# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1846 12 22_S50 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) Richter, noch Beſchützer Luthers. Ueber den Geiſt dieſes Mannes wage ich kein Urtheil zu fällen, denn es iſt ſehr ſchwierig, zumal ein ſchlechtes; und doch wenn ich ihm günſtig wäre als einem guten Menſchen, was ſelbſt ſeine Feinde geſtehen, wenn ich ihm günſtig wäre als einem Angeklagten, was die Geſetze auch den geſchwornen Richtern erlauben, oder als einem Unterdrückten, was die Menſchenfreund— lichkeit fordert, wie groß würde der Neid der— jenigen ſein, welche mit erheuchelter Demuth gegen die Wiſſenſchaften zu Felde zieben, nur damit ſie mich nicht in die Sache miſchten.“ Als die Oratoren Marinus Caracciolus und Hieronymus Aleander dem Erasmus im Jahre 1520 im Namen des Pabſtes ein Bi⸗ ſchofsthum verſprachen, wenn er gegen Luther für das Anſehen des Pabſtes die Feder ergriffe, antwortete jener: „Größer iſt Luther, als daß ich gegen ihn ſchreiben könnte. Größer iſt Luther, als daß er von mir verſtanden werden könnte. Ja, ſo groß iſt Luther, daß ich durch das Leſen Einer Seite von ihm mehr lerne, als aus dem ganzen Thomas.“ Philipp Melanchthon führtendlich in der Vor— rede zum dritten Bande der lateiniſchen Schrif— ten Luthers ein Urtheil des Erasmus von Rot⸗ terdam über Luther an, das er gewöhnlich fällte: „Niemand ſei ein richtigerer Schriftaus— leger unter Allen, von denen Schriften nach den Apoſteln da ſind, als Luther.“ (Was das Urtheil des Erasmus betrifft, weiſen wir noch zurück auf die Anecdote von Luthers zwei größ⸗ ten Sünden, die wir bereits in der 5. Nummer des 2. Jahrg. mitgetheilt haben.) Andreas Maſius, ein großer Sprach— gelehrter, (geſtorben 1573 zu Zevenar im Cleviſchen) erklärte in einer zaͤhlreichen Ver— ſammlung von Papiſten und Lutheranernim Kloſter Weingarten: „Auf einer Seite der Schriften Luthers ſei mehr gründliche Theologie, als zuweilen in ei— nem ganzen Buche irgend eines Kirchenvaters.“ Johann Fiſher, Biſchof von Rocheſter, dieſer ſonſt eifrige Verfolger der Lutheraner (ſtarb 1535, auf Befehl Heinrichs VIII. hingerichtet) ſchreibt in einem Briefe an Erasmus: „Er wünſche einmal mit ihm (Luthern) zu— ſammenzukommen, wenn es ſich thun ließe, um ihn über einiges zu fragen, was auch ihm (in der römiſchen Kirche) nicht gefalle,“ er ſetzt auch hinzu, „Luther ſei in der Schrift ſo be— wandert, daß es an ein Wunder grenze,“ er wünſcht nur, „er hätte vom Pabſte geſchwiegen.“ Anton Varillas (ein römiſchkatholiſcher Geſchichtſchreiber, ſtarb zu Paris 1696): Es ſcheinet, daß die Natur in ſeiner (Luthers) Perſon einen italieniſchen Geiſt mit einem deutſchen Körper vereinigt hatte; ſo lebhaft, ſo emſig, ſo munter, ſo geſund war er. Niemand übertraf ihn in der Erkenntniß der Weltweis— heit und Schultheologie; und niemand war ihm in der Kunſt zu predigen gleich zu ſchätzen. Er beſaß die erhabene Beredtſamkeit vollkom⸗ men; er wußte, wo der menſchliche Geiſt ſchwach oder ſtark war; er kannte den Ort, wo der An⸗ 50 griff am ſicherſten war; ſeine Zuhörer mochten noch ſo verſchiedene und hartnäckige Neigungen haben, wie ſie wollten, er hatte ſie alle ergrün— det; die Gemüthsbewegungen wußte er hervor— zubringen, oder zu unterdrücken, wie es nöthig war, den Wirkungen derſelben entweder den Lauf zu laſſen, oder ſie aufzuhalten, und wenn der Vortrag für den Verſtand zu ſchwer war, ſolchen zu begreifen, ſo unterließ er nicht, ihn durch Vorſtellungskraft und die Lebhaftigkeit und Kraft der Bilder faßlich zu machen. Nie— mals verließ er den Lehrſtuhl, wo er die Bewe— gungen der Gemüther nach ſeinem Willen ent— weder erregt oder gedämpft hatte, ohne ſein allgemeines Anſehen im Umgang zu vergrößern . . . Endlich erhielt er einen völligen Sieg durch die Zierlichkeit ſeiner deutſchen Schreib— art bei denen, die ſeine Beredtſamkeit in Bewe— gung brachte und ſein Umgang beluſtigte, und wie damals niemand ſeine Mutterſprache beſſer redete und ſchrieb, als er, ſo hat auch niemand nach ihm mit mehrerer Anmuth darinnen gere— det und geſchrieben. (Uist. des heres. lib. III.) Dem Vorſtehenden fügen wir noch Folgen— des bei, woraus erhellt, wie von Luthern ſelbſt ſeine Widerſacher in der römiſchen Kirche urtheilten und, wenn ſie es auch nicht immer bekennen, noch jetzt denken. Mattheſius erzählt u. a. dieſes: Als durch Luthers Auftreten großer Laͤrm unter dem Volk entſtand und das Anſehen der Pfaffen ſinken wollte, ſchlug ein vornehmer Mann vor, „man ſolle ihm (Luthern) etliche 100 Gulden in den Hals ſtecken,“ aber ein anderer, ein Italiener, der Luthers Charak— ter beſſer kannte, entgegnete: „Es hilft nichts an ihm; die deutſche Beſtie achtet keines Gel— des und nimmt keines, wenn mans ihm ſchon anbeut.