# Lehre und Wehre_St. Louis Missouri_M rz 1857_S76 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 76 Zu der Lehre von der Gnadenwahl und einigen damit zusammenhängenden ꝛc. seine Selbstheit keines persönlichen Verhältnisses zu seinem himmlischen Wohlthäter fähig gewesen sein würde, in Zweifel und Mißtrauen gegen das Wort gerieth, durch welches die ordnende höchste Weisheit und Liebe in Erinnerung gebracht wurde. Auf diese Weise nun konnte es geschehen, daß die Grundbegierde der eignen Lebensförderung zum herrschenden Prinzip erhoben ward, dadurch vielmehr Furcht gegen Gott das Herz erfüllen mußte, und sein Vermögen, auch mit dem Vollkommensten moralisch sich zu vereinigen, an der Welt nur hangen blieb. Alles ward in seinem Innern völlig modificirt und der andern, wo die Sünde in gleichem Maß wider alle Erfahrung verschwände, erhebt. Am allerbedenklichsten ist es, daß sich hier der ganze Gegensatz des Guten und Bösen in einen quantitativen Unterschied von Mehr oder Minder auflöst und endlich in das Meer pantheistischer Consequenzen verlieren muß, nach welchen auch Gott nicht mehr von der Welt verschieden ist. Der eigentliche Sitz des Irrthums ist in der Auffassung des Bösen nach metaphysischen Bestimmungen zu suchen, (welche in einem ganz formalen, von ethischer Bedeutung abstrahirenden Sinne Etwas gut heißen, wiefern es zur Erfüllung der in einem Wesen liegenden Triebe dienet, mit irgend einem Willen als übereinstimmend erkannt wird,) so daß es nur darin bestehen soll, wenn im Vergleich zu vollkommenern Gegenständen unsers Begehrens den unvollkommeneren weniger Realität einschließenden mehr sich zugewandt wird. Das ist aber eine Folge der Entzweiung in des Menschen eignem Wesen, welche wiederum erst bedingt ist durch seinen Abfall von Gott. Wenn Lehrer der Kirche, besonders Augustin und spätere ihm nachfolgende, diesen als eine conversio à bono majori ad minus, a bono incommutabili ad commutabilia, als eine defectio ab eo, quod summe est, ad id, quod minus est bezeichneten: so wollten sie damit nicht, wie die Worte selbst ergeben, einseitig ihn beschränken auf eine graduelle Hemmung der Seele durch ihre Leiblichkeit, die doch in einem gewissen Zusammenhang nur stände mit geschöpflich⸗metaphysischer Unvollkommenheit, weil Wille und Verstand immer auf Stetigkeit der Lebensmomente dringen, die Sinnlichkeit dagegen eines wechselnden augenblicklichen Genusses bedarf. Er ist auch ihnen eine dem ursprünglichen Zweck entgegentretende Thätigkeit der Selbstbestimmung in einer Creatur, die in dem Wahne, sich zur Gottgleichheit zu erhöhen, die eigne Willkür im Gebrauch der Außenwelt an die Stelle des Gebotes setzte und durch sein Fürsichsein das höchste Gut einbüßte. Die Grundbegierde, welche das individuelle Dasein durch Selbstvervollkommnung zu befriedigen sucht, entzog sich einer vom Gewissen auf Gott geleiteten Verbindung mit derjenigen im Menschen, welche nach den Objecten außer uns, an welchen wir Vollkommenheit wahrnehmen, gerichtet ist, also daß unter Beiwirkung eines sinnlichen Verlangens das Ich in Abhängigkeit von zeitlichen Dingen gerieth, die, abgetrennt von ihrer Beziehung auf Gott, dessen Liebe und Weisheit zu offenbaren, von ihm nun nicht mehr im Einklange mit der absoluten Bestimmung seines Daseins genossen und gebraucht werden konnten. Die Gesundheit des menschlichen Lebens war nur da zu erkennen, wo mit sämmtlichen Antrieben von bedingter Bedeutung in ihrer naturgemäßen Lebendigkeit die innigste positive Vereinigung und zwiespaltlose Harmonie von einer sie alle heiligenden Bestrebung eingegangen war. Das Bewußtsein des Menschen umfaßt das Selbst mit der Welt und den Inhalt seines Gewissens, welcher die beiden Grundtriebe, das Verlangen der Vollkommenheit an sich und unsrer eignen insonderheit, in ihrem gegenseitigen normalen Verhältniß bestimmte. Das erstere hat zum Object seiner Liebe nicht bloß Geschaffnes, sondern vermag den Schöpfer selbst, die höchste Vollkommenheit außer uns, zu besitzen, und reicht darum die Materie zur edelsten Güte des Willens dar, wenn in die Gemeinschaft dieser heiligen Liebe und den Genuß des Geliebten die Creatur aufgenommen ist. Durch die Zerreißung dieses schönen, lieblichen Bandes ist der Geist des Menschen zum Fleisch herabgesunken; von einer bloßen Unterordnung des Größern unter das Geringere kann hier nicht die Rede sein; der Verlust des unendlichen Objects ist auch von unendlicher Bedeutung.