# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_M rz 1857_S88 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 88 Ein Zeugniß Dr. Hengstenbergs gegen den Chiliasmus. in gespannter Erwartung der Dinge, die da kommen sollten. „Man ließ die Kirchen und Klöster verfallen, viele Fürsten und Herren reisten nach Rom, bauten Hospitäler für die Armen und Pilgrimme, wie auch Abteien, wo sich etliche von ihnen hin verfügten, jenen Tag zu erwarten.“ Wahrhaft seltsam ist das Vorurtheil gegen die aufgestellte Ansicht vom tausendjährigen Reiche, als nehme sie uns etwas von unserem Troste, als sei sie geeignet unsere Hoffnung herabzustimmen, ein Vorurtheil, dem durch den gar zu sehr für seine Ansicht eingenommenen Bengel mannigfache Nahrung gegeben worden ist. Grade im Gegentheil, es ist für uns sehr tröstlich zu wissen, daß wir die tausend Jahre bereits hinter uns, vor uns also nicht die Dämmerung, sondern den hellen Tag, nicht den vorläufigen Sieg haben, dem dann wieder schwere Niederlage folgt, sondern den Endsieg. Wenn die alte Erde immer mehr verderbet und voll Frevels wird, so ist das ein großer Trost, daß wir gerades Weges der neuen Erde zupilgern, auf der Gerechtigkeit wohnet. Charakteristisch ist die Aeußerung Bengel's S. 581: „Diejenigen thun der Sache viel zu wenig, die aus den tausend Jahren etwas Vergangenes und folglich so Geringfügiges machen.“ Wer so die Vergangenheit der christlichen Kirche ansieht, schneidet eben damit, ohne es zu merken, die Wurzel einer lebendigen und vernünftigen Hoffnung für die Zukunft ab. Hat sich das: Siehe ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende, in der Vergangenheit so schlecht bewährt, so ist es thöricht, darauf zu hoffen, daß es in Zukunft plötzlich anfangen sollte herrlich in Erfüllung zu gehen. Ist es ja doch auch bei dem Einzelnen so, daß seine Hoffnung auf die Zukunft genau in demselben Maße lebendig ist, als er den Segen Gottes zu erkennen vermag, der unter dem Kreuze, die Gnade, die hinter der Sünde verborgen ist, was nur der vermag, der von Herzen das: Was ich nicht erkenne, lehre du mich, sprechen kann. Ein anderer Hauptgrund gegen unsere Ansicht vom tausendjährigen Reiche wird entnommen aus V. 4 — 6. Hienach soll mit dem Beginn der tausend Jahre die Auferstehung der Gerechten eintreten, und diese sollen die ganzen tausend Jahre hindurch auf der Erde weilen. Da davon in der Vergangenheit nichts wahrzunehmen, so ist, meint man, sonnenklar, daß die tausend Jahre der Zukunft angehören müssen. Allein an solcher Auffassung sollte schon das Eine hinreichen irre zu machen, daß sie zu einer ganz monströsen Vermischung des Unvereinbaren führt: die Kirche bestehend aus einem Gemisch von Gliedern, die noch im bildung der Theologie trat ihre Haltlosigkeit mehr und mehr ans Licht. Auch dadurch wurden sie zurückgedrängt, daß mehr und mehr sich zeigte, wie die Kirche unter den gewöhnlichen menschlichen Verhältnissen zur herrschenden Macht gelangen werde. Lactanz ist der letzte namhafte Vertreter des Chiliasmus. Der Trieb, welcher in der alten Kirche dagegen reagirte, war ein gesunder, wenn er auch in der Wahl der Kampfmittel bei mangelndem exegetischen Vermögen oft bedeutend fehlgriff.