# LCMS Convention Proceedings_St. Louis Missouri_1902_S36 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 36 Verhandlungen der 25ſten Allgemeinen oder in die Werke des Menſchen ſetzt, der verliert mit der Seligkeit auch die guten Werke. Es hat noch niemals ein Menſch eher ein einziges gutes Werk ge⸗ than, als bis er vorher glaubte, daß er ohne ſeine Werke, durch den Glau⸗ ben an Chriſtum einen gnädigen Gott habe. Weshalb? Soll ein Werk gut ſein, ſo muß es Gott gethan wer⸗ den, ſo muß Liebe zu Gott im Herzen des Thäters ſein. Nun kommt aber nach dem Sündenfall Liebe zu Gott nur auf Eine Weiſe in ein Menſchen⸗ herz, nämlich wenn es erkennt, glaubt und alſo erfährt: Gott hat ſich mei⸗ ner in Chriſto erbarmt; Gott hat mich durch Chriſtum von der ewigen Ver⸗ dammniß errettet und mir den Himmel geſchenkt. Wenn daher der Apoſtel Paulus die Chriſten zur „chriſtlichen Sittlichkeit“ ermahnt, ſagt er Röm. 12, 1.: „Ich ermahne euch durch die Barmherzigkeit Gottes, daß ihr eure Leiber begebet zum Opfer, das da lebendig, heilig und Gott wohl⸗ gefällig ſei.“ „Durch die Barmherzigkeit Gottes“, das heißt, durch Er⸗ innerung an die Thatſache, daß Gott auch ſeines eigenen Sohnes nicht ver⸗ ſchont, ſondern ihn für euch alle dahingegeben hat. Gute Werke thun, iſt eine Kunſt, die auf eine ganz beſtimmte Menſchenklaſſe ſich beſchränkt, die nur der kann, der an Chriſtum als ſeinen Sündentilger glaubt. Luther ſagt: „Chriſtus muß für allen Dingen unſer und wir ſein werden, ehe wir zu den Werken greifen.“ *) Und an einer anderen Stelle: „Du mußt den Himmel haben und ſchon ſelig ſein“ (nämlich durch den Glauben an Chriſtum), „ehe du gute Werke thuſt. Die Werke verdienen nicht den Him⸗ mel, ſondern wiederum (umgekehrt), der Himmel, aus lauter Gnaden ge⸗ geben, thut die guten Werke dahin, ohne Geſuch des Verdienſtes.“ **) Zur chriſtlichen Sittlichkeit gehört ja vor allen Dingen und zuerſt eine himmliſche Geſinnung, eine Geſinnung, die die eiteln Dinge dieſer Welt verachtet und nach dem, das droben iſt, trachtet. Dieſe Geſinnung aber bringt man einem Menſchen weder durch Stoßen und Schlagen noch durch Streicheln, weder durch moraliſche Unterweiſung noch durch Cultur und Wiſſenſchaft, ſondern einzig und allein dadurch bei, daß man ihm den durch Chriſtum erworbenen Himmel ſchenkt. Das geſchieht aber einzig und allein durch das Evangelium und den Glauben an dasſelbe. Alles, was nicht durch den Glauben an Chriſtum ſeinen Schatz im Himmel hat, ergötzt ſich in irgend einer Weiſe an den Träbern dieſer Welt. Etwas anderes iſt gar nicht möglich. Wer daher der chriſtlichen Kirche die Lehre nimmt, daß wir ohne unſere Werke, durch den Glauben an Chriſtum einen gnädigen Gott und die Selig⸗ keit haben, der nimmt der chriſtlichen Kirche damit auch die guten Werke. Und doch hat es ſeit des Apoſtels Paulus Zeiten viele Leute gegeben, die ſich Chriſten nennen und dafür geſtritten haben, man müſſe, wenn es mit der „Sittlichkeit“ und den guten Werken recht flecken ſolle, den Glauben an *) Erl. Ausg., 10, S. 43. **) Walch, XII, 183.