“ — Endlich ſchreibt Spener in ſeinem „Glaubenstroſt,“ Theil 2. S. 522: „Wie mir von vornehmen Papiſten bekannt iſt, die ſelbſt in Gegenwart vornehmer ihrer Geiſtlichen be— kannt, ſie hätten ebenſowohl dem Luthero viel zu danken, dann ſo der nicht gekommen wäre, würden die Geiſtlichen den Adel, Bürger und Bauern endlich genöthigt haben, Haberſtroh zu eſſen.“ (Fortſetzung folgt.) Die reine Lehre von der Rechtferti⸗ gung, ein ſicherer Probirſtein aller Secten. (Siehe Luthers Auslegung des 117. Pſalms von 1530.) Ich gebe Anweiſung, das Hauptſtück unſerer chriſtlichen Lehre in der Schrift allenthalben zu ſuchen und zu handeln, nämlich, daß wir ohne allen Verdienſt, durch lauter Gottes Gna— den, in Chriſto uns geſchenket, fromm, lebendig und ſelig werden müſſen, und daß ſonſt kein ande⸗ rer Weg, noch Steg, keine andere Weiſe noch Werk, uns dazu verhelfen möge. Denn ich ſehe und erfahre täglich allzuwohl, wie manich⸗ fältig der leidige Teufel dieſem Hauptſtücke nachſtellet, daß er es wieder ausrotte. Und ob es die überdrüſſigen Heiligen ein unnöthiges Ding achten, ſo faſt und immerdar ſolches zu treiben (denn ſie laſſen ſich dünken, daß ſie es faſt wohl wiſſen und haben es längſt ausgelernet); ſo weiß ich doch wohl, wie weit ſolch ihr Dünkel fehlet, und wiſſen nichtz überall davon, wie viel an dieſem Stücke gele⸗ gen iſt. Denn wo dies einige Stück rein auf dem Plan bleibet, ſo bleibet die Chriſtenheit auch rein und fein einträchtig und ohne alle Rotten; ſintemal dies Stück, und ſonſt nichts, macht und erhält die Chriſtenheit. Alle andere Stücke mögen bei falſchen Chriſten und Heuch⸗ lern auch gleißen: wo dies aber nicht bleibtt, da iſt es nicht möglich, daß man einigem Irr⸗ thum oder Rottengeiſt wehren möge. Das weiß ich fürwahr und habe es verſucht alſo viel, daß ich weder der Türken noch Jüden Glauben könnt verlegen, wo ich ohne dies Stück ſollte handeln. Und ob auch Rotten aufkommen oder an⸗ fahen, da habe du keinen Zweifel, daß ſie gewißlich von dieſem Haupiſtück gefallen ſind, unangeſehen, daß ſie mit dem Maule viel von Chriſto plaudern und ſich ſonſt putzen und ſchmücken. Denn dies Stück läßt keine Rotien aufkommen; ſintemal es nicht kann ſein, der heilige Geiſt muß auch da ſein, der nicht Rotten läßt anfahen, ſondern Eintracht gibt und erhält. Und ſonderlich, wo du einen unzeitigen und unreifen Heiligen höreſt, der ſich rühmt, er wiſſe faſt wohl, daß wir ohne unſer Werk, durch Gottes Gnade ſelig werden müſſen, und ſtellte ſich, als ſei es vor ihm eine ſchlechte Kunſt, da zweifele du nichts überall, daß derſelbige nicht weiß, was er ſagt, ſoll es vielleicht auch wohl nimmermehr erfahren noch ſchmecken. Denn es iſt nicht eine Kunſt, die ſich läßt auslernen, oder rühmen, daß man ſie könne: es iſt eine Kunſt, die uns will zu Schülern behalten, und Meiſterin bleiben. Und alle, die ſie recht können und verſtehen, die rühmen ſich nicht, daß ſie es alles können; ſondern fühlen wohl etwas davon, als einen lieblichen Schmack und Geruch, dem ſie nach— trachten und laufen, verwundern ſich und kön⸗ nen es nicht faſſen noch zu Ende ergreifen, wie ſie gern wollten, durſten, hungern und ſehnen ſich immer mehr und mehr darnach, und werden es nicht ſatt zu hören noch zu handeln; wit St. Paulus Phil. 3, 12. ſelbſt bekennt, daß ers noch nicht ergriffen habe; und Chriſtus Matth. 5, 6. „ſelig ſpricht, die ſolchen Hunger und Durſt fühlen nach der Gerech— tigkeit.“ Und wen es gelüſtet, der denke mein bei die⸗ ſem Exempel, das ich hiermit bekennen will. Es hat mich der Teufel etliche Male erwiſcht, da ich an dies Hauptſtück nicht dachte, und mit Sprüchen der heil. Schrift alſo geplaget, daß mir Himmel und Erde enge ward. Da waren Menſchenwerk und Geſetze alle recht, und im ganzen Pabſtthum kein Irrthum. Kürklich, es hatte Niemand jemals geirret, ohne der Luther allein, alle meine beſten Werke, Lehrt, Predigt und Bücher mußten verdammt ſein. Auch wäre mir beinahe der ſchändliche Maho⸗ met zum Propheten, und beide, Türken und Jüden, eitel Heilige geworden. Darum, lieber Bruder, ſei nicht ſtolz, noch allzu ſicher und gewiß, daß du Chriſtum wohl kenneſt. Du höreſt jetzt, wie ich dir beichte und bekenne, was der Teufel vermocht hat ——.——