# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_M rz 1857_S90 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 90 Ueber Amerika's kirchliche Gegenwart und Zukunft. Ferne, und diejenigen werden sich sehr täuschen, die ihren Eintritt vielleicht schon in der nächsten Generation erwarten. Nach dem jetzigen Verhältnißstande Amerika's, wie ihn alle kundigen und glaubwürdigen Stimmen, namentlich auch unser Verfasser selbst, schildern, läßt sich Nordamerika's religiöser Entwickelungsgang in der nähern, vielleicht aber immer noch um mehrere Menschenalter entfernten Zukunft mit ziemlicher Bestimmtheit voraussagen. Die große Zahl der dortigen christlichen Parteien ist freilich ganz geeignet, ein unbefangenes Urtheil zu erschweren; aber selbst wenn sie später noch durch Einwanderungen aus der morgenländischen Kirche vermehrt werden sollten (was wenigstens nicht unter die Unmöglichkeiten, nicht einmal unter die Unwahrscheinlichkeiten gehört), wäre doch der eigentliche Sachverhalt für den nicht an der Oberfläche der Erscheinungen klebenden Blick einfach und klar. Nicht die Menge, die endlose Zersplitterung, nein, der Boden, der Geist, der jene Parteien erzeugt, trägt und zuletzt auch wieder verschlingt, kann allein bei der Frage nach Amerika's religiöser Zukunft in Betracht kommen. Wenn auch alle Confessionen und Secten der alten Welt in die neue übersiedelten, so könnten und würden sie doch nur 5 Hauptgruppen bilden, je nach dem Hauptfactor, nach dem Lebenselemente ihrer religiösen Anschauungsweise. Von diesen 5 Gruppen treten gegenwärtig in den Vereinigten Staaten nur diejenigen drei hervor, die entweder im Romanismus, oder in der evangelischen Reformation, oder im Calvinismus ihr geistiges Centrum finden; die um den orientalischen Katholicismus sich lagernde ist noch gar nicht vertreten, und die im Enthusiasmus wurzelnde, den „Geist,“ das „innere Licht,“ die „Vernunft“ zu ihrem Leitstern wählende, wird schwerlich auf Einfluß, wahrscheinlicher, wie das Beispiel der Mormonen zeigt, auf harten Widerstand zu rechnen haben. Wird nun die Frage so gestellt, welche von jenen 3 Hauptreligionen das amerikanische Volks⸗ und Staatsleben am meisten bestimme, von welcher also auch die nähere religiöse Zukunft des Landes vorzugsweise abhängen werde, so ist die unbestreitbare, weil thatsächliche, Antwort, daß gegen das dominirende Gewicht der calvinischen Grundanschauung jede andere in den dunkeln Hintergrund zurücktritt. Alle amerikanischen Lebensverhältnisse und Lebensbedingungen sind von dem Calvinismus wie von einem Sauerteige durchdrungen; in ihm finden sich alle tonangebenden Parteien zusammen, wie eines Baumes getrennte Aeste in ihrem gemeinschaftlichen Stamme; was die Vereinigten Staaten in der Gegenwart sind, das sind sie nur durch ihn geworden. Auch Schaff spricht das wiederholt und mit starker Betonung aus, wie es sich denn überhaupt jedem unbefangenen Beobachter unwillkürlich aufdrängt. Ist aber der Grund und Boden, auf dem sich das politische, sociale und religiöse Leben Nordamerika's bewegt, calvinisch, so läßt sich nach menschlicher Ansicht nicht erwarten, daß die nächste kirchliche Entwickelung jenes Landes nach andern als den Principien des Calvinismus vor sich gehen werde. Eine Sectenverminderung dürfte hiernach schwerlich zu hoffen sein: an die Stelle der untergehenden würden immer wieder neue treten; — der