 05_S54 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) Kinder ſchon geben, ich ſollte nur nicht ſorgen; unmöglich könnte ich die Kinder erhalten; ich wäre kindiſch, daß ich mich ſo grämte; was nicht zu ändern wäre, müßte man Gott befeh⸗ len; warum hätte ich einen katholiſchen Mann genommen? *) In dieſer Seelennoth ſchrieen wir herzlich zu Gott und tröſteten uns ſeiner Verheißung, glaubten auch ungezweifelt, Gott müßte uns helfen, ſeufzten auch herzlich, Gott wolle uns warnen, wenn die Gefahr größer würde; haben auch fleihig die Bibel und Arndts wahres Chriſtenthum, das wir hatten, geleſen. Denn „Anfechtung lehrt aufs Wort merken“ und treibt zum Gebet. Weil ich aber nur immer für die Töchter geſtritten, die Söhne aber ganz willig dahin gegeben hatte, ſo wurde ich hierbei auch inne, wie ich das größte Unrecht thue, die letzteren ohne alle Warnung ſo zu einer irrigen Religion treten zu laſſen. Dies nagte mich Tag und Nacht, daß ich mich gedrungen fühlte, meine Geiſtlichen um Rath zu fragen, die mich aber mehr tröſteten als ſagen durften, was ſie dach— ten, weil ſie gar zu ſehr in jener Zeit gebunden waren und behutſam gehen mußten. Gott ſtehe ihnen bei! Unterdeſſen hielt ich meinen älteſten Sohn Anton Adrian von Reibnitz für katholiſch ge— ſinnt, nahm mich auch ſehr vor ihm in Acht, um nicht verrathen zu werden, worüber er, als er es merkte, etlichemale ſehr geweint und ge— klagt hat: „Ach, mein Gott, erbarme dich mein auch! Wenn ich doch auch wüßte, wie ich ſollte ſelig werden!“ ) Solche Worte habe ich wohl mit ſehr ſchmerzlichem Seufzen aus ſeinem Munde gehört, da ich aber in dem gottloſen Wahne ſtand, er müßte einmal katholiſch wer⸗ den, ſo wollte ich ihn nicht turbiren und ließ ihn, wie ich es jetzt wohl erkenne, ganz un— chriſtlich ohne Vermahnung und Unterricht hingehen. Auch war die Furcht und Liebe zu meinem lieben Mann gar zu groß, was ich zu meiner Schande nicht verbergen will. So böſe iſt der Rath von unſerm Fleiſch und Blut. Nun hatte ich ſchon längſt ein großes Ver⸗ laͤngen, den wegen ſeines großen Eifers ſo bekannten Herrn Schwedler einmal zu hören, ich ward aber immer verhindert. Der liebe Gott ſchickte es aber, daß mein lieber Mann mir erlaubte, an Oſtern nach Nieder⸗— wieſe P) zu ihm nach der Kirche zu fahren. Da mußte Herr M. Schwedler am Oſtermontag in ſeiner Predigt ſagen: „Bedenket, wie einer Mutter, die eine chriſtliche Ader hat, würde ums Herz ſein, wenn man ihr Kind aus ihren Armen reißen und auf eine irrige Religion zie— hen wollte!“ Dieſe Worte haben mir mein Herz zerſpringen mögen, und ich habe mit viel Thrä— nen Gott gebeten, mich arme gekränkte Mutter nicht zu laſſen. Ich entſchloß mich, mit dieſem gottſeligen Prieſter mündlich zu ſprechen, ſollte ich auch noch ſo lange auf Gelegenheit warten *) So redet der Unglaube, und iſt ein leidiger Tröſter. 1) O das merken ſich doch die jungen Leute, und lernen doch auch bald von Jugend auf für ihre Seligkeit ſorgen! 4) Das in der Oberlauſitz an der Schleſiſchen Grenze liegt. 54 müſſen, weil ich glaubte, es würde mir vieſer treue Diener Chriſti viel zu ſagen haben. Je— mehr ich aus den vielen Berhinderungen wahr⸗ genommen hatte, daß der Satan“ mir wehren wolle, mit dieſem Prieſter bekannt zu werden, deſto eifriger ſuchte ich Erbauung durch dieſen theuren Mann, und ſagte zu meinen drei Kin⸗ dern, die ich bei mir hatte: „Gebt Achtung, Gott wird ſeine Wundergüte groß an uns machen; betet aber fleißig, hoffet, und werdet nicht müde.“ Da ich nun dieſem Prediger meine übergroße Herzens⸗ und Seelenangſt geklagt hatte, fragte er, ob ich auch dem älteſten Sohn den rechten Weg gewieſen hätte? Ich ſagte: Nein, denn er müßte katholiſch werden, ſo hätte ich ihn nicht weiter turbiren wollen. Da ſtellte mir dieſer Mann die große Verantwortung vor, die ich hätte, auch wie ich als Mutter verbun— den wäre, ihm, meinem Sohn, den rechten Weg zu weiſen und, ſo viel mir Gott verleihen würde, ihre (der Katholiken) Irrthümer zu erklären; wolle das Kind alsdenn die wahre Religion ergreifen, ſo läge mir ob, ohne alles Anſehen des Meinen ihn zu retten, ſo viel mir möglich. Dies war ein Hartes, ja ein mir Unmögliches, meinen lieben Mann ſo zu be— trüben, es drang mir aber ſehr tief zu Herzen; ich bat ihn daher, an die loͤbliche Facultät zu Wittenberg zu ſchreiben, ob ich mich mit gutem Gewiſſen von meinem lieben Manne entfernen könnte? Aber es folgte keine Antwort. In⸗ deſſen beteten wir herzlich den Weg nach Hauſe; Gott ſtärkte uns auch, daß wir gewiß glaubten, Gott müßte uns helfen. Als ich nun den 11. April nach Hauſe kam, ſo fragte ich meinen älteſten Sohn Anton Adrian, wie er ſich die Feiertage erbaut hätte (in der Meinung, ihn zu unterrichten), ſo kommt er mir zuvor und ſpricht: „Wo ſollte ich mich erbaut haben? Die Meſſe verſtehe ich nicht und die Mährlein, welche unſere Prieſter erzählen, wiſſen Sie. Ach wer ſo glücklich wäre, und ſolche Predigten hörte, wie Sie, der kann ſich wohl erbauen! Ach, mein Gott, wenn ich nur Eine evangeliſche Predigt hören ſollte. Ich bitte um Gottes Willen, nehmen Sie nicht ungnädig, daß ich frage: bin ich denn nicht ſo wohl Ihr Kind, als die Mädchen? Ehe Sie dieſe ließen katholiſch werden, würden Sie ein Großes thun, aber nach mir fragen Sie nicht. Ich habe es Ihnen ſo oft zu verſtehen gegeben, wie ich nicht weiß ſelig zu werden bei der katho— liſchen Religion; aber Sie achten es nicht. Ich ſoll nun zur Beichte gehen, — alſo bitte 2 ich mit vielen Thränen um Gotteswillen: retten Sie mich! Sie haben die Verantwortung; ich ſaͤge es Ihnen, und ſchreie um Hülfe! Thun „M wie ein Donnerſchlag getroffen, daß es hätte Sie es nicht, ſo habe ich Urſache, Sie am jüng— ſten Gerichte anzuklagen. Ach, von Herzen bitte ich unterthänig um Verzeihung, daß ich ſo viel rede: die Noth treibt mich dazu!“* *) O, welche Sorge hat dieſer junge Menſch für ſeine Seligkeit gehabt! Wer kann das ohne Bewegung leſen? Sollte da nicht ein Jeder, auch einer, der noch jung iſt, den⸗ ken: Nun, wie ſtehts mit mir? Wie ſorge ich für meine Seelt? Dieſes Kind wünſcht ſich nur eine einzige evangeliſche Predigt zu hören, und ich höre ſo viel Gutes, und erkenne es nicht für eine Wohlthat! Hicrauß ſagte ich erſannend: „Wie iſt mir möglich Dich zu retten?“ Er aber verſetzte: „Liebſte Frau Mutter, Schreibendorf ſteckt Ihnen nur ſo feſte im Herzen und die Furcht vor dem lieben Herrn Vater; um das iſt es Ihnen zu thun. Ich bitte Sie fußfällig, helfen Sie, daß ich kann evangeliſch (lutheriſch) wer⸗ den, ſo habe ich alles genug! Gott weiß am beſten, wie vielmal ich auf meinen Knieen im Garten gelegen, und zu ihm geſchrieen habe, er ſolle mir helfen, denn von Menſchen ſehe ich keine Rettung ꝛc.“+) Da wäre, ſagte er, ſein Beichtgehen wieder aufgeſchoben worden; ja er hätte etliche mal gedacht wegzulaufen, er wüßte nur nicht, wohin. Um noch mehr den Trieb des heiligen Gei⸗ ſtes zu erkennen, ſtellte ich meinem Sohne die väterliche Ungnade vor; er ſagte: „Das iſt mein Größtes, was ich fürchte, des lieben Vaters Fluch; aber es kann mir nicht ſchaden. Ich thue ja nichts Böſes, ſondern will nur ſelig werden.“ Ich ſagte ihm hierauf, wie er dann nie etwas von unſerm Vermögen zu hof— fen hätte, auch was aus ihm werden könnte, weil der Herr von R., ſeines Vaters Bruder, ihn ſollte ſtudiren und reiſen laſſen. Aber er antwortete: „Das habe ich alles ſchon bedacht; aber was hülfe es mich, wenn ich alles hätte und wüßte, und müßte meiner Seligkeit unge⸗ wiß ſein! Ich bin bereit, im täglichem Camiſol wegzugehen, wenn ich nur evangeliſch werden kann! Gott wird mich nicht laſſen, das weiß ich! Ach, nehmen Sie mir es nur nicht ungnä— dig, daß ich ſo große Worte rede! Weil ich auf Pfingſten das erſte Mal ſoll zur Beichte gehen, iſt es am letzten mit mir.“ Da ſagte ich: „Rede, denn Fleiſch und Blut hat Dich das nicht geheißen, ſondern die große Gnade Got— tes iſt in Deiner Schwachheit mächtig.“ Ich verſprach ihm, ihn mit Gottes Hülfe zu retten, er ſollte ferner inbrünſtig um die Regierung des heiligen Geiſtes beten. Auch fragte ich ihn, was er für Serupel in der katholiſchen Religion hätte? Er ſagte: „Sehen Sie nur die zehn Gebote an. Im erſten Gebot ſagt Gott: Du ſollſt nicht andere Götter haben neben mir; wiſſen Sie nicht, wie die Katholiſchen vor den Bildern niederfallen und ſie herzen und lecken; das müſſen ja andere Götter ſein! Auch habe ich oft gehört, wie die Pfaffen den Lutheranern zugeben müſſen, die erſten Chriſten hätten das heilige Abendmahl in beider Geſtalt gegeben, aber der Pabſt hätte ſzolches aus gewiſſen Urſachen geändert, was er auch Macht hätte; und dies muß ja Sünde ſein; denn ſo will er ja mehr ſein, als Gott!“ Dann äußerte er gegen die älteſte Schweſter: ein Herz brennt mir vor Freude, daß die liebe Mutter mich zu retten verſprochen. Gott wird ſchon helfen, wir wollen fleißig beten;“ und dazu ermahnte er auch die andern Kinder ſehr. Alſo haben wir recht herzlich zu Gott geſeufzt, 1) Gebet iſt das beſte Hülfsmittel in der Noth. O, wenn doch alle junge Leute auch ernſtlich zu Gott beteten. Gewiß, ſie würden damit dem ganzen Himmel eine Freude machen, und Gott würde ſie zu beſondern Werkzeugen zubereiten, wenn ſie bald in der Jugend das Gebet ihr liebſtes Geſchäft ſtin ließen